Heribert Prantl über Menschlichkeit, EU-Versagen und einen Rettungsplan

Journalist Heribert Prantl hat eine Streitschrift veröffentlicht: "Im Namen der Menschlichkeit". Es geht um das EU-Versagen in der Asylpolitik und einen Rettungsplan.

WIENERIN: In Ihrer Streitschrift gehen Sie mit der EU-Aysl-Politik hart ins Gericht. Wörtlich: „Die EU tötet. Sie tötet durch Unterlassung, denn absaufen lassen ist billiger.“ Das klingt sehr zynisch. Wollen Sie zynisch überhöhen?
Heribert Prantl: Das ist keine Überhöhung, das ist keine Übertreibung, das ist eine Tatsache. Nicht ich bin zynisch, sondern die Asylpolitik ist es. Sie schützt nicht die Flüchtlinge, sie schützt sich vor Flüchtlingen. Seit 25 Jahren begleite ich die europäische Flüchtlingspolitik. Europa hat sich in dieser Zeit immer stärker abgeschottet. Die Not sollte draußen bleiben, der Wohlstand drinnen. Man hat die Landwege für Flüchtlinge abgesperrt, man hat in Kauf genommen, dass Flüchtlinge nur noch über das Mittelmeer flüchten können – und dass dort dann Tausende ertrinken. Die Bilder von den gekenterten Schiffen, die Bilder von toten Flüchtlingen und den Särgen auf Lampedusa haben aber die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Und die Bilder aus Syrien zeigen den Gutwilligen in Europa, dass dort Krieg und bitterste Not herrscht. Viele Menschen spüren: Man muss helfen.


In Österreich werden Flüchtlinge in Zeltstädten untergebracht, die Regierung wirkt überfordert. Die FPÖ hat mit diesem Thema bei zwei Regionalwahlen massiv gewonnen. Menschen haben Angst – unverständlich?
Man darf der Bevölkerung keinen Sand in die Augen streuen – die Zustände im Mittleren Osten werden sich nicht über Nacht bessern. Deutschland, aber auch Österreich, hat sich jahrelang gedacht: Um diese Flüchtlinge, die immer mehr werden, müssen sich die Italiener kümmern – die sind am nächsten dran. Und das EU-Asylrecht ist ja ebenfalls so angelegt, dass die EU-Frontstaaten zuständig sind. In einer Zeit sich zuspitzender Krisen funktioniert dieses System nicht mehr. Man hat sich in Deutschland und in Österreich zu spät auf die Not-Situation im mittleren Osten eingestellt. Aber wenn man das individuelle Schicksal und diese große Not dieser Flüchtlinge, die wirklich zum Heulen ist, den Menschen bei uns darstellt, dann sagt doch niemand: Das interessiert mich nicht. Man darf den Menschen nicht Angst machen; man muss sie um ihre Hilfe bitten. Die Menschen wollen helfen.


Die EU diskutiert jetzt eine Flüchtlings-Quote, könnte das funktionieren?
Mein Ansatz wäre: Es darf nicht dazu führen, dass Flüchtlinge durch ganz Europa geschoben werden, je nachdem wo noch ein Platz frei ist. Ich denke, Geld ist leichter verschiebbar. Man sollte also einem Land, das mehr Flüchtlinge nimmt als die Quote vorsehen würde, einen finanziellen Ausgleich gewähren. Und den müssten dann jene zahlen, bei denen weniger Flüchtlinge sind, als die Quote vorsieht.


In Griechenland „stören“ derzeit tausende Flüchtlinge das Urlaubsfeeling der Touristen. Griechenland ist ohnehin pleite, sollte man dem Land Geld zahlen für Flüchtlinge?
Griechenland ist überfordert, hier muss geholfen werden. Aber ob Geldzahlungen richtig sind, wage ich zu bezweifeln - wenn man nicht weiß, ob das Geld in der Flüchtlingsfürsorge landet. Es sind dort die Strukturen für Flüchtlingsbetreuung überhaupt nicht vorhanden.


Menschlichkeit muss man sich leisten können, scheint es angesichts von Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Hat Europa ein Empathie-Problem?
Ich denke, die Regierungen unterschätzen die Empathie ihrer Bevölkerung. Natürlich gibt es jene 25 Prozent, die sagen: Das Boot ist voll. Aber ich spüre große Hilfsbereitschaft und sehe einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung, der sagt: Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir sind nicht herzlos. Wir lassen die Menschen, die Hilfe brauchen, nicht krepieren.

 

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