Hast du schon einmal etwas gestohlen?

Make-up, Düfte und Pflege sind begehrenswert – für manche so sehr, dass sie diese ohne Bezahlung haben wollen. Werden sie ertappt, reagieren sie beschämt oder bedrohlich. Ein Insider-Report.

Illustration von Kati Szilagyi

Markendüfte reihen sich aneinander, alles duftet gut und glänzt so schön – und ­schwups, fällt ein Parfum plötzlich in die Tasche und wird unbezahlt mitgenommen. Die Parfümerie ist ein Luxusparadies für Schöngeister, aber auch ein beliebter Ort für Langfinger. Regelmäßig wird der eine oder andere Flakon eingesteckt, Tiegel verschwinden oder es wird gleich das ganze Regal ausgeräumt – je nachdem, was das Motiv ist. Dabei agieren einige völlig unauffällig, andere fallen vom ersten Moment an auf, wie Parfümeriemitarbeiter*innen berichten.

Ein Knochenjob

Ladendiebstahl ist in der Parfümerie jedenfalls ein ernstes und täglich zigfach auftretendes Problem. Vom nicht bezahlten Drei-Euro-Lippenstift bis hin zum gewerbsmäßig erbeuteten Luxussortiment im Wert von Tausenden Euro ist alles dabei. Im Laufe der Recherche erfuhr die WIENERIN, dass weder das Geschlecht noch das Alter, der soziale Status oder die Herkunft eine Rolle dabei spielen, ob jemand klaut.

Bezeugen können das die Menschen, die andere unfreiwillig beim Klauen beobachten: Parfümeriemitarbeiter*innen, die täglich der Gier und teils sogar Gefahren ausgesetzt sind. Sie berichten anonym von ihren Erlebnissen.

Das Ablenkungsmanöver

"Die einfachste Diebstahlnummer ist die mit der Ablenkung respektive der Sympathie. Oft sind es zwei oder drei vermeintliche Kund*innen, die Beratung wollen – sie haben viele Fragen, lassen sich beraten und lenken uns Mitarbeiter*innen freundlich ab, während eine der Personen alles Mögliche einsteckt.

Einmal habe ich zum Beispiel eine elegante Dame sehr lange zu einem Parfum beraten. Ich gab ihr die Ware, die sie kaufen wollte, in den Einkaufskorb. Sie hielt sich dann noch lange im Geschäft auf, lächelte mir immer wieder zu; irgendwann habe ich sie aus den Augen verloren. Der Duft wurde an diesem Tag nicht an der Kassa bezahlt, laut Lagerstand fehlte er aber. Am nächsten Tag ist die leere Verpackung in einer anderen Abteilung aufgetaucht. Sie hat ihn einfach mitgenommen."

Mir war die Situation nämlich fast genauso peinlich wie ihr.

von Anonym

Der Preis ist manchen zu heiß

"Unser Ladendetektiv hat einmal eine sichtlich ­wohlhabende Dame beobachtet, wie sie eine Anti-Aging-Creme im Wert von 400 Euro in ihrer Designertasche verschwinden ließ. Er konfrontierte sie damit, drohte mit dem Anruf bei der Polizei, aber bot ihr an, die Sache zu vergessen, wenn sie die Ware ordnungsgemäß bezahlt.

Die Dame nahm das Angebot sofort zerknirscht an. Mit hochrotem Kopf und ohne nur ein Wort zu sagen, bezahlte sie die Ware bei mir. Mir fiel auf, wie gepflegt ihr Äußeres war: Die Haare waren frisch gefärbt und ausgeföhnt, die roten Gelnägel neu gemacht. Nur für die Creme wollte sie offenbar kein Geld mehr ausgeben, obwohl sie genug grüne 100er-Scheine in der Börse hatte und damit bezahlte.

Für Menschen, die das Geld eigentlich haben und trotzdem klauen, habe ich ja überhaupt kein Verständnis, aber ich habe trotzdem nichts gesagt. Mir war die Situation nämlich fast genauso peinlich wie ihr."

Ich wurde als Schwangere bedroht – das war für mich besonders schlimm.

von Anonym

Beschimpft und bedroht

"Wird jemand beim Klauen erwischt, müssen wir Mitarbeiter*innen als Zeug*innen im Büro dabei sein, wenn alles protokolliert und ein Hausverbot ausgesprochen wird. Es kommt vor, dass der Detektiv dem Dieb eine Chance gibt, nur einen Schadenersatz verlangt und die Polizei nicht ruft, wenn die Ware ordnungsgemäß bezahlt wird. Das bietet aber nicht jeder Detektiv an; manche rufen auch bei geringem Warenwert die Polizei.

Manche Diebe wollen auch nicht bezahlen und lassen die Polizei kommen. In der Zwischenzeit kommt es oft zu Gerangel, Handgreiflichkeiten und Drohungen durch die Diebe. Ich wurde als Schwangere bedroht – das war für mich besonders schlimm. Bei meiner Kollegin hat einer sogar eine Waffe gezogen. Eigentlich will ich nie involviert sein, aber es gehört zu unserem Job dazu. Wir müssen auch oft vor Gericht aussagen. In Gegenwart der Täter*innen ist mir das gar nicht geheuer."

Wenn Kinder was mitnehmen

"Erwachsene sind meist gierig, sie stehlen fast nur Luxusgüter und tun das auch, wenn sie eigentlich das Geld dafür hätten. Bei Kindern ist die Sache etwas anders: Es tut mir als Mama wirklich weh, Kinder oder Jugendliche beim Stehlen zu erwischen. Sie tun es fast nie alleine, sondern zu zweit – meist war es die Idee von einem Akteur, der den anderen überreden konnte. Die Eltern sind dann schockiert und sagen fast immer zu ihrem Kind: ,Ich hätte dir das doch gekauft, wenn du danach gefragt hättest!‘

Niemand will, dass das eigene Kind zum Langfinger wird. Als ich einen Buben im Geschäft beobachtete, wie er einen Duft überall unter seinem Arm ­herumtrug und dann in einer Ecke verschwand, bin ich ihm nachgegangen. Ich habe ihm gesagt, er soll den Duft liegen lassen und gehen, wenn er ihn nicht kauft. Er hat auf mich gehört und ist weggelaufen. Ich war froh, dass ich ihn vor einer Dummheit warnen konnte.“

 

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