HBO: Die sexuelle Revolution der "Intimitätskoordinatoren"

Der amerikanische Fernsehsender reagiert nach den #metoo-Vorwürfen und möchte das Filmen von Sex-Szenen nun von Grund auf ändern.

Seit vor etwas mehr als einem Jahr die ersten Vorwürfe sexueller Belästigung in Hollywood unter dem Hashtag #metoo die Runde machten, ist vieles passiert. Produzenten wurden angeklagt, Schauspieler entlassen, Produktionen neu besetzt - die Filmindustrie hat sich und ihr Wirken zum Teil in Frage gestellt und Willen zur Veränderung gezeigt.

Viele der festgefahrenen Strukturen existieren aber heute noch und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis in der gesamten Filmindustrie gleiche Rechte für Frauen und Männer herrschen, bis Machtstrukturen von mächtigen Produzenten, Regisseuren und Filmbossen aufgebrochen werden, bis weibliche Schauspielerinnen endlich das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen bekommen, bis Women of Color und LGBTIQ-Personen endlich ausreichend repräsentiert werden.

HBO Intimacy Coordinator

Intimität koordinieren - eine längst überfällige Aufgabe

Der US-TV-Sender HBO reagierte nun auf Vorwürfe (vor allem) weiblicher Schauspielerinnen, die im Zuge der #metoo-Debatte über herabwürdigende Momente beim Drehen von Sex-Szenen aufgekommen waren. Szenen, die den SchauspielerInnen zum Teil heute noch psychisch zusetzen, weil sie in einer Art und Weise gedreht wurden, die die SchauspielerInnen in ihrer Würde verletzten. 

Deswegen werden für das Filmen von expliziten Film-Szenen nun so genannte "Intimacy Coordinators" eingesetzt, die auf die korrekte Vorgehensweise während dem Dreh achten. Nun mag das für Außenstehende vielleicht übertrieben klingen, tatsächlich ist diese Maßnahme nicht nur notwendig, sondern längst überfällig. Schließlich ist es bei Filmdrehs völlig normal, dass psychologische Betreuung beim Drehen von belastenden Szenen gegeben ist, dass eigene Doubles für Stuntszenen eingesetzt werden oder selbst für die richtige Lichteinstellungen mit Lichtdoubles gearbeitet wird. Ausgerechnet für Sex-Szenen, die - und das ist logisch - für alle Beteiligten sowieso in der Regel sehr schambehaftet oder zumindest unangenehm sind, gibt es keine eigene Betreuungsperson. Und das ist ein Problem.

Das berichtet auch Alicia Rodis, HBOs erste Intimitätskoordinatorin, die im Magazin Rolling Stone über ihre Arbeit erzählt. Sie ist davon überzeugt, dass es Intimacy Coordinators in Filmproduktionen braucht. Sie würden dafür sorgen, dass gewisse Standards und Routinen eingehalten werden, dass sich SchauspielerInnen sicher fühlen.

Was macht der "Intimacy Coordinator"?

Rodis, die 2016 die Non-Profit-Organisation "Intimacy Directors International" gründete, ist für HBO gerade als Koordinatorin bei dem Dreh der Serie "The Deuce", einer verruchten Serie über Straßenstrich und die Pornoszene der 70er Jahre, im Einsatz. Ihr Job ist nicht besonders auffällig oder radikal - Rodis ist Ansprechperson für jene, die Unterstützung in einer der expliziten Szenen brauchen (und davon gibt es in der Serie einige). Außerdem achtet Rodis darauf, dass intime Stellen auf Wunsch bedeckt werden und Szenen für die Betroffenen so angenehm wie möglich ablaufen.

Für "The Deuce"-Darstellerin Emily Meade eine willkommene Stütze, die sie im vergangenen Winter selbst eingefordert hatte - und ihr schließlich von HBO auch zugestanden wurde. "Es geht einfach darum, dass jemand anderes als du selbst darüber nachdenkt. Es sollte eigentlich kein radikales Konzept sein, dass dir jemand den Intimschutz reicht. Aber dass es überhaupt jemand tut – alleine die Geste –, hilft ungemein", so Meade gegenüber Rolling Stone.

Neben dem Sicherheitsaspekt hilft die Intimitätskoordinatorin auch dabei Sex-Szenen zu choreographieren. Schließlich sollen die hitzigen Momente im Film möglichst echt aussehen - im wahren Leben soll es aber nicht sexuell zugehen. Stattdessen läuft im Idealfall alles technisch und einstudiert ab - in einer Atmosphäre von Professionalität und gegenseitigem Respekt, wie man sie etwa aus dem Büro gewohnt ist.

HBO: Intimacy Coordinators für alle Produktionen

Für HBO wird die Intimitätskoordinatorin jedenfalls keine Eintagsfliege bleiben. David Simon, Produzent von "The Deuce", machte bereits öffentlich, dass er nie wieder ohne einen  "Intimacy Coordinator" arbeiten wolle, mittlerweile ist die Stelle auch Teil der Unternehmens-Policy von HBO.

Intimitätskoordinatorin

Bis man zur Erkenntnis gelangt ist, dass es bei Sex-Szenen, genauso wie in allen anderen Szenen, selbstverständlich sein sollte, einen professionalisierten Umgang miteinander zu pflegen, hat es lange gedauert. Das mag daran liegen, dass man ungern über Sex sprechen wollte, dass man im Machtkonstrukt Film vielleicht auch einfach nicht bedacht hat, welche Folgen unprofessionelles Verhalten auf die SchauspielerInnen hat. Rodis kenne jedenfalls kaum eine Schauspielerin, die noch keine misslungene Intim-Szene während einer Filmproduktion über sich ergehen lassen musste. Man solle also nicht glauben, dass man eine Änderung im Business nicht nötig hätte.

Nun hat sich endlich etwas getan und das haben wir vor allem #metoo zu verdanken.

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