"The Haunting of Hill House" ist die beste Horrorserie aller Zeiten

Ein Haus, in dem es spukt und eine Familie, die noch zwei Jahrzehnte später unter den erlebten Traumata leidet. „The Haunting of Hill House“ ist eine Serie zwischen Horror und Psychodrama.

Das Horrorgenre existiert in einer eigenen Welt. Hier gelten andere Gesetze der Berwertungsmechanismen. Alles, was über einen IMDb-Score von 6,2 kommt, ist schon absolut sehenswert. Unter den besten 250 Filmen in der Internet Movie Data Base sind nur fünf aus dem Genre Horror, und das ist nicht unbedingt ungerechtfertigt. Als Horrorfilm-Fan schaut man sich folglich auch richtig viel Mist an (oder feiert den Mist für seine Mistigkeit, auch das ist in Ordnung.) Und klickt am frühen Samstagabend trotzdem brav auf "Play", wenn Netflix unaufgeregt eine neue Horrorserie vorschlägt. "Vielleicht ist es ja ganz okay", denkt man sich. Erwartet nichts. Und bekommt: ALLES!

"The Haunting of Hill House" ist Netflix' neueste Horroreigenproduktion und eine (weitere!) Verfilmung des gleichnamigen Gothic Horror-Romans aus 1959. Und sie hat eine IMDb-Wertung von 9,1. Auf Rotten Tomatoes steht die Serie bei einem Audience Score von 90%, das Tomatometer zeigt 87%. Umgerechnet auf Genres, die traditionell eher in der Gunst der FilmbewerterInnen stehen, entspricht das in etwa eine Bewertung von 173/10. Zum Vergleich: "Get Out", Jordan Peeles Horrorgenre-Meisterwerk aus 2017, das sogar für vier Oscars nominiert war, hat eine iMDB-Wertung von 7,7, einen Rotten Tomatoes Audience Score von 86% und einen zugegeben unpackbaren Tomatometer Score von 99%. "Get Out" ist eine Ausnahmeerscheinung. Dass gerade eine Serie, bei der Spannung viel schwieriger zu halten ist, den Vergleich nicht zu scheuen braucht, ist außergewöhnlich. Und was sollen wir sagen - alle begeisterten KritikerInnen haben Recht.

Warum "The Haunting of Hill House" die beste Horror-Serie aller Zeiten ist

"The Haunting of Hill House" spielt, denn wie sollte es auch anders sein, in einem alten Spukhaus. Olivia und Hugh Crain "flippen" Häuser - sie renovieren alte Gebäude, um sie wenig später mit Gewinn weiterzuverkaufen. Das soll auch mit dem stattlichen Herrenhaus, das ehemals im Besitz einer gewissen Familie Hill war, in etwa acht Wochen geschehen. Während der Arbeiten leben sie mit ihren fünf Kindern Steve, Shirley, Theodora und den Zwillingen Luke und Nell in dem Haus. Und dann kommen die Geister - buuuh! Der Pilot beginnt also, wie jede solide Geschichte über ein Geisterhaus beginnen muss. Aber: Das hier ist Horrorunterhaltung auf höchstem Niveau und so linear-vorhersehbar bleibt es nicht.

Die Handlung springt zwischen 1992, als die Familie Crain einige gruselige Wochen im Hill Haus verbracht hat, in die Gegenwart 2018 und zurück; erzählt simultan, was damals passiert ist und wie die inzwischen erwachsenen Crain-Kinder mit ihren traumatischen Erlebnissen umgehen. In der Vergangenheit ist das mitunter recht klassischer, subtiler Horror mit vereinzelten Schockelementen, die Gegenwart ist eher familiäres Psychodrama mit mysteriösem Beigeschmack. Die Grenze zwischen den Genres verwischt im Erzählen genauso, wie sich auch die beiden Handlungsstränge ineinander verweben. Das mag ab und zu ein bisserl platt daherkommen - wenn etwa im Jahr 1992 eines der Crain-Kinder friert und beim Zeitsprung in die Gegenwart in der nächsten Einstellung ein erwachsenes Gegenstück einen Kühlschrank öffnet - ist aber durchwegs auf Kontinuität und Flow bedacht.

Warum "The Haunting of Hill House" die beste Horror-Serie aller Zeiten ist

Das Beste an "The Haunting of Hill House" ist aber die Zeit, die man sich genommen hat. Jede Figur, und das sind bei einer siebenköpfigen Familie eben ganz schön viele, bekommt ihre Geschichte und darf ihre eigene Perspektive erzählen. Das macht Figuren greifbarer und die emotionale Nähe zu den Charakteren stabiler. Wir leiden mit ihnen, wir freuen uns mit ihnen - und wir schrecken uns mit ihnen, wenn sie von Ladies mit verbogenen Hälsen erschreckt werden. Die Dynamiken einer Großfamilie, die Traumatisches miteinander erlebt hat und diese Erlebnisse auch 25 Jahre später nur bedingt aufgearbeitet haben, wirken stellenweise ebenso beklemmend, wie die gruseligen Entitäten, die die Familie heimsuchen. Und von denen gibt es genug - acht bis zehn Geister sollen laut Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan pro Folge zu sehen sein. Neben den klassischen Schockern und gruseligen Verfolgern kommt es nämlich immer wieder vor, dass irgendwo im Hintergrund ein Geist steht - und einen so daran erinnert, dass man hier nicht ein Familiendrama à la "This is Us" schaut, sondern immer noch im Horrorgenre ist.

Und das bereitet auch filmisch auch ein Erlebnis. Die Cinematographie ist beeindruckend detailverliebt und mutet bisweilen fast schon kunstvoll an, wenn in minutenlangen(!) One-Shots (also Sequenzen, die in einem durch gedreht und bewusst ohne Schnitt gedreht wurden) eine familiäre Extremsituation seziert wird. Die bedachten Castingentscheidungen tun dabei ihr Übriges - selten sahen Kinderdarsteller ihren erwachsenen Gegenstücken so ähnlich, glichen sich Leinwand-Schwestern und Mütter so, dass sie tatsächlich verwandt sein könnten. Da stört es auch nicht, dass man das ein oder andere Gesicht kennt. Elizabeth Reaser, die erwachsene Shirley, kennt man etwa als Ava aus "Grey's Anatomy" und Esme aus "Twilight". Kate Siegel überzeugte schon in Flanagans vorigen Filmen, dem Netflix Horrorfilm "Gerald's Game" oder dem Horrorthriller "Hush", und Familienvater Hugh spielte vor Jahrzehnten Elliot in "E.T." .(Was man erst erkennt, wenn man es weiß. Dann aber stößt man ein wissend "Aaaah!" aus.)

"The Haunting of Hill House" schafft jedenfalls etwas Außergewöhnliches: Es kann Spannung, Empathie, Neugier und Gruselstimmung mühelos über zehn Folgen halten. Es ist nicht so überbordend-absurd wie "American Horror Story". Es ist nicht so lächerlich-komisch wie "Scream Queens". Es ist nicht so vorhersehbar-platt wie "Scream" (die Serie), nicht so mysteriös-ernst wie "Dark". Tatsächlich einfach nur eine richtig, richtig gute Horrorserie. Und es gibt nicht mal eine Jungfrau in Nöten, sondern "nur" vielschichtige Frauenfiguren. Wer hätte das geahnt?

 

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