Hilfe für depressive Freunde oder Angehörige

Ist ein Freund oder Verwandter depressiv, wird’s auch für das Umfeld schwierig: Der Betroffene macht zu, weil er seine Gefühle nicht mehr versteht. Zwei Experten zeigen Wege auf, Hilfe anzubieten, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Depressionen kommen oft schleichend. Kann man als Angehöriger die Anzeichen dafür erkennen, noch bevor es eine Diagnose oder einen Hilfeschrei des Betroffenen gibt?

Ulla Konrad, Klinische Gesundheitspsychologin und Vorsitzende des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen: Die ersten Symptome registrieren Angehörige mitunter früher als die Betroffenen selbst: Bei einer Depression zieht sich der erkrankte Mensch sozial und emotional zurück, bei Paaren ist meist auch schnell die Sexualität betroffen.

Dr. Stefan Frühwald, Psychiater und Ärztlicher Leiter des Psychosozialen Dienstes der Caritas St. Pölten: Ja, das Erkennen ist möglich, aber nicht sicher und verlässlich. Bis eine Diagnose gestellt ist, vergehen oft Jahre – wir haben in Österreich relativ wenige spezialisierte Fachärzte und Dienste, die psychische Erkrankungen erkennen können.


Ist die Diagnose endlich gestellt, lebt es sich für Freunde und Angehörige des Kranken dann leichter als vorher?

Konrad:Meist ja, weil das Kind dann endlich einen Namen hat. Es wird auch klar: Der Betroffene lässt sich nicht hängen, keiner hat etwas falsch gemacht, es ist eine Erkrankung, für die niemand etwas kann. Die Diagnose kann aber auch ein Schock sein, psychische Erkrankungen sind für viele ein Stigma.

Dr. Frühwald:Sobald klar ist, dass es eine Erkrankung ist, weiß man auch: Wir können dagegen etwas tun. Depressionen sind gut behandelbar, die meisten psychisch Erkrankten werden wieder ganz gesund. Nur ein kleinerer Prozentsatz muss jahrelang behandelt werden.

Inwiefern leidet das Umfeld bei Depressionen mit – was sind die häufigsten Probleme?

Konrad:Der Erkrankte ist meist antriebslos, schafft vieles nicht mehr: die Arbeit, den Haushalt, die Kinder zu versorgen. Das beeinträchtigt natürlich auch die Lebensqualität der anderen. Und sie sind mit innerer Leere, Verzweiflung und Schwermut konfrontiert, die sie oft nicht verstehen oder nachfühlen können. Das Miteinander wird zäh, das zieht das Umfeld mit runter.

Angehörige leiden massiv mit und haben ein erhöhtes Risiko, ein Burn-out zu bekommen.
von Stefan Frühwald, Psychiater

Dr. Frühwald:Angehörige leiden massiv mit und haben ein erhöhtes Risiko, ein Burn-out zu bekommen oder selbst depressiv zu werden, wenn sie Schwerkranke über Jahre hinweg begleiten.

Was raten Sie Personen, die sich um einen depressiven Menschen in ihrem nahen Umfeld sorgen und kümmern?

Dr. Frühwald:Ich empfehle, einer Selbsthilfegruppe beizutreten – und das aus mehreren Gründen. Über Depressionen spricht man nicht so leicht wie zum Beispiel über einen Herzinfarkt. Sie sind ein Tabuthema. Oft macht sich die Familie Vorwürfe, denkt, sie ist schuld an der Depression – das stimmt so nicht und genau das lernt man in der Selbsthilfegruppe. Dort kriegt man auch Zugang zu verlässlichen Fachinformationen, es werden einem Bücher und Websites empfohlen, man muss nicht selbst mühsam danach suchen. Und: Man kann konkrete Ratschläge diskutieren: Soll ich den Betroffenen entlasten? Oder Druck ausüben? Das alles hilft Angehörigen.

Studien zeigen: Suchen sich Angehörige Hilfe, können sie Rückfälle der Erkrankten vermeiden. Wie das?

Dr. Frühwald:Ja, wenn man Angehörige ernst nimmt, rentiert sich das, auch im Sinne von: Die Erkrankten brauchen weniger Medikamente. Für Angehörige ist es wichtig, das Konfliktverhalten und den Kommunikationsstil mit Depressiven zu üben. Hilfe kann auch nur ein einmaliges Beratungsgespräch sein. Mehr Verständnis und eine ruhigere Atmosphäre sorgen für einen besseren Krankheitsverlauf.

Verständnis fällt aber schwer, wenn man selbst nicht depressiv ist und die Handlungen des Kranken nicht immer nachvollziehen kann. Wie geht man mit diesem Frust um?

Konrad:Sie sollten den schwierigen Mittelweg gehen und versuchen, den depressiv Erkrankten weder anzubrüllen noch wie ein rohes Ei zu behandeln. Auch wenn er es nicht gerne tut, sollte man ihn zu Bewegung animieren – Sport ist ein natürliches Antidepressivum. Man darf aber keine Freude erwarten, das kann ein depressiver Mensch nicht.

Sport ist ein natürliches Antidepressivum.
von Ulla Konrad, Klinische Gesundheitspsychologin

Dr. Frühwald:Aggression ist im Umgang mit Betroffenen nicht hilfreich. Ich verstehe, wenn man ärgerlich wird, weil der Betroffene nichts dazu beiträgt, aktiv seinen Zustand zu ändern. Doch loswerden muss man die Wut anderswo.

Nicht jeder Erkrankte sucht gleich professionelle Hilfe, viele wehren sich gegen die Idee, krank zu sein. Wie bringe ich so jemand dazu, einen Psychiater oder eine klinische Psychologin in Erwägung zu ziehen?

Dr. Frühwald:Sprechen Sie ihn auf Ihre Vermutung an, er könnte an einer Depression erkrankt sein. Lesen Sie sich gemeinsam Artikel, Bücher oder Internetquellen zum Thema durch – und bieten an, mit ihm zu einer professionell abklärenden Stelle zu gehen. Formulieren Sie es so, dass es Ihnen ein Anliegen ist und Sie sich Sorgen machen. Aber klar, es bleibt ein Kunststück: Unser Hilfesystem bei psychischen Erkrankungen wird noch immer stigmatisiert.

Konrad:Gut ist es, wenn Sie es an konkreten Beobachtungen festmachen, etwa „Du schaffst es morgens schwer aus dem Bett“ oder „Ich sehe, jetzt vergräbst du dich wieder in deine Bücher und triffst keine Freunde mehr“.

Äußern sich bei Männern Depressionen anders?

Konrad:Bei Männern wird die Krankheit nicht so rasch diagnostiziert. Sie tendieren zur versteckten Depression, die sich in Alkoholmissbrauch äußert.

Was viele Menschen nicht wissen: Es ist eine potenziell tödliche Krankheit.
von Stefan Frühwald, Psychiater

Dr. Frühwald:Wenn es ihnen schlecht geht, flüchten sich Männer oft in Suchtverhalten. Oder sie bringen es durch Ärger zum Ausdruck. Bei Depressionen begehen Männer außerdem häufiger Suizid als Frauen. Was viele Menschen nicht wissen: Es ist eine potenziell tödliche Krankheit: Durch Suizide aufgrund von psychischen Krankheiten gibt es jährlich doppelt so viele Todesopfer wie durch Verkehrsunfälle.

Das heißt: Suizidgedanken immer ernst nehmen?

Konrad:Unbedingt! Es beginnt schon bei Sätzen wie „Ich mag nicht mehr“ oder „Ich will nur meine Ruhe haben“. Angehörige befürchten oft, durch Nachfragen das Thema erst ins Bewusstsein zu bringen, doch das stimmt nicht. Suchen Sie sich professionelle Hilfe!

Im Umgang mit Depressiven bleibt die drängendste Frage: Wann soll ich was tun, wann soll ich es lassen?

Konrad:Sprechen Sie offen an, was Sie verunsichert. Bleiben Sie dran – aber achten Sie auch auf sich selbst. Noch mal: Depressionen sind gut behandelbar und kein Schicksal! Eine Beziehung muss deswegen nicht in die Brüche gehen.

Dr. Frühwald:Es gibt kein Patentrezept, was man tun soll und was nicht. Manche Betroffenen sagen, Druck tut ihnen nicht gut – man würde ja auch keinen Menschen mit Gipsbein zum Tanzen auffordern. Ich empfehle, hartnäckig zu bleiben: Machen Sie immer wieder freundliche Beziehungsangebote. Was die Freund- oder Partnerschaft stärkt und fördert, ist nie falsch.

Freunde und Familie von depressiven Menschen plagt oft die Unsicherheit: Was soll man tun, was lassen? Wir zeigen fünf typische Alltagshürden im Zusammenleben mit depressiven Menschen – und wie Sie diese umschiffen.

Hürde 1: „Ich bemühe mich wirklich, aber da kommt emotional nichts zurück.“
Auf „Ich liebe dich“ keine Antwort zu erhalten, kränkt. Die Verletzung passiert aber von Seiten des depressiven Menschen nicht bewusst. Er hat durch die Krankheit wenig Zugang zu seinen echten Gefühlen und kann nicht adäquat reagieren. Üblicherweise, sagt Psychologin Ulla Konrad, gebe es aber schon Reaktionen. „Vielleicht kommen sie einfach nur zeitverzögert oder scheinbar emotionslos daher. Bleiben Sie dran.“ Akzeptieren Sie: Der Erkrankte schafft es nicht, wie gewohnt auf Ihre Bedürfnisse einzugehen. Achten Sie daher auf eigene Freiräume, treffen Sie sich viel mit Freunden, um aufgefangen zu werden.

Hürde 2: „Oft will ich nur schreien: Reiß dich endlich zusammen.“
Niemand erwartet, dass Sie psychologisch immer richtig reagieren. Das können Sie auch gar nicht. Die Depression Ihres Freundes / Verwandten / Liebsten ist schließlich auch für Sie Neuland. Obiger Satz aber ist ein No-go. Denn er impliziert, so Psychiater und Psychotherapeut Dr. Stefan Frühwald, „der Kranke könne im normalen Lebenstempo mithalten, wenn er einfach nur genügend Willensstärke aufbringen würde. Doch das kann er nicht.“

Hürde 3: „Das kann doch nicht sein, dass du es nicht mehr aus dem Bett schaffst!“
Abends fühlen sich depressive Menschen meist etwas besser, weil sie hoffen, am nächsten Morgen sei der Spuk vorbei. Umso schlimmer, wenn die Welt dann gleich schlecht aussieht. Bleibt der Erkrankte im Bett liegen, rät Dr. Frühwald Partnern zu einem reduzierten Programm, etwa: „Probiere es wenigstens zum Frühstück, ich steh dir bei.“

Hürde 4: „Ich habe ständig Angst, was Falsches zu sagen.“
Eine Depression ist für das Gegenüber schwer zu verstehen. Was man außer geduldigem Zuhören tun kann? Das Ehepaar Johnstone schreibt in Mit dem schwarzen Hund leben: Sammeln Sie z. B. Fotos und alles, was den depressiven Partner an schöne Dinge erinnert – und holen Sie diese bei Bedarf raus. Oder ernennen Sie „Freunde des Tages“, die helfen kommen.

Hürde 5: „Ist das alles nur wegen mir, hab ich was falsch gemacht?“
Bei psychischen Erkrankungen forscht man nach Ursachen. Betroffene geben sich oft selbst die Schuld, Eltern fragen sich, was etwa in der Erziehung schiefgelaufen ist. Fakt ist: Psychische Erkrankungen werden nicht durch Verhaltensfehler ausgelöst, sie sind eine medizinische Störung.

 

Aktuell