In High Heels zurückgestöckelt

Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über den Gleichstellungs-Aufbruchs-Spirit vor 30 Jahren und das fehlende Selbstbewusstsein heute.

30 Jahre also. Nun. 1985. Da war noch der Schwung aus den 60ern da. Es standen zwar schon die ersten Yuppies an den Tresen der Stehbars. Aber die wurden nicht ernst genommen. Damals. Als Frauen. Wir waren sicher. Wir trugen weite Röcke, lange Pullover, flache Schuhe und keine BHs. Wir waren auch gesichert in unserem Selbstgefühl. Die Familienrechtsreform 1975 und die darauf folgende Scheidungsreform hatte uns die Gleichberechtigtheit gesetzlich verankert. Wir konnten endlich unser Lebensmodell wählen. Die Verhandlungen darüber hatten im Privaten zu turbulenten Liebesgeschichten geführt. Im Öffentlichen gab es die solidarische Anerkennung voneinander.

Das war schön. Wir waren freier. Aber. Wir hatten auch leben lernen müssen, dass es nur noch um die Liebe ging. Dass das „lebenslänglich“ der bürgerlichen Ehe aufgehoben war. Das hieß, dass die Kunst des Liebens auch die Trennung beinhaltete. Das war schwierig. Das war herzzerbrechend. Und. Die Melancholie der Schlager und Hits damals beschreibt das heute noch. Dusty Springfield war da besonders gut. Und. Gloria Gaynors I’ll survive beschreibt nur triumphal das Elend dieses Lernprozesses. Trotzdem. Die Freiheit wurde gemeisterinnet. Das gelang, weil es diesen Schwung gegeben hatte. Das Selbstgefühl kam aus dem Erfolg der Jugendbewegung, die heute die 68er genannt wird. Die Sache war sehr viel differenzierter. Aber. Der Protest, der sich aus der Antivietnamkrieg-Bewegung heraus über die gesamte westliche Welt verbreitete. Dieser Protest war erfolgreich gewesen. Es hatte zu Ergebnissen geführt, zu den Antivietnamdemos zu gehen. Es war sinnvoll gewesen, an den Frauendemos teilzunehmen. Der Protest veränderte die Welt. Und die Frauen.

Gleich ein Jahr später. 1986. Der Gegenschlag beginnt. In Österreich. Jörg Haider wird Parteiobmann der FPÖ. Mit Peymann kommt ein antifeministischer Linker an das Burgtheater. In Österreich. In der ganzen Welt werden die Reformen gestoppt. Die Verwirtschaftlichung beginnt. Die Globalisierung wird unübersehbar. Der Ostblock fällt. Damit wird ein anderes Modell der Geschlechtergerechtigkeit denunziert. Im Westen. In Europa. In den Ländern, die bis 1986 nicht alle gesetzlichen und wirtschaftlichen Strukturen der Gleichberechtigung von Mann und Frau anpassten. Wie das in den skandinavischen Staaten der Fall war. In diesen Ländern wird Geschlechtergerechtigkeit zur Oberfläche, unter der das alte Modell des Familienerhalters mitgedacht bleibt. Die Ehe wird da weiter als Versorgungsinstitut zur Entlastung des Staats benutzt. Für die Frauen bedeutet das, dass sie als Familienwesen angesehen werden, denen keine volle wirtschaftliche Selbsterhaltung zugedacht werden muss. Das ist bis heute so. Die Arbeitskraft der Frau wird über die Verpflichtungen der Ehe weiterhin privatisiert. Das beruht auf gesellschaftlichen Leitbildern, wie sie zum Beispiel unter dem Direktorat Peymanns mithilfe der „Klassiker“ in der Hochkultur Abend für Abend das Gefühlsmodell des 19. Jahrhunderts einhämmerte. Mittlerweile trugen die Frauen im Publikum wieder BHs und stiefelten auf High Heels zu ihren Abhängigkeiten zurück.

Ab 1986. Die Reformen waren da lange genug gelebt worden, die Mühen daran zu zeigen. Die Freiheit war anstrengend geworden. Anstrengend auch deshalb, weil der Widerspruch zwischen gesetzlich garantierter Freiheit und real zu lebenden Umständen in Loyalitätskonflikte stürzte. Wem rechne ich mich zu, mussten Frauen sich fragen. Der Wirklichkeit der besser verdienenden Männer oder der Wirklichkeit der gläsernen Decken, der krankmachenden Doppelbelastungen. Und. Weil die Chancen in der äußeren Welt dem Ideal der Selbsterhaltung nicht entsprachen. Der Widerspruch wurde in den Beziehungen ausgetragen. Das Erlernen der Kunst der Trennung wurde zum Hauptmotiv der inneren Welt. Und. Bis heute verdient Hollywood an diesem Motiv.

Für uns. Hier. In Österreich. Die Versäumnisse wurden in den 80ern begangen. Die Freiheit von damals wurde damals verspielt. Es gelang nicht, eine gerechte Verteilung jenes Risikos herzustellen, am Arbeitsplatz wegen der Kinderbetreuung nicht optimal verfügbar sein zu können. Dieses Risiko hätte auf Männer und Frauen, auf Väter und Mütter gleichwertig umverteilt werden müssen. Diese Umverteilung wurde durch das Wahlmodell verhindert, in dem Frauen sich immer noch dazu entschließen können, nicht zu arbeiten und als Nurhausfrauen den Mythos von der Eineinhalbkarriere eines Mannes aufrechtzuhalten. Der Staat hält dieses Modell dann wieder gern dazu aufrecht, die Versorgungsfrage der Frauen auf die Ehe abwälzen zu können. Wie die betroffenen Frauen nur allzu gut wissen, ist dieses Modell ja auch nur ein Mythos. Unterhalt gibt es nicht. Je weniger verdient wird, umso weniger. Die Frauenarmut in Österreich ist so das Ergebnis eines Familienmodells aus dem 19. Jahrhundert, das über Sozialgesetzgebung und auf dem Arbeitsmarkt weiterhin zur existentiellen Bedrängnis von Frauen führt.

So haben wir uns das nicht vorgestellt. Übrigens stellt auch die EU sich das nicht so vor. Nach den europäischen Vorgaben soll das Ernährermodell der Familie überwunden werden und den Frauen ihr Selbsterhalt und ihre Selbstvorsorge zu gleichen Möglichkeiten wie den jetzt von Familienpflichten frei gedachten Männern gelingen.

Als Frau in Österreich zu leben. Immer noch ist die Frage, wie Frauen leben sollen, grundierendes Hauptthema. Die Auseinandersetzungen um „Ausländer“ und andere Kulturen sind immer die Maskierung der Ideologisierung dieser Frage. Anders als in den Ländern, die wie die skandinavischen Länder die Gleichberechtigung durch alle Ordnungsstrukturen hindurch einführten, bleibt hier der Widerspruch zwischen der Vorstellung, was Ehe sein soll und was Ehe dann sozialrechtlich wirklich ist, aufrecht. Immer noch gibt es den Traum von der Hochzeit, bei der die Frau versorgt ins ewige Glück abgeführt wird.
Die Feministinnen der ersten Stunden forderten die Auflösung der patriarchalen Strukturen und sie setzten das auch durch. Sie erreichten ihre Ziele. Und. Genau das konnte von ihnen gelernt werden. Ziele haben. Ziele erreichen. Ziele durchsetzen. Öffentlich wie privat. Und. Darin wünsche ich uns den Schwung aus dem Jahr 1985. Und das Selbstbewusstsein von damals, das über die Anmaßung herzlich lachte, sich als Beute auslegen zu sollen. Dazu müssen wir nicht mehr unsere Haare in Dauerwellen knittern lassen und damit Selbstbewusstsein signalisieren. Aber. Die endgültige Überwindung des 19. Jahrhunderts muss immer noch erkämpft werden. Wir leben in einem Staat, in dem Geschlecht immer noch über die Erwerbsmöglichkeiten entscheidet. Wir leben in einem Staat, in dem die Armut von Frauen immer noch strukturell hergestellt wird. Wir hier. Wir müssen uns an den guten alten Standortfeminismus erinnern und noch für alle Frauen Gleichstellung verlangen. Für Postfeminismus sind die Rahmenbedingungen von Frauenleben hier noch zu altmodisch. Denn. Die Realität privilegierterer Frauen und weniger privilegierter. Das bleibt dann auch nur 19. Jahrhundert. Es ist noch viel zu tun.

Die Versäumnisse wurden in den 80ern begangen.
von Marlene Streeruwitz über Freiheitsverluste
 

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