Hat die Gesellschaft ein Recht auf Rausch?

AUF EINEN SCHUSS. In Drogenkonsumräumen können Suchtkranke unter Aufsicht Heroin spritzen. Dieses Konzept wird in Österreich diskutiert, in Deutschland gibt es Konsumräume seit über 20 Jahren. Wie das funktioniert? Unsere Kollegin Magdalena Pötsch war vor Ort.

Drogenkonsum

Einen großen Löffel, eine 13er-Spritze, einen 2er-Tank, ein Pflaster und einen Abbinder, bitte", gibt Sascha seine Bestellung stakkatoartig ab, und man merkt schnell: Er verlangt diese Utensilien, die er für seinen Heroinkonsum braucht, nicht zum ersten Mal. Er merkt selbst, wie auswendig gelernt das gerade geklungen haben muss. Das erkennt man an seinem verschmitzten Blick. "Gelernt ist gelernt, was?", fügt er schmunzelnd hinzu, bevor er sich ganz vorne links an den freien Platz am silbernen Tisch setzt. Mit seinen weißen Sneakern, der dunkelgrünen Bomberjacke und seinem Rucksack hätte er genauso gut in das Bild eines Hörsaals gepasst. Aber Sascha lauscht keiner Vorlesung, sondern sitzt im größten Drogenkonsumraum Deutschlands hier im Hamburger Stadtteil St. Georg. Auf dem Löffel kocht er sein mitgebrachtes Heroin auf; den Abbinder platziert er an seinem Oberarm, um die Venen besser zu sehen. Im Spritzen ist er geübt, aber heute will es nicht klappen. Im Arm trifft er keine Vene. "Scheiße!", murmelt er und geht in eine Ecke des Raums, wo ein Stuhl durch einen Paravent abgeschirmt ist. Man hört, wie ein Gürtel geöffnet wird, wie eine Hose auf den Boden fällt. Der Schuss in die Leiste ist der Plan B, wenn die Venen im Arm nicht mehr getroffen werden. "Das funktioniert eigentlich immer", erklärt er, als er sich wenig später wieder an den Tisch neben 14 weitere Konsumierende setzt. Heute hat Plan B auch funktioniert. Ein paar Minuten sitzt Sascha noch da, macht die Augen zu. Zum Runterkommen. Oder Draufwerden. Dann sind seine 20 Minuten im Konsumraum zu Ende. Sascha muss raus, damit der nächste Suchtkranke reinkann. "Danke euch!", sagt er noch in Richtung Sozialpädagogin, die gerade Schicht hat, wirft seine gebrauchten Spritzen in den Müll und geht raus in Richtung Café.

RÜCKZUG. Das Café neben dem Konsumraum bietet Platz für 50 Gäste. Es ist das Herzstück des Drob Inn. Die Kontaktund Beratungsstelle gibt es seit 1987, den Drogenkonsumraum seit 1997. Das Angebot geht weit über den sicheren Konsum von illegalen Drogen hinaus: Im Café gibt es Mittagessen um einen Euro, Waschmaschinen und Duschen. Es werden Therapien vermittelt, Anträge auf Entgiftungskuren gestellt. Dass das Angebot angenommen wird, merkt man schon, wenn man unterwegs dorthin ist: Den Weg vom Hamburger Hauptbahnhof ins Drob Inn würde man auch ohne genaue Adressangabe finden. Dass man richtig ist, merkt man an den Weggefährten: Je näher man dem Vorplatz kommt, desto eher wird man auf Drogen angesprochen. Direkt vor der Beratungsstelle herrscht reges Treiben: An die 400 Personen kommen täglich hierher. 80 Prozent sind männlich, 20 Prozent weiblich. Nicht alle kommen, um im Konsumraum unter Aufsicht Heroin zu spritzen, Kokain zu nehmen oder Crack zu rauchen. Manche kommen auch nur in das Café, das man sich nicht mit hippen Möbeln und Matcha Latte vorstellen darf. Viel eher ist es ein gefliester Raum mit Metallstühlen und silbernen Tischen - Hauptsache, steril und schnell zu reinigen. Hier dürfen BesucherInnen so lange bleiben, wie sie wollen. Weil Drogenhandel im Café untersagt ist und sich die Entzugserscheinungen melden, bleiben die meisten nicht lange. "Sie gehen dann wieder in die offene Drogenszene", erklärt Peter Möller vom Drob Inn. Das heißt: "Drogen kaufen, Geschäfte machen und soziale Kontakte pflegen. Meist hat unsere Klientel keine abstinenten Kontakte mehr. Mit der Familie haben sie sich längst überworfen, und abstinente Freunde sind eher selten", so Möller.

Die spritzen nicht aus Jux und Tollerei. Sie sind suchtkrank.

von Peter Möller vom Drob Inn

NIEDERSCHWELLIG. Mit Drogenkonsumräumen würden ebendiese Szene und der Konsum gefördert, hört Möller oft. "Das ist falsch. Menschen, die einen Konsumraum aufsuchen, sind in fester Absicht, Drogen zu konsumieren. Als wir damit anfingen, hatten wir zum Beispiel eine Besucherin, die im achten Monat schwanger war. Erst waren wir in einem moralischen Konflikt, ob wir sie hier konsumieren lassen. Hätten wir ihr aber den Zutritt verweigert, hätte sie mit Sicherheit woanders konsumiert, etwa im Gebüsch oder auf der Toilette, und wäre damit ein hohes Risiko für sich und das ungeborene Leben eingegangen. Zudem hätten wir sie als Ansprechpartnerin verloren", erzählt er. Das Angebot müsse demnach so niederschwellig wie nur irgendwie möglich sein. Die Einrichtung kann größtenteils anonym genutzt werden. Erst bei medizinischer Versorgung, etwa bei einer Überdosis, sind Kontaktdaten der Konsumierenden wichtig. Bis dahin ist alles anonym, die Einlasskriterien nur: mindestens 18 Jahre alt und drogenabhängig. "Wir dürfen per Rechtsverordnung niemanden reinlassen, der zu viel Alkohol konsumiert hat. Wir hatten einmal eine alkoholisierte Frau; wir haben versucht, ihr zu erklären, dass sie mal runterkommen, lieber nicht konsumieren soll. Nach langem Hin und Her ist sie heimgefahren, hat konsumiert und ist verstorben", so Möller. Wegen Geschichten wie dieser sei es ihm wichtig, bei Konsumierenden von "Suchtkranken" zu sprechen. "Das ist eine anerkannte psychische Erkrankung: Sucht. Die machen das nicht aus Jux und Tollerei. Die stehen doch hier nicht, weil es ihnen Spaß macht. Sie sind suchtkrank", stellt er klar. Lässt man den Blick durch das Café schweifen, hinterfragt man seine Worte nicht: Ausgemergelte Gestalten, Frauen vom Straßenstrich und wankende Menschen mit Halluzinationen treffen hier aufeinander. Aber nicht nur: Einige wenige wirken gepflegt. Sascha, der sich gerade einen Kaffee um 30 Cent geholt hat und jetzt am zur Verfügung gestellten PC Facebook checkt, ist einer von ihnen. Ein anderer fällt auch aus dem Bild: Anzug, Aktenkoffer, Headset. Es wirkt, als würde er gerade vom Büro und nicht von der offenen Szene kommen. "Das sind klassische Workaholics, die gibt's immer wieder", erklärt eine Sozialpädagogin. "Es gibt eben unterschiedliche Wege, wie man suchtkrank wird", sagt Peter Möller. "Viele kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Wer in einer Familie mit Suchtproblematik aufwächst, wird oft selbst süchtig. Suchtkranke zu stigmatisieren, sie seien selbst schuld, ist unzulässig", erklärt Möller, während Sascha zur Tür rausgeht und ein anderer reinkommt.

GRATWANDERUNG. "Für manche ist das auch einfach nur ein Ruheraum", erklärt ein anderer Sozialpädagoge, der gerade seine Schicht im Café beginnt. "Zum Erholen von der Polizei", fügt er noch hinzu. Trotzdem sei es wichtig, zu betonen, dass hier die Polizei zwar nicht reinkommt, es aber trotzdem kein rechtsfreier Raum ist. "Es ist ein Spagat, das ist auch allen klar. Wir haben Gesetze und ein Rechtssystem. Deshalb betritt man einen Drogenkonsumraum in Deutschland auch so gut wie nie direkt von außen. Wenn man eine Warteschlange vor dem Konsumraum hätte, müsste die Polizei davon ausgehen, dass die Leute Drogen bei sich haben, und entsprechend reagieren. Wer hier bei uns vor der Tür steht, kann auch nur zum Essen, zur Beratung oder zum Duschen kommen", schildert Möller die Situation. Trotzdem müsse die Polizei was machen, aber sie agiert mit Augenmaß. Alle Beteiligten wissen, dass es gesellschaftspolitisch mehr bringt, die Szene an einem Fleck unter Kontrolle zu haben als über die ganze Stadt zerstreut. Drogenkonsumräume sind zudem grundsätzlich legal, seit das Betäubungsmittelgesetz geändert wurde. Bei der Neuauflage des Gesetzes ist man laut Möller "nicht zu sehr ins Detail gegangen". Es wurde den einzelnen Ländern überlassen, damit per Rechtsverordnung umzugehen. Sie sind es schließlich auch, die die Konsumräume finanzieren. Das Land Hamburg hat dabei die liberalste Rechtsverordnung. "Nur hier kann man fast die gesamte Einrichtung anonym nutzen. Der niederschwellige Zugang ist enorm wichtig", stellt Möller, der erst Elektromechaniker war und sich nach dem Zivildienst für Sozialpädagogik entschieden hat, klar. Mittlerweile ist er seit über 20 Jahren in der Drogenberatung und weiß: "Eine Gruppe auszugrenzen ist sinnlos. Dann konsumiert die ausgegrenzte Gruppe halt draußen. Drogenabhängige verlassen nicht die Stadt, weil ihnen der Zugang zu Konsumräumen verwehrt wird", sagt er, während Sascha gerade wieder ins Café kommt und direkt den Schalter im Eck ansteuert. Er meldet sich erneut für einen Slot im Konsumraum an. Ob Sascha sein richtiger Name ist, ist unklar. Irgendeinen Namen müssen die Konsumierenden aber bei der Anmeldung nennen, um wenig später aufgerufen zu werden. Das können auch Spitznamen oder frei erfundene Namen sein. Maßnahmen wie diese sind wichtig, um die Leute aus der Szene "da abzuholen, wo sie sind". Das gelingt: Im Jahr finden bis zu 140.000 Kontakte statt. "Pro Öffnungstag werden unsere Konsumräume circa 500 Mal genutzt", sagt Möller, während eine Mitarbeiterin die Konsumierenden aufruft: "Sascha, Ramona, Bushido - ihr seid dran!"

Drogenkonsumräume retten Leben.

von Peter Möller vom Drob Inn

SICHTBARKEIT. Sie alle brauchen den Konsum gerade. Bei einer Überdosis ist sofort jemand zur Stelle: Im Drob Inn arbeiten 80 MitarbeiterInnen und zwei medizinische Fachkräfte. 100 Stunden pro Woche ist die Einrichtung geöffnet. "Das heißt noch lange nicht, dass wir das alle toll finden, aber es gibt einen pragmatischen Umgang", stellt Möller klar. Es sei wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass das ein Teil der Gesellschaft ist -auch, wenn sich das Café und der Konsumraum wie ein Paralleluniversum anfühlen. Es ist ein schräges Gefühl, zu realisieren, dass all diese suchtkranken Menschen Teil der Gesellschaft sind, zu der man auch selbst gehört -man hat sie bisher nur nicht gesehen. Peter Möller kann daher auch nachvollziehen, dass es bei der Diskussion über die Eröffnung von Konsumräumen -wie das in Österreich gerade der Fall ist -aus politischer Sicht Zweifel gibt. "Aber fachlich ist das überhaupt nicht infrage zu stellen", ist er sicher und spricht damit von der sinkenden Zahl der Drogentoten pro Jahr. "Vor 27 Jahren hatten wir 180 Drogentote pro Jahr, jetzt haben wir 71. Drogenkonsumräume retten Leben", so der Sozialpädagoge. Im Schnitt kommt es hier zu 160 Drogennotfällen jährlich, die Hälfte davon schwere. "Wenn da nicht externe Hilfe da gewesen wäre, hätte es schiefgehen können."

POLITIK. Die Bedeutung von Konsumräumen hat auch die Alternative Liste Innsbruck (ALI), die sich für die Öffnung des ersten Konsumraums in Österreich einsetzt, erkannt: "Drogenkonsumräume helfen durch Bereitstellung von sterilem Spritzenbesteck, die Gefahren von Begleiterkrankungen zu reduzieren. Medizinisch geschultes Personal steigert die Bereitschaft, an Suchtausstiegsprogrammen teilzunehmen. Zudem kommt es zu weniger Störungen der öffentlichen Ordnung", so Thomas Hörl, Pressesprecher der ALI. Er findet, dass Drogenkonsumräume eine wichtige Maßnahme einer fortschrittlichen Drogenpolitik sind. "Einzelne Vertreter aus dem gesamten Parteienspektrum unterstützen diese Sichtweise, doch bisher sind die meisten Parteien noch nicht mutig genug, diese Idee mitzutragen", so Hörl.

Für MitarbeiterInnen des Drob Inn ist das völlig unverständlich. Dieser Teil der Gesellschaft ist nicht weg, nur weil man ihn ignoriert. Manche meinen dennoch, Drogenkonsumräume seien der falsche Zugang. Dabei versuchen Fachkräfte hier täglich, etwas Positives zu bewirken. "Das heißt nicht gleich Abstinenz, es funktioniert nur in kleinen Schritten", erklärt Möller. Vorerst einmal ginge es um das Erreichen der suchtkranken Menschen, um Lebenserhalt. "Früher gab es den Slogan:'Nur wer überlebt, kann aussteigen.' Klingt etwas platt, da ist aber viel Wahres dran", weiß Möller. Seine MitarbeiterInnen und er schöpfen aus den kleinen Erfolgen Kraft für die Arbeit. Für Außenstehende mag das Ziel die Abstinenz der Suchtkranken sein. Für Möller und sein Team ist es schon ein Erfolg, wenn man BesucherInnen dazu bringt, sich zu duschen oder einen Euro in Essen zu investieren, anstatt auf die nächste Dosis zu sparen. Erst später geht es um Therapien und Hilfe zum Ausstieg aus der Sucht. Aber hier und heute geht es mal "nur" darum, Sascha, Ramona und Co zu zeigen: Es ist jemand da. Du wirst gesehen. Dein Leben ist was wert. Gib die Hoffnung nicht auf -und wie das geschieht, ist jetzt erst mal egal.

SAFE SPACE. Die Message scheint anzukommen. Es ist 17:40 Uhr, Ramona und Sascha konsumieren gerade gemeinsam mit sieben weiteren Suchtkranken; Sascha heute zum mittlerweile dritten Mal. "Schlechter Tag, Sascha?", fragt eine Sozialpädagogin. "Scheißtag", antwortet er. Nächste Woche habe er Geburtstag, da ginge es ihm immer besonders schlecht. Zu dieser Zeit im Jahr verliere er die Hoffnung, sagt er. Während das Heroin aufgekocht und in die Spritzen gefüllt wird, wird geplaudert. Es wirkt schon fast wie ein Stammtisch. Vor allem aber wirkt es normal. In dem gefliesten Raum ist alles, was passiert, normal. Niemand schaut den vermeintlichen "Bushido" schief an, wenn er sich übergeben muss, weil er "schlechtes Zeug" konsumiert hat. Die 20 Minuten hier drin sind eine Auszeit, ein Safe Space.

EIN GUTER TAG. "Ich glaub's ja nicht!", unterbricht Ramona kreischend die entspannte Stimmung. "Ich hab noch Koks in der Tasche gefunden", sagt sie ungläubig. Vor Freude hat sie Tränen in den Augen. Ihre 20 Minuten sind eigentlich schon um, in Einzelfällen kann aber um weitere 20 Minuten verlängert werden. "Darf ich noch bleiben?", bettelt sie. Die Sozialpädagogin merkt, wie wichtig das gerade für Ramona ist. Ihre Konsumzeit wird verlängert. "Siehst du? Es gibt auch gute Tage", sagt die Sozialpädagogin in Saschas Richtung -in der Hoffnung, dass er durch Ramonas Euphorie auch die guten Tage im Leben sieht. Warum ein Tag gut ist, ist vorerst egal.

Für Peter Möller war der Tag gut, weil heute kein medizinischer Notfall war. Für Ramona, weil sie unerwartet Koks gefunden hat. Für Sascha, weil er konsumieren durfte. Das Gute liegt in den unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmungen. Alle sind okay. Sie alle sind Teil unserer Gesellschaft.

 

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