Hebamme von Ärzte ohne Grenzen: "Wir werden sicher keine Menschen sterben lassen"

Die Hebamme Nina Egger war drei Monate lang auf dem Rettungsschiff "Aquarius 2" im Einsatz. Mit uns sprach sie über die Seenotrettung, falsche Politik und Menschenleben, die auf dem Spiel stehen.

Mehr als 1.500 Menschen sind nach Angaben der UN in den ersten sieben Monaten dieses Jahres im Mittelmeer ertrunken. Und das obwohl die Zahl derer, die über das Mittelmeer flüchten, gesunken ist. Denn jene, die die Menschen vor dem Ertrinken retten, werden seit Monaten - auch von österreichischen Politikern - kriminalisiert. Der Vorwurf: die Rettungsschiffe würden zu mehr Geflüchteten führen, und sogar mit "Schleppern" zusammenarbeiten.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hatte NGOs in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vorgeworfen, sie würden "das klare Ziel" der 28 Staats- und Regierungschefs in Europa untergraben. "Und das nicht nur mit dem Ziel, Leben zu retten, sondern gemeinsam mit den Schleppern Menschen nach Mitteleuropa zu bringen," so Kurz. Konkret nannte er das Schiff "Aquarius 2", das gemeinsam von Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranée betrieben wird. Dabei zeigen die Fakten klar: das stimmt nicht. Eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie der Universität Oxford, in der die Rettungsaktionen im Mittelmeer über mehrere Perioden hinweg miteinander verglichen wurden, zeigte, dass verstärkte Rettungsaktionen nicht zu vermehrter Flucht führen. Der einzige reale Zusammenhang: es gibt weniger Tote, je mehr Retter es im Mittelmeer gibt.

Diese Erfahrung hat auch die Hebamme Nina Egger gemacht. Sie war drei Monate lang auf der "Aquarius 2" für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Und hat dort vor allem Opfer sexueller Gewalt betreut. Mit uns sprach sie über die Rettungen, die Schicksale und die Politik, die Menschenleben aufs Spiel setzt:

Nina Egger

Frau Egger, Sie sind seit 2015 bei Ärzte ohne Grenzen. Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, als Sie zu Ihrem ersten Einsatz aufgebrochen sind?

2015 war ich sechs Monate lang in der Zentralafrikanischen Republik. Es war einfach gesagt: anders. Wenn man aus einem österreichischen Krankenhaus kommt und den Betrieb gewohnt ist, ist es schwierig, sich auf diese anderen Verhältnisse einzustellen. Vor allem in einem Land, das seit Jahrzehnten in der Krise steckt. Es braucht ein bisschen Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat, dort zu arbeiten und mitzubekommen, wie es den Menschen dort geht. Ihre Lebensverhältnisse zu sehen. Ihren gesundheitlichen Zustand zu sehen.

Inwiefern hat sich der Einsatz auf der "Aquarius 2" von Ihren vorigen unterschieden?

Die vier Einsätze davor waren alle in Entwicklungsländern. In kleinen Krankenhäusern, wo ich tatsächlich in der Geburtshilfe tätig war. Der letzte Einsatz war auf einem Schiff, also waren schon einmal die Rahmenbedingungen anders. Auch das Aufgabengebiet war anders, weil es natürlich nicht sehr viele Schwangere auf dem Schiff gibt. Somit war ich mehr auf Basic Health Care, Betreuungen und sexuelle Gewalt fokussiert.

Weil Sie sagen, dass das Thema sexuelle Gewalt sehr präsent ist auf dem Schiff: Wie genau haben Sie sich darauf vorbereitet und wie ist die Arbeit abgelaufen?

Die Betreuung von Opfern sexueller Gewalt gehört immer zum Aufgabenbereich einer Hebamme bei Ärzte ohne Grenzen. Auch in anderen Gebieten. Aber jetzt am Schiff war einfach die Anzahl der Opfer viel, viel höher. Und die Geschichten sind um ein Vielfaches an Grausamkeiten gesteigert. Ich habe mich schon darauf vorbereitet, indem ich psychisch selbst so stabil sein muss, um damit umzugehen. Das medizinische Protokoll ist weniger das Problem. Sprachlich ist es manchmal nicht ganz so einfach. Wenn man mit einem Übersetzer arbeiten muss, wird es zum Problem – weil man versucht, dass die Menschen nicht vor zu vielen Menschen über ihre Gewalterfahrungen reden müssen. Was ich klar sagen kann: sexuelle Gewalt betrifft Frauen und Männer, weil es in Libyen ganz viel sexuelle Gewalt gegen Männer gibt. Es ist jedenfalls ein sehr fordernder Bereich.

Rettungsschiff Aquarius 2

Wie sehen die Lebensgeschichten der Menschen aus, die vom Schiff gerettet werden?

Die Geschichten der Menschen sind total unterschiedlich. Es kommt auch sehr darauf an, wo sie herkommen. Wenn man von den Menschen erzählt, die aus Somalia, Eritrea, aus dem Osten Afrikas kommen, dann sind das oft Geschichten von Armut, von Hunger, sehr viel sexueller Gewalt - etwa auch Genitalverstümmelung. Aus dem Westen Afrikas ist es sehr viel Angst vor den bewaffneten Gruppen dort, Boko Haram, und so weiter, vor denen die Menschen flüchten. Auch Menschen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt und diskriminiert werden. Es gibt wirklich die unterschiedlichsten Gründe dafür, aus seinem Heimatland aus Afrika wegzuwollen. Aber die erschreckendsten Geschichten und katastrophalsten Zustände passieren derzeit in Libyen.

Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es gibt ganz viele Geschichten, und ganz viele grausame. Die vielleicht schlimmste Geschichte, die mir für immer im Kopf bleiben wird, ist die eines 16-jährigen Mädchen aus Somalia, die nach einer Genitalverstümmelung vergewaltigt wurde. Dadurch wurde sie von ihrer Familie verstoßen. Sie hat sich dann den Weg nach Libyen erarbeitet, in der Hoffnung, dort eine normale Arbeit zu finden. Sie ist dann in einem dieser Lager gelandet und wurde dort massiv missbraucht und vergewaltigt, geschlagen, gefoltert. Dadurch, dass sie kein Geld hatte, wurde sie sexuell missbraucht. Im Endeffekt waren die letzte Worte zu ihr: "Mittlerweile haben wir dir so viel angetan, du bist nichts mehr wert. Du kannst gehen." Die Zustände in Libyen sind menschenunwürdig. Dort passieren Sachen, die wir uns hier in Österreich gar nicht vorstellen können. Die sich hoffentlich nicht einmal unsere Großeltern, die den Krieg miterlebt haben, vorstellen können. Es geht um Menschenhandel, Folter, Ausbeutung, sexuelle Gewalt, um Sklavenhandel. Die Zustände sind katastrophal.

Wie lange waren Sie auf der "Aquarius 2", bis die erste Menschengruppe gerettet wurde?

Ich glaube, es waren neun Tage. Wir haben drei Tage gebraucht, um von Marseille in die libysche Such- und Rettungszone zu gelangen. Danach sind wir ein bisschen auf- und abgefahren. Insgesamt waren es acht oder neun Tage, bis wir die erste Rettung vollzogen haben.

Nina Egger beim Training

Wie läuft so eine Rettung ab?

In diesem Fall hat SOS Mediterranée mit Ferngläsern ein kleines Boot gesichtet. Wir haben versucht, die libysche Küstenwache zu informieren, haben sie aber nicht erreicht und waren sehr schnell bei diesem kleinen Boot. Es war überladen, die Menschen hatten keine Schwimmwesten an, waren dehydriert und panisch - was uns dazu bewegt hat, diese Menschen an Bord zu nehmen. In dem Fall war es ein kleines Holzboot mit 25 Menschen darauf. Die Menschen waren in einem mehr oder weniger guten körperlichen Zustand. Sie waren aber dehydriert, sehr verängstigt, hatten starke Sonnenbrände, aber keine offenen Wunden, keine Verletzungen von der Gefangenschaft.

Nina Egger im WIENERIN-Interview

Wie lang waren diese Menschen im Boot?

Drei Tage. Es war wieder eine ganz schlimme Geschichte. Sie sind mit diesem Boot von der Küste abgestoßen worden und hatten einen Motor mit. Sind dann einige Kilometer weit gekommen, ohne Navigationsgerät zwar, aber doch. Nach einer gewissen Zeit ist ein Fischerboot gekommen und sie wollten diese Menschen oben um Wasser bitten. Was das Fischerboot gemacht hat: sie haben ihnen den Motor abgenommen und gesagt: "Ihr kommt eh nicht weit genug". Daraufhin sind sie auf eine der Ölplattformen gestoßen. Auch dort haben sie keine Hilfe bekommen, sondern die Arbeiter dort haben sie gefilmt und ihnen gesagt: "Zumindest seid ihr noch auf Facebook, bevor ihr verschwindet". Und haben sie dann von der Ölplattform weggestoßen. Danach ist das kleine Boot ungefähr 24 Stunden einfach auf der See getrieben.

Sie waren von Juli bis Oktober auf der Aquarius. Das war auch die Zeit, in der es heftige Diskussionen darüber gab, Seenotrettung zu kriminalisieren und Menschen einfach sterben zu lassen. Was ist Ihre Meinung dazu und haben Sie diese Debatten am Schiff mitbekommen?

Ja natürlich haben wir das mitbekommen. Weil es einfach sehr schwer wird, einen sicheren Hafen für die Menschen, die wir an Bord haben, zu finden. Dadurch ist die Diskussion natürlich sehr in unseren Alltag integriert. Aber im Endeffekt geht es Ärzte ohne Grenzen darum, Menschenleben zu retten. Und wir wollen uns nicht in die Politik einmischen. Wir wehren uns ganz vehement dagegen, als Kriminelle dargestellt zu werden und mit Schleppern verglichen zu werden. Aber im Endeffekt sind wir nicht dazu da, die Migrationspolitik Europas zu lösen. Wir stehen dahinter, dass wir sagen: wir möchten nicht, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Und das ist unser Hauptziel.

Wie lange sind die Menschen ungefähr auf der Aquarius, bis sie an einen sicheren Hafen gelangen?

Das kommt wirklich darauf an, was die europäischen Regierungen miteinander ausschnapsen. Der längste Aufenthalt waren elf Tage, was natürlich schon anstrengend und frustrierend ist, weil sie natürlich Angst haben und nicht wissen, was auf sie zukommt.

Wir in Europa vergessen oft, dass es sich hier um Individuen mit Geschichten handelt. Und nicht um Dinge, und nicht um Zahlen.

von Nina Egger, Hebamme bei Ärzte ohne Grenzen

Das heißt: diese Debatte und der politische Diskurs gefährdet auch viele Menschenleben akut?

Auf jeden Fall. Wenn ein Politiker vorschlägt, die Rettungsschiffe vom Mittelmeer abzuziehen und dann als Exempel Menschen sterben zu lassen, damit die Anderen von Libyen gar nicht erst ablegen, ist das etwas, womit Ärzte ohne Grenzen absolut nicht konform ist.

Haben Sie am Schiff Kinder zur Welt gebracht?

Nein, ich hatte nicht die Gelegenheit dazu. Aber insgesamt sind auf der Aquarius schon sieben Kinder zur Welt gekommen. Was auch diese Diskussion so absurd macht, es würden nur junge Männer auf diesen Booten das Meer überqueren. Das stimmt einfach nicht - auch viele Kinder und Frauen sind betroffen.

Was empfinden Sie im Angesicht Ihrer Erfahrungen dann bei Aussagen wie jener des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz „Dieser NGO-Wahnsinn muss beendet werden“?

Es frustriert mich sehr. Weil er einfach versucht, das Augenmerk der Menschen auf etwas zu legen, das nebensächlich ist. Es geht nicht darum, ob wir diese Menschen retten oder nicht. Es liegt an der EU, die Migrationspolitik neu zu gestalten und diese Menschen als Menschen zu behandeln. Wir in Europa vergessen oft, dass es sich hier um Individuen mit Geschichten handelt. Und nicht um Dinge, und nicht um Zahlen. Diesen „Pullfaktor“ gibt es nicht – diese Fluchtroute wird es einfach immer geben, egal ob wir dort sind oder nicht. Klar ist: Menschen dürfen nicht dem Tod überlassen werden.

Zur Person

Die Steirerin Nina Egger (32) hat ihre Ausbildung an der Hebammenakademie in Graz absolviert und war sowohl im Landeskrankenhaus Leoben als auch an der Universitätsklinik Graz tätig. Bei „Ärzte ohne Grenzen“ ist Egger seit 2015. Einsätze hatte sie bereits in der Zentralafrikanischen Republik (2015), in der Demokratischen Republik Kongo (2016), in Haiti (2016/2017) und in Bangladesch (2018).

 

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