Habt ihr plötzlich Separation Anxiety nach dem Lockdown?

Monatelang waren wir Tag und Nacht mit unseren Partner*innen zusammen und haben uns manchmal nichts mehr gewünscht, als allein zu sein und andere Leute zu treffen. Doch jetzt, da die Welt sich öffnet und jede*r zu seinem Leben zurückkehrt, vermissen wir sie, sobald sie einen Tag ins Büro gehen.

Habt ihr plötzlich Separation Anxiety nach dem Lockdown?

Unweigerlich gingen die letzten 1,5 Jahre für Paare in zwei Richtungen: Entweder die unüberwindbaren Differenzen wurden sichtbar oder sie wuchsen noch enger zusammen. Es war fast nicht anders möglich. Denn am Ende waren es viele Tage, Wochen und Monate, wo man gegenseitig der Hauptkontakt war. Zu zweit gegen die Welt, die Pandemie, die Probleme.

So fühlte es sich zumindest an. Man hatte plötzlich ganz neue Rollen: Wir waren im Home Office Arbeitskolleg*innen, mit dem*der man den neuesten Büro-Gossip diskutierte, mehrmals täglich der Essens-Buddy, Sex-Partner*in, beste Freund*in und der Mensch, mit dem man jeden Abend eine Serie oder Film aussuchte. Es ist wahrscheinlich safe zu behaupten, dass kaum ein Paar jemals so viel Zeit miteinander verbrachte wie in den letzten eineinhalb Jahren Pandemie.

Verlass mich nicht

Jetzt da alles wieder offen ist, kommen wieder andere Menschen ins Bild, die man vermisst hat. Familie, Freund*innen, Hobbys rücken in den Vordergrund und viele Menschen fühlen trotz der Freude über die Öffnungen eine gewisse Melancholie und einen Stress.

Separation Anxiety, also Verlustangst, kennt man gewöhnlich von Kindern und Tieren, aber aktuell kann man diese auch im großen Stil bei erwachsenen Paaren beobachten. Den*die Partner*in verbindet man mit Sicherheit, er*sie war der Notanker und plötzlich wieder so viel Zeit getrennt zu verbringen, kann gruselig sein.

Größere Abhängigkeit

Beziehung-Psychologin Miranda Christophers sagt gegenüber Cosmpolitan: „Nach dieser intensiven Zeit, die man zusammen verbracht hat, können manche nun Separation Anxiety verspüren, wenn sich die Welt öffnet und sie und ihr*e Partner*in zu Dingen wie Arbeit und Hobbys zurückkehren. Im Wesentlichen liegt das daran, dass wir, ohne es zu merken, abhängiger von denen geworden sind, mit denen wir den Lockdown verbracht haben.“

Wenn ihr also eure Partner*innen vermisst, während diese nur einen Tag im Büro verbringen und ihr im Home-Office sitzt, ist das ganz normal und ein Zeichen, dass ihr an Separation Anxiety leidet. Und ihr seid damit nicht allein!

Keine Vorwürfe

Doch egal wie sehr euch der Gedanke stresst, diesem Gefühl nachzugeben und dem*der anderen das Bedürfnis nach Normalität und Außenwelt vorzuwerfen, ist nicht hilfreich. Miranda Christophers weiß, wie man sich in solchen Situationen am besten verhält: „Achte darauf, dass du deine*n Partner*in nicht kritisierst oder Vorwürfe machst, denn das kann zu Konflikten führen und die die zweite Person in eine defensive Position bringen, die es erschwert, zu verstehen, was in dir vorgeht."

"Ein Konflikt birgt unweigerlich die Gefahr, dass ihr euch voneinander distanziert, obwohl du doch genau das Gegenteil anstrebst." Solltest du das Bedürfnis haben deine*n Partner*in damit zu konfrontieren, atme tief durch und halte dir vor Augen, dass es völlig normal ist, nachholen zu wollen, was die letzten Wochen und Monate nicht möglich war. Das hat nichts mit seinen*ihren Gefühlen für dich zu tun. Und wenn du ehrlich bist, gibt es ja auch genug Dinge, die du vermisst hast.

Jeder braucht ein eigenes Leben

Erklär am besten deine Gefühle und bitte darum, dass ihr auch an Tagen, an denen ihr getrennt seid, in Kontakt bleibt. „Ihr könnt Nähe erzeugen, indem ihr in Kontakt seid - vielleicht kann ein Text oder ein Anruf beruhigend sein oder plant ein, euch nach der Arbeit oder zur Mittagspause zu treffen. Man kann sich langsam daran gewöhnen, mehr Zeit getrennt zu verbringen", empfiehlt die Expertin.

Mit der Zeit wird die Freude darüber wieder überwiegen, dass man sich gegenseitig etwas zu erzählen hat. Wenn man nicht mehr jede Minute des Tages gemeinsam verbringt, gibt es entsprechend auch mehr Erlebnisse, die man abends oder bei einem Treffen miteinander teilen kann.

"Beziehungen brauchen eine gewisse Distanz und Differenzierung zwischen zwei Menschen, und jede*r braucht seine*ihre Arbeit, seine*ihre Hobbys und seine*ihre Freunde, um nicht zu vertraut oder gar verstrickt zu werden“, so Miranda Christophers.

 

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