"Gute Pornos zeigen echte sexuelle Erfahrungen"

Die Pornobranche wäre ohne sie um einige Facetten ärmer: Die Pornodarstellerin und -produzentin Stoya bricht mit Branchenklischees und lässt dabei kein vermeintliches Tabu aus. Das Ganze garniert sie mit pointierter Kapitalismuskritik.

Der klügste Pornostar der Welt", "Ikone der kritischen Intelligenz", "überzeugte Feministin": Labels hat Jessica Stoyadinovich, besser bekannt als Stoya, 31, schon einige bekommen. Denn Feminismus und Porno, diese Begriffe scheinen für viele nicht zusammenzupassen. Doch Schubladendenken gibt es bei Stoya nicht. Ihre Karriere begann mit Nacktfotos für einen Freund, heute ist sie einer der bekanntesten Pornostars der Welt. Als Regisseurin und Produzentin hat sie sich zum Ziel gesetzt, mehr zu zeigen als normierte Körper und männliche Lust.

Wir haben sie im Rahmen des Let's CEE Filmfestivals in Wien zum Gespräch getroffen.

"Feminismus und Pornografie haben beide schlüpfrige Definitionen" - das haben Sie 2014 in einem Artikel geschrieben. Was meinen Sie damit?

Stoya: Wenn du jemanden fragst, was Pornografie ist, hat jeder seine eigene Definition davon. Das Gleiche gilt für den Feminismus. Für manche bedeutet Feminismus, dass alle Menschen ein gleichberechtigtes Leben führen sollten. Für andere bedeutet es, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen sollen. Das ist auch wichtig, weil es der Weg zu Gleichberechtigung ist. Doch für andere bedeutet Feminismus, dass ich eine "Verräterin" meines Geschlechts bin, oder dass Transfrauen keine "echten" Frauen sind, dass Frauen, die Lippenstift und High Heels tragen, keine Feministinnen sein können -und so weiter. Damit kann ich gar nichts anfangen.

Inwiefern hat sich Ihre Selbst- und Fremdbeschreibung während Ihrer Karriere verändert?

Ich wurde immer als "starke" Frau beschrieben, auch wenn die Realität ist, dass ich einfach ein Mensch bin. Manchmal bin ich stark, manchmal sehr schwach und verletzlich. In den Medien werde ich oft als "feministischer Pornostar" bezeichnet. Doch alles, was ich mache, ist mein Job. Daran ist nichts progressiv. Schon gar nicht an Mainstream-Paarpornos. Klar: Als ich angefangen habe, zu produzieren, war es mir immer wichtig, dass in meinem Unternehmen genauso viele Frauen wie Männer sitzen. Doch das ist nicht Feminismus, das ist kluger Kapitalismus, denn Diversität ist der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens. Deshalb muss ich oft erklären, dass es einen Unterschied zwischen meinen persönlichen feministischen Idealen und meiner Arbeit gibt.

Sie sagen, dass es keine Möglichkeit gibt, über die Pornoindustrie zu reden, ohne den Kapitalismus zu benennen?

Genau. Ich sage nicht, dass wir den Kapitalismus anzünden sollen. Doch ich sage schon, dass wir ihm zu viel Zeit gegeben haben, sich auszubreiten. Und es gibt echte strukturelle Probleme, die Menschen wehtun, die Menschen, vor allem Frauen, in Positionen bringen, in denen sie nicht sein wollen. Und wir können dieses Problem nur lösen, wenn wir uns damit befassen, wie der Kapitalismus funktioniert. Wenn es für alle mehr Möglichkeiten gibt, dann gibt es auch weniger Menschen in der Sexarbeit, die das machen müssen - und mehr, die es machen wollen.

Kann es "guten Porno" geben?

Natürlich. Ich könnte Ihnen 20 Minuten lang eine Liste von Pornos ansagen, die in meinen Augen gut sind, da sie ein gesundes Menschenund Frauenbild verbreiten. Sie zeigen echte sexuelle Erfahrungen.

Was ist Ihre Definition eines guten Pornos?

Gute Pornos zeigen eine Vielzahl an Menschen, die eine Vielzahl an Dingen tun. Wenn ich von guten Pornos spreche, meine ich zum Beispiel Pink &White Productions von Shine Louise Houston. Guter Porno muss immer die Arbeitsbedingungen mitdenken. Und das ist nicht etwas, womit sich KonsumentInnen gerne beschäftigen. Doch es ist notwendig. Weil wir noch immer diese puritanische Angst davor haben, darüber zu reden. Menschen fragen mich immer:"Willst du das wirklich? Hast du Spaß daran?" Habt ihr alle Spaß bei eurer Arbeit? Macht euch das zu Opfern? Nein. Es heißt nur, dass viele etwas machen, auf das sie nicht immer Lust haben, weil sie ein Gehalt dafür bekommen, weil die Bedingungen für sie großteils passen und es auch Dinge am Job gibt, die aufregend sind.

Wie waren die Anfänge Ihrer Karriere?

Ich war damals Anfang 20, und in den ersten sechs Monaten habe ich einfach versucht, einen Fuß in die Tür zu bekommen und mich an Dinge wie den professionellen Jargon zu gewöhnen. Ein politischer Aufwachmoment für mich war aber der Besuch bei einem Kongress. Ich war schockiert über die Art, wie Journalisten mit mir sprachen. Sie kamen mit Fragen wie "Wie enttäuscht sind deine Eltern?" oder "Wie bist du hier gelandet?"- als wäre das zufällig passiert und ich wäre da irgendwie reingerutscht! Als wäre es unmöglich, dass ich es gerne mache. Ich habe damals schon das starke Empfinden gehabt, dass das alles nicht okay ist und ich es verbessern will. Doch je älter ich werde, desto anspruchsvoller wird mein Job. Heute bekomme ich ganz andere Fragen.

Stoya ist derzeit im serbischen Spielfilm Ederlezi Rising zu sehen, der im Rahmen des Let's CEE-Filmfestivals in Wien Österreich-Premiere feierte. Die Handlung spielt im Jahr 2148 -der Astronaut Milutin wird zum Sternbild Alpha Centauri geschickt. Ihm zur Seite steht ein weiblicher Cyborg namens Nimani 1345, gespielt von Stoya, mit der er sich in eine komplizierte "Beziehung" verstrickt. Regie führt Lazar Bodroža.

Ist es auch mühsam, ständig den Status quo zu bekämpfen?

Ja, auf jeden Fall. Es steckt sehr viel Wiederholung drin. Und ich bekomme sehr viele Hasskommentare. Von "Du verdienst es, zu sterben" bis zu "Ich werde dich so und so zugrunde richten" ist alles dabei. Und dann kommen jene, die mir erklären wollen, dass mein Job für Vergewaltigungen verantwortlich ist. Ich denke mir dann nur:"Wow, du siehst mich nicht, du verstehst mich nicht!" All diese Interaktionen machen natürlich etwas mit mir. Deshalb bin ich sehr vorsichtig, wen ich in mein Leben lasse und wie zugänglich ich im Internet bin. Hin und wieder wird meine private Telefonnummer öffentlich gemacht, und dann wache ich auf und habe hunderte Nachrichten auf dem Handy. Deshalb nehme ich mir in der Früh immer Zeit, bevor ich mich daran setze. Ich trinke Kaffee, denke über etwas Nettes nach, streichle meine Katzen. Und dann habe ich Energie getankt, um mich mit den Nachrichten auseinanderzusetzen. An manchen Tagen ist es toll, voller interessanter Möglichkeiten und neuer Dinge. Andere Male ist es einfach nur ein Trash-Feuerwerk.

Wie gehen Sie mit diesen Hasskommentaren online um – ignorieren oder antworten?

Ich ignoriere sie. Es gibt bestimmte Muster, wie diese Menschen schreiben, und ich weiß bereits vom Titel oder zwei Wörtern, das ich das sofort löschen kann. Ich sehe nicht ein, warum ich das lesen sollte. Ich bekomme meine Bestätigung nicht von fremden Leuten im Internet. Und ich klebe auch nicht ständig an meinem Handy, auch wenn es verlockend ist.

Wenn wir über ethische Standards in der Pornoindustrie reden: Gibt es Dinge, die wir nicht erklären und regulieren können?

Es gibt jede Menge Dinge, die wir nicht erklären können. Im Grunde wissen wir ja gar nichts über die menschliche Sexualität, weil wir so verklemmt sind. Die USA im Speziellen wurden auf diesen puritanischen Werten aufgebaut, doch auch Europa ist sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, dass Frauen ihre Sexualität ausleben sollen. Es ist so, als würden wir über Actionfilme diskutieren und dabei Spezialeffekte tabuisieren. Wir haben gar kein Vokabular dafür. Bis wir kulturell dort angelangt sind, dass wir offen über Sexualität und Lust sprechen können, bis dahin wird es weiterhin sehr schwer sein, sich rational über Pornografie zu unterhalten.

Bis wir kulturell dort angelangt sind, dass wir offen über Sexualität und Lust sprechen können, bis dahin wird es weiterhin sehr schwer sein, sich rational über Pornografie zu unterhalten.
Stoya

Kürzlich hat die US-Regierung die Website backpage.com offline genommen - eine wichtige Plattform für SexarbeiterInnen. Was sind die Konsequenzen für Menschen in der Sexarbeit?

Es betrifft ja nicht nur backpage.com, es ist ein viel größeres Thema. Nachdem 17 SchülerInnen und LehrerInnen auf einer High School in Florida erschossen wurden, hat sich der Staat Florida dagegen entschieden, das Waffengesetz zu verschärfen. Stattdessen wurde beschlossen, dass Pornos ein öffentliches Gesundheitsrisiko darstellen. Bevor das Gesetz überhaupt implementiert wurde, wurden SexarbeiterInnen auf Reddit, Craigslist, etc. zum Schweigen gebracht. Die Unternehmen hatten Angst vor der US-Regierung und haben vorauseilend gehandelt. Dann wurde backpage.com verboten.

Einige der Sprecherinnen der Sexarbeit-Community haben es als Attacke an SexarbeiterInnen beschrieben. Ich wünschte, es gäbe ein Wort, das noch nicht ganz so heftig ist – denn ich habe Sorge, dass es noch eine viel größere Attacke geben wird. Es ist gruselig, und ein großes Ärgernis. Die neue Plattform, die ich dieses Jahr starte – zerospaces.com – wird nämlich auch Porträts von Sexarbeiterinnen und Sexarbeit beinhalten. Und jetzt muss so etwas vorher zum Anwalt. Wenn ich zu große Fehler mache, könnten die Konsequenzen sehr ernst sein. Was mit den Frauen passiert, die statt dass sie auf der Straße arbeiten oder einen Zuhälter haben, das Internet genutzt haben, um sicherer und unabhängiger zu arbeiten – ihnen wurde ihre Existenzgrundlage weggenommen. So viele Frauen müssen sich jetzt in risikoreichere Positionen begeben, sie sind größeren Gefahren ausgesetzt. Und das ist schrecklich.

Würden Sie sagen, dass es in den USA gerade einen Rückschritt in Sachen Frauenrechte gibt?

Ich würde es nicht als Rückschritt bezeichnen, denn die Dynamik ist nicht so simpel; eher eine chaotische Situation mit vielen Fronten: etwa Männer, die sich verloren fühlen, herumirren und sich fragen, was sie jetzt noch tun dürfen. Doch das müssen sie schon selbst rausfinden.

War Hollywood für Sie jemals eine Option?

Noch vor der #metoo-Bewegung war mir klar, dass diese ganze Filmindustrie nichts für mich ist. Es würde mich kaputtmachen. In der Pornobranche werde ich besser behandelt, auch wenn es nie perfekt ist. Aber es gibt so viel strukturellen Machtmissbrauch in Hollywood, da möchte ich gar nicht erst eintauchen. Ich bleibe dabei, lustige Dinge mit Freundinnen und Freunden zu machen, und meinen Brotjob zu behalten.

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