Hat man bei intuitivem Essen ständig Lust auf Pasta mit Käsesoße?

Keine Regeln und Verbote; stattdessen alles essen, worauf man Lust hat – so das Konzept des Intuitiven Essens. Wie praktikabel ist die Ernährungsform wirklich?

Intuitives Essen

Ein „Ich bin satt.“ wird mit „Wenn du nicht aufisst, wird morgen halt das Wetter schlecht.“ abgetan. Oder auf ein „Ich mag das nicht.“ folgt die Anweisung „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.“ Mit Dialogen wie diesen haben viele schon früh den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen verlernt. Das Konzept des Intuitiven Essens soll genau diesen Austausch wiederherstellen. Wie das klappt? Ohne Regeln und Verbote. Gegessen wird alles, worauf man Lust hat. „Im Prinzip ist intuitives Essen also die natürlichste aller Ernährungsformen. Es wird nicht zwischen gutem und schlechtem Essen unterschieden. Man erlaubt sich, wirklich alles zu essen“, erklärt Ernährungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Mag. Laura Milojevic. Damit Intuitives Essen funktionieren kann, müssen wir wieder lernen, den Signalen des Körpers zu folgen, sprich: „Dass das Essen wirklich nur dann Thema wird, wenn man hungrig ist – und nicht aus Langeweile, Stress oder Frust.“

Wie gesund ist es, ständig der Lust nach Pizza, Eis & Co. nachzugehen?

„Viele sind gewohnt, nicht nach innen in den Körper zu hören, sondern sich mit äußeren Maßstäben zu messen. Durch das Messen von Gramm, Kalorien oder Punkten haben viele verlernt, die Körperbedürfnisse wahrzunehmen“, so die Ernährungswissenschaftlerin. Das Credo, dass alle Nahrungsmittel gleich gut sind und man immer das, worauf man Lust hat, essen soll, ist für viele also erstmal ungewohnt – und zu Beginn oft ein Freifahrtschein für Pizza, Pasta und Eis ohne Maß und Ziel. Nichtsdestotrotz fühlen sich viele nach der ersten Pizzaorgie schlecht – diese Reaktion zeige allerdings nur, wie lange man sich selbst gegeißelt hat. Ganz nach dem Schema: Sobald wir etwas nicht vermeintlich nicht haben dürfen, wollen wir es umso mehr – und übertreiben dann maßlos, wenn wir „dürfen“. Genau diese Heißhungerattacken gäbe es bei intuitivem Essen nicht. Eben, weil nichts verboten ist. „Wenn man sich alles erlaubt, dann in der ersten Zeit die Lieblingsmehlspeise besonders oft isst und dabei achtsam bleibt, wird man allerdings nach einer Zeit merken, dass einem das nicht gut tut. Man wird müde und träge statt satt und energiegeladen“, stellt Laura Milojevic klar.

Wenn man bewusst wahrnehmen lernt, wird man spüren, dass nur Mehlspeisen und Pizza langfristig nicht gut tun.

von Ernährungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Mag. Laura Milojevic

Intuitives Essen ist kein „Quick Fix“

Genau diese langfristigen Bedürfnisse über kurzfristige Gelüste zu stellen sei laut Milojevic für viele ihrer Klient*innen die größte Herausforderung: „Wenn man bewusst wahrnehmen lernt, wird man spüren, dass nur Mehlspeisen und Pizza langfristig nicht gut tun. Aber intuitives Essen ist nunmal kein Quick Fix. Es ist ein Zugang, der etwas länger braucht, um wirksam zu werden.“ Es komme vor allem auch darauf an, aus welcher Ausgangssituation heraus man mit intuitivem Essen beginne. Wenn das Essverhalten vorher sehr stark durch Diätgedanken geprägt war, muss man erst wieder in Kontakt mit den eigenen Körpersignalen treten, um zu spüren, wann man angenehm satt ist, was einem wirklich schmeckt und was nicht. Das klingt vielleicht banal, sei aber laut Milojevic schwieriger als gedacht – gerade, wenn viele von uns seit dem Kleinkindalter gelernt haben, das eigene Empfinden zu ignorieren. Die Ernährungswissenschaftlerin rät daher dazu, „sich zumindest am Anfang des intuitiven Essens in Betreuung zu begeben.“ Anhand von Übungen könne man so (wieder) lernen, Hunger von Langeweile zu unterscheiden. Auch Stressgefühl sei von den Körperempfindungen her sehr ähnlich zum Hungergefühl.

Für wen ist intuitives Essen geeignet?

Weil das Konzept des intuitiven Essens die natürlichste Form der Ernährung ist, sei es grundsätzlich für alle Personen geeignet. „Schwierig werden kann es nur bei Personen, die eine Essstörung oder ein problematisches Essverhalten haben. In dem Fall kann es dann sein, dass das eigene Verhalten weiterhin von Diätgedanken geprägt ist und von intuitivem Essen getarnt wird. Betroffene sagen dann etwa ‚Ich spüre, dass mein Körper keinen Hunger hat‘, obwohl das nicht der Fall ist“, so Milojevic.

Intuitives Essen ist kein Quick Fix. Es ist ein Zugang, der etwas länger braucht, um wirksam zu werden.

von Ernährungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Mag. Laura Milojevic

"Wer mit intuitivem Essen abnehmen will, soll gleich die Finger davon lassen!"

Diäten funktionieren unterm Strich alle nach dem gleichen Prinzip: Regeln und Verbote führen zu Gewichtsreduktion. Das Idee des intuitiven Essens gleicht nicht dem einer Diät, weshalb es hier wichtig ist, „dass man von Gewichtsregulation spricht.“ Der Körper würde sich dort, wo er sich am wohlsten fühlt, einpendeln. Milojevic stellt daher klar: „Manche Anbieter locken Betroffene, dass man mit intuitivem Essen schnell abnehmen kann. In dieser Hinsicht sei allerdings gesagt: Wer mit intuitivem Essen abnehmen will, soll am besten die Finger davon lassen! Beim Konzept des intuitiven Essens geht es nicht ums Abnehmen und hinter Angeboten, die sowas versprechen, stecken selten seriöse Absichten.“ Am Gewicht muss sich nicht zwingend etwas verändern, stattdessen merke man die Effekte vor allem an den Blutzuckerwerten oder der Stimmung. Das belegt auch eine von Lauren J. Bruce und Lina A. Ricciardelli durchgeführte Studie, die zeigt: Frauen, die intuitives Essen praktizieren, haben ein positiveres Selbstbild, ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und weniger Diätgedanken.

Immer das essen, worauf man Lust hat – Ist das nicht ein ziemliches Privileg?

„Natürlich gibt es bei dieser Ernährungsform Hürden. Es braucht sehr viel Zeit. Wenn ich Kinder habe, beruflich viel unterwegs bin oder mich um Angehörige kümmern muss, kann das natürlich eine Hürde sein“, weiß Milojevic. Auf die Frage, ob es nicht ein ziemlich privilegierter Ansatz sei, ständig das zu essen, worauf man gerade Lust hat, antwortet sie: „Das kann marginal ein Grund sein. Die Qualität der Ernährung ist sicherlich ein Thema. Es gibt auch günstige Produkte, die den Körperbedarf sehr gut decken. Und gerade, wenn man versucht, frisch zu kochen, ist es wesentlich billiger als Fast Food unterwegs.“ Aber: Woher weiß man, worauf man morgen Lust hat? Ist ein Vorkochen möglich oder ist die Ernährungsform umwelttechnisch problematisch, weil man jeden Tag auf etwas anderes Lust hat und Lebensmittel vergammeln? „Das ist der Punkt: Das meine ich, wenn ich sage, dass es ein Zugang ist, der etwas länger braucht, um wirksam zu werden. Gerade anfangs braucht es sehr viel Planung. Mit der Zeit wird man seinen Körper allerdings immer besser einschätzen können. Es klingt so abgehoben, wenn man sagt, dass man alles, worauf man Lust hat, essen soll. Im Endeffekt geht’s aber einfach darum, den Kontakt zum eigenen Körper wieder zu erlernen. Denn den hatten wir ja alle schon einmal.“

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