Harald Martenstein über humorlose Frauen, perfekte Eltern und den Song Contest

Er ist Kult-Kolumnist, Feminismus-Kritiker, Shitstorm-Auslöser und Methusalem-Papa. Harald Martenstein polarisiert. Im Interview mit der Wienerin sprach er über humorlose Frauen, perfekte Eltern & die Toleranz-Show beim Song Contest.

Ja, es ist so. Harald Martenstein freut sich über Shitstorms. Denn unter Adrenalin „schreibt es sich leichter“, sagt er im Gespräch mit der WIENERIN. Der ZEIT-Kolumnist hat sich seinen Ruf hart erarbeitet, es gibt bei ihm nur zwei Lager: die Hardcore-Fans und seine erbitterten Gegner. Das sind übrigens meist Frauen. Warum? Wir waren neugierig und haben mit ihm über Frauenquoten, Conchita Wurst und seine späte Vaterschaft im Alter von 60 Jahren gesprochen.

Herr Martenstein, der Song Contest wird durch Conchita Wurst zum Toleranz-Event in Wien. Wie sehen Sie denn die bärtige Dame?
Ich hab mich sehr gefreut, als sie gewonnen hat.

Warum?
Weil sie die Beste war, es war ein schönes Lied, sie hat es gut gesungen und sie ist eine auffällige Erscheinung. Das ist gut im Showbusiness.

Nun, sie hat offenbar auch andere Länder beflügelt, sich anders zu positionieren. Polen schickt eine Sängerin im Rollstuhl, Finnland hat eine Punkband mit Down-Syndrom nominiert – ein Zeichen von Toleranz?
Ich würde eher sagen, das ist ein Zeichen von Geschäftssinn. Nachdem Conchita Wurst gewonnen hatte, überlegten sich die anderen Länder: „Mit welcher Geschäftsidee könnten wir jetzt kommen? Ah, da fällt mir eine ein: Eine stumme Sängerin oder einen Sänger zu bringen, das wäre doch eine Idee.“ Ich würde Moldawien dazu raten, damit es auch mal eine Siegerchance hat ...

Und was ist für Sie Toleranz?
Die Voraussetzung für Toleranz ist nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit. Denn wenn wir alle ganz ähnlich wären, wie ja manche Ideologen behaupten, dann wäre Toleranz überflüssig. Dass ich mich selbst gut verstehen kann, versteht sich ja von selbst. Eine Toleranzleistung wird erst von mir verlangt, wenn ich es mit Leuten zu tun habe, die ganz anders sind als ich. Für mich wär es ein Albtraum, wenn eine Welt aus Menschen bestehen würde, die so ähnlich denken, so ähnlich aussehen oder so ähnlich leben würden wie ich. Und es wäre nicht nur ein Albtraum, sondern auch langweilig.

Und vielleicht gruselig, wenn man sich vorstellte, es würden nur noch Martensteins herumlaufen ...
Ja, das vielleicht auch. Ich sehe also einen Widerspruch zwischen der Gleichheitsideologie und der Toleranzforderung. Die Idee, dass Menschen alle gleich oder sehr ähnlich sind, würde bedeuten, dass wir gar keine Toleranz brauchen. Deswegen neigen die Gleichheitsapostel dazu, oft sehr intolerant zu sein.

Nicht Intoleranz, aber Zorn wurde Ihnen beim letzten Shitstorm, der über Sie hereinbrach, vorgeworfen. Sie spotteten über ein Autoren-Duo, das Feminismuskritik von alten, weißen Männern thematisierte. Fühlten Sie sich bedroht? Oder zornig?
Nein, bedroht fühle ich mich nicht, ich finde nur, dass gleiche Maßstäbe gelten sollten. Wenn wir sagen, Menschen sollten nicht wegen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe herabgesetzt werden, dann gilt das natürlich auch, wenn diese Menschen Männer sind und eine weiße Hautfarbe haben. Alles andere erschiene mir ein bisschen unlogisch.

Und, freuen Sie sich, wenn Sie so einen Aufreger schaffen?
Na ja, ein bisschen freue ich mich schon, wenn wieder mal ein Shitstorm über mich hereinbricht, denn es liefert mir Stoff. Manchmal antworte ich auch jemandem, und wenn ich unter Adrenalin stehe, dann fällt mir das Schreiben doch ein bisschen leichter, das gebe ich zu. Was mich wundert an dieser ganzen Geschichte, ist, dass Leute, die für Sensibilität und Respekt im Umgang miteinander sind, selbst so häufig zu unsensiblen Formulierungen und zu einem hohen Maß an Respektlosigkeit neigen, wenn sie auf andere losgehen.

Und Sie sind immer respektvoll und sensibel?
Ich versuche es, es gelingt mir aber nicht immer – der Mensch ist so wahnsinnig fehlbar. Wir können unseren eigenen hohen Zielen oft nicht gerecht werden.

Aber Sie haben diese hohen Ziele, das ist ja sicher das Wichtigste ...
Ich will Leute nicht beleidigen. Aber ich arbeite natürlich mit Humor, Ironie, Sarkasmus. Mein Lieblingszitat von Billy Wilder geht sinngemäß so: „Es ist unmöglich einen Witz zu machen, ohne dass hinterher jemand beleidigt ist.“ Also, wenn wir tatsächlich niemanden mehr beleidigen wollen, dann müssen wir den Humor abschaffen. Das würde mir aber leidtun.

Sie sagen, Humor wirkt krampflösend, so empfehlen Sie es ja Ihren Kritikerinnen. Auch so eine Provokation. Was meinen Sie: Treibt die reale Ungerechtigkeit den Frauen vielleicht ihre Selbstironie aus?
Ich lese hin und wieder auch Texte von Frauen, in denen sie sich darüber beklagen, dass der Feminismus so wenig humoraffin ist. Und das ist wahrscheinlich wirklich ein Problem des Feminismus – jedes Lachen und jede Leichtigkeit versteht man als Generalangriff. Bei mir ist es so: Wann immer ich irgendwas am Feminismus lustig finde, wird mir gleich vorgeworfen, dass ich alles Feministische in Bausch und Bogen ablehne, wohl auch noch gegen das Frauenwahlrecht bin und überhaupt gegen alles. Was natürlich totaler Unfug ist.

Feminismus versteht jedes Lachen und jede Leichtigkeit als Generalangriff.
Martenstein über wenig humoraffine Feministinnen


Alice Schwarzer etwa kämpft recht direkt und klar für selbstbestimmte Frauen und das geht ja oft nicht nur mit Humor und spitzer Feder. Sie hingegen haben hunderte Jahre Patriarchat als Rückendeckung, da kann man gut locker sein, oder?
Ich glaube schon, dass auch ­Frauen locker sein können, es gibt da das eine oder andere Beispiel. Ich glaube nicht, dass ich aus hormonellen Gründen locker bin, nein. Aber es gab immer mal wieder Diskussionen darüber, ­warum es weniger weibliche Comedians gibt, und da hörte man am häufigsten die These, dass Kabarettisten auch mal schlecht aussehen müssten. Ein Mensch, der sich immer über andere lustig macht und nie über sich selbst, ist nämlich irgendwie unsympathisch. Und damit – so die Diskussion damals – hätten Frauen Probleme. Also sich selbst vor die Wölfe zu werfen. Aber das legt sich, es gibt ja immer mehr weibliche Comedians.

Anderes weibliches Thema: die Frauenquote. Ich zitiere eine Kolumne: „Ab morgen, Schulz, sind Sie eine Frau, die im Körper eines Mannes gefangen ist. So bringe ich Sie in den Aufsichtsrat.“ Gute Pointe. Was ist das Problem mit Frauenquoten?
Also, ich habe gar kein Problem mit Frauenquoten. Es ist ein hehres Ziel, zu fordern, dass Positionen in der Gesellschaft gerecht vergeben werden, das heißt nach Talent und Eignung. Das halte ich für das wichtigste Prinzip. Aber das wird durch tausend Dinge relativiert. Leute kommen aus allen möglichen Gründen in Positionen, der wichtigste Faktor ist dabei Glück. Jeder, der irgendwas geworden ist, weiß das. Und wir werden auch mit den umfangreichsten Verwaltungsmaßnahmen Glück und Pech nicht aus dem Leben eliminieren können. Das geht nicht. Und: Es werden auch immer ungeeignete Leute in Führungspositionen kommen, während geeignete Leute draußen vor der Tür stehen.

Sie sind vor etwa einem Jahr noch mal Vater geworden. Was ist denn aus Ihrer Sicht der größte Nachteil, Kinder zu haben?
Sie schmutzen, sie machen Lärm, sie sind undankbar, sie kosten einen Haufen Geld, aber man liebt sie natürlich total. Nur die Gegenliebe lässt manchmal ein bisschen zu wünschen übrig. Eltern pflegen in den meisten Fällen ihre Kinder mehr zu lieben, als es umgekehrt der Fall ist. Aber das ist in Beziehungen ja oft so.

Ein schwedischer Psychiater hat kürzlich gemeint, dass Kinder heute ohne Regeln und Vorbilder aufwachsen, obwohl sich die Eltern total um die perfekte Elternschaft bemühen. Wie ist Ihr Erziehungsansatz?
Man darf nicht zu perfektionistisch sein. Wenn man Kinder hat, macht man auch Fehler, aber Kinder sind ein wunderbar fehlerresistentes System. Wir alle haben in unserer Kindheit erfahren, dass unsere Eltern nicht immer alles richtig gemacht haben. Und: Wie stehen wir heute da? Gar nicht mal so schlecht. Ich glaube, das Kind zu lieben, reicht voll und ganz.

Kommen wir zur perfekten Vaterschaft: Welche Vorteile könnte denn Ihr kleiner Sohn haben, weil Sie jetzt nicht 31, sondern 61 Jahre alt sind?
Er wird auf jeden Fall nicht zu alt sein, wenn er erbt.
Ein unschlagbarer Vorteil ...

Tja, das kann ein 30-jähriger Vater nicht bieten …
Eine 60-Jährige hat jüngst Zwillinge bekommen, das war ein Skandal – sie wurde als unverantwortlich kritisiert. Als 60-jähriger Vater wird man milder behandelt, oder?
Nein, ich bin auch angefeindet worden – hauptsächlich von gleichaltrigen Frauen, die meinten: Du kannst das ja machen, aber ich kann das nicht. Ich habe geantwortet: Wieso? Du kannst das auch machen, es gibt Spezialisten.

Aber 60-jährige Mütter sind von der Natur halt nicht vorgesehen ...
Nun, was hat die Natur eigentlich vorgesehen? Wenn die Natur ihren Willen bekäme, würden wir alle mit 40 Jahren sterben. Alleine, dass wir nach dem 40. Geburtstag hier noch herumlaufen, ist vollkommen widernatürlich. Dass wir Herzklappen eingesetzt bekommen, dass wir Krebserkrankungen überleben, das alles ist nicht der Wille der Natur. Also dieses Naturargument halte ich für Blödsinn. Wir haben uns weitgehend von den Vorgaben der Natur entfernt – zu unserem Vorteil. Und wenn ­Frauen heute mit 60 mithilfe irgendwelcher Tricks Kinder kriegen können, dann ist das doch eine ganz erfreuliche Erweiterung der Möglichkeiten, die man hat.

Regt Sie diese Aufregung um das Thema auf?
Meine Frau war bei der Geburt unseres Kindes 47 Jahre alt und das war auch jenseits der natürlichen Grenzen. Wir haben es aber ohne medizinischen Beistand geschafft, was zur großen Verblüffung geführt hat.

Das glaubt Ihnen sicher niemand …
Es ist aber so, der Arzt hat gesagt, die Wahrscheinlichkeit lag bei eins zu einer Million.

Ihr Sohn wollte unbedingt, oder?
Ja, der wollte uns unbedingt.

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