Happy mit Pillen?

Eine Psychiaterin und eine klinische Psychologin disskutieren über Pro und Kontra von Anti-Depressiva.

Kritiker sagen: Antidepressiva machen abhängig und können mitunter sogar die Persönlichkeit verändern. Ist da medizinisch was dran?
Dr. Susanne Lucae, Leiterin der Abteilung Psychiatrische Pharmakogenetik am Max-Planck-Institut: Nein. Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern auch nicht die Persönlichkeit. Sie lösen – wenn überhaupt – vergleichsweise harmlose Nebenwirkungen, wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Störungen, aus. Wenn die Nebenwirkungen zu störend sind, kann der Facharzt ein verträglicheres Mittel verschreiben.

Es spricht also nichts dagegen, seine chronische Niedergeschlagenheit mit Medikamenten loszuwerden?
Lucae: Nein. Wenn jemand an Bluthochdruck leidet, schluckt er ja auch Tabletten, ohne mit der Wimper zu zucken. Depressive Episoden können auch von selbst wieder verschwinden. Und sie können mit Psychotherapie geheilt werden. Aber beides dauert ohne Antidepressiva wesentlich länger. Es ist sinnvoll, den Leidensprozess
kurz zu halten. Dr. Karin Kalteis, Klinische Psychologin: Das Einzige, was aus meiner Sicht gegen Antidepressiva spricht, ist: Sie werden gelegentlich verschrieben, ohne die Art und Schwere der Depression abzuklären. Bei einer manisch-depressiven Erkrankung oder anderen schweren Ausprägungen einer Depression sind Psychopharmaka notwendig!

Wie entscheidet nun der Psychiater im Einzelfall, ob er ein Antidepressivum verschreibt oder nicht?
Lucae: Er geht nach dem Schweregrad vor. Bei einer leichten Depression reicht oft eine Psychotherapie. Eine mittelgradige Depression wird meist mit einer Kombination
aus Psycho- und Medikamententherapie behandelt. Bei einer schweren Depression steht zunächst die Medikamentengabe im Vordergrund. Damit die Psychotherapie ist ein gewisser Gesundheitsgrad erforderlich.

+ Antidepressiva werden nach dem Schweregrad der Depression verschrieben.

+ Antidepressiva wirken auf die Neurotransmitter

+ Depressionen können auch von alleine wieder verschwinden. Am sinnvollsten ist eine Kombination aus Psychotheraphie und Antidepressiva.

- Mögliche Nebenwirkungen:
Müdogkeit, Kopfschmerzen, Magen-Darmstörungen.

+ Antidepressiva machen nicht abhängig.

+ Naturheilmittel gegen Depressionen:
Johanniskraut, Ginko oder Bachblüten.

Depressionen werden durch eine Stoffwechselstörung im Gehirn verursacht. Wie helfen Medikamente da genau?
Lucae: Vereinfacht gesagt gilt: Sie wirken in erster Linie auf die Neurotransmitter, die Botenstoffe, die aus dem Lot geraten sind und so wieder reguliert werden.

Wenn Medikamente den aus dem Takt geratenen Stoffwechsel regulieren können, warum braucht es dann überhaupt zusätzlich Psychotherapie?
Kalteis: Klinisch-psychologische und psychotherapeutische Verfahren ändern in der Regel das Verhalten und die Einstellung des Erkrankten. Und diese Veränderung ist wichtig, weil sie hilft, mit psychischem Stress und Belastungen, die Auslöser einer Depression sein können, besser umzugehen.

Kann man denn eine Depression auch technisch, etwa anhand einer Blutuntersuchung, feststellen?
Lucae: Nein. Die Erkrankung ist zu komplex dafür. Die Ursache für die Entstehung einer Depression ist eine Kombination aus belastenden Lebensereignissen und genetischer Veranlagung. An Letzterer wird intensiv geforscht. Sollte diese genetische Ursache entschlüsselt werden, wäre es theoretisch möglich, die Krankheit noch vor ihrem Ausbruch im Keim zu ersticken. Aber die Forschung dazu steckt leider noch in den Kinderschuhen.

Klammern wir die Schulmedizin zum Abschluss kurz aus. Es gibt doch auch Naturheilmittel gegen Depressionen - was bringen die?
Kalteis: Johanniskraut zeigt eine gewisse antidepressive Wirkung. Aber es hat unter anderem den Nebeneffekt, dass es in der Leber einen schnelleren Abbau von anderen Medikamenten bewirkt. Das kann kontraproduktiv sein. Manche schwören auch auf Ginkgo oder Bachblüten, für deren Wirksamkeit gibt es aber bis dato noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege.

 

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