Gute Freunde

Marmor, Stein und Eisen bricht – aber unsere Freundschaft nicht? Manchmal eben doch. Und das ist gar nicht so tragisch, findet Freundschaftsforscherin und Soziologin Ursula Nötzoldt. Sie plädiert für Verbündete auf Zeit – und verrät, was gute und weniger gute Freunde ausmacht.

WIENERIN: Wenn man Fotoalben durchschaut, kriegt man oft das Gefühl: Früher hatte man mehr Freunde und es war auch leichter, Anschluss an andere Menschen zu finden. Warum scheint's ab 30 oft so schwer, neue Freunde zu finden?

Ursula Nötzoldt: Indirekt hat es mit dem Alter zu tun - aber die Gretchenfrage ist doch: Wie zufrieden ist man mit der Menge und der Qualität der Freundschaftsbeziehungen, die man heute hat? Dazu muss man auch ehrlich analysieren: Ist man der introvertierte Typ oder eher extrovertiert? Ob Sie mit 30 noch leicht neue Freunde finden, hängt vor allem damit zusammen, wie offen und interessiert Sie sind. Problematisch wird es, wenn es von außen Druck gibt. Wenn es heißt: ‚Du musst jemanden finden, du musst dich vernetzen.‘

Haben Netzwerke überhaupt mit Freundschaft zu tun? Das klingt eher nach Zweckbeziehung und Gegengeschäft.

Ein Netzwerk ist nichts Negatives. Menschen brauchen private Beziehungen, Familie und enge Freunde - und dazu Abstufungen wie Nachbarn, Bekannte, Kollegen. Es ist nicht gut, alle Ansprüche auf eine einzige Person zu übertragen! Betrachten Sie alles als System: In diesem System haben Sie ein bestimmtes Zeit- und Bedürfniskontingent. Das alles verarbeiten Sie in einem Netzwerk.

Dabei heißt's: Freunde sind nur jene, die einen als Person sehen und nicht danach beurteilen, was man ihnen bringt.

Ich weiß, dieses antike Ideal des einen, wahren Freundes, der ganz altruistisch ist, spukt noch immer in unseren Köpfen herum. Dabei ist es unrealistisch! Unsere Gesellschaft ist prinzipiell sehr auf den Nutzen ausgerichtet. Und wenn das gegenseitig ist - warum nicht? Heute lernen wir in den unterschiedlichsten Settings und auf der ganzen Welt Leute kennen und die begleiten uns dann. Manche für ein Jahr im Studium, andere für ein paar Monate beim Sport oder in der Selbsthilfegruppe.

Für jedes Hobby braucht's also eine andere Freundin?

Sehen Sie es als ‚differenzierte Freundschaften‘: Man unternimmt mit Menschen unterschiedliche Dinge, und solange man dieses gemeinsame Thema hat, kann die Freundschaft sehr intensiv sein und von Herzen kommen, egal, wie lange sie dauert.

Kultserie: Auch bei Friendswerden Freundschaften vor so manche Hürde gestellt

Wir haben vorhin von Idealen geredet. Daher: Wie geht das, eine gute Freundin zu sein?

Was vielen nicht wirklich bewusst ist: Freundschaft ist harte Arbeit. Sie ist ständig davon bedroht zu zerfallen, wenn man nichts für sie tut. Mein Tipp ist: Fangen Sie immer bei sich selbst an, gehen Sie auf den anderen ein, bieten Sie ihm etwas. Das bedeutet aber nicht, ständig Kontakt haben zu müssen: Pausen gehören zur Freundschaft dazu. Sei es, weil man einen neuen Partner hat, Kinder bekommt, vom Beruf ausgelaugt ist. Irgendwann nimmt man den Faden wieder auf und es geht weiter.

Das war alles, mehr muss nicht sein?

In einer stabilen Freundschaft geht man mit dem anderen so um, dass beide profitieren. Dazu kann etwa gehören, dem anderen Freiheit bei Verabredungen zu geben: Die Freundin darf noch im letzten Moment eine SMS schicken, wenn sie merkt, es passt ihr doch nicht - und die andere wird ihr deshalb nicht böse sein.


Sich per Handy bis zum Schluss alle Möglichkeiten offenzuhalten, kann aber auch ganz schön nerven.

Terminvereinbarungen per SMS halte ich nicht per se für schlecht. Es macht flexibler. Es kommt aber natürlich immer auf die Situation an: Wenn Sie merken, Sie sind für einen Freund austauschbar, sprich er oder sie wartet, bis ein besseres Date kommt - das ist sicher diskussionswürdig.

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Eine Freundin hat mir mal vorgeworfen, ich würde mit ihr nie über Gefühle reden. Das hat mich ziemlich irritiert.

Unter anderem wahrscheinlich auch, weil Sie nicht wussten, dass die Freundin auf dieser Ebene etwas von Ihnen wollte. Es klingt vielleicht übertrieben, aber es wäre gut, wenn sich Freunde darüber austauschten, was sie von der Freundschaft wollen. Am besten macht man das an einzelnen Knackpunkten fest, denn ständig über die Grundlagen zu reden, ist mühsam. Das ist nicht der Sinn von Freundschaft. Es geht um Begleitung, den leichten Austausch.

Wenn es gute Freunde gibt, muss es auch schlechte Freunde geben.

Das sagen Sie jetzt. Ich sage: Wer oder was definiert eigentlich den schlechten Freund? Die Bandbreite von Freundschaftsformen ist so groß. Nehmen wir beispielsweise zwei Junkies, die werden sich von innen betrachtet als Freundespaar total gut finden. Aus der Position von anderen - von außen - stellt es sich anders dar: Seit die zwei zusammen sind, geht der eine nicht mehr zur Arbeit und kifft noch mehr. Man muss schon zwischen Innen- und Außenperspektive unterscheiden.

Na ja, aber wenn mich jemand verrät, kann man durchaus von einem schlechten Freund reden, oder?

Vertrauensbruch ist sicher der größte Feind von Freundschaft, das belegen auch Studien. Generell würde ich sagen: Freunde, die uns nicht gut tun, sind solche, die mich in meinen guten Impulsen nicht wahrnehmen, die mir nicht zuhören und die mich in eine Richtung bringen wollen, in die ich gar nicht möchte. Bei Erwachsenen kommt das oft versteckt vor.

Was sagt die Freundschaftsforschung: Soll man eingreifen, wenn man jemanden, der einem am Herzen liegt, in schlechter Gesellschaft glaubt?

Sie dürfen sagen, was Sie sehen. Wichtig ist, es konkret zu benennen, nicht zu fantasieren. Man kann etwa sagen:, Du siehst traurig aus, du bist nicht mehr so spontan, was ist los?‘

Können Busenfreundinnen auch Rivalinnen sein?

Klar können sie beides sein. Frauenfreundschaften sind aufeinander gerichtet, man erzählt sich alles. Wer sich so stark dem anderen zeigt, bietet viel Angriffsfläche - umso stärker kann die Verletzungsqualität ausfallen. Zugleich misst man sich mit der Freundin: Wie sieht sie aus, wie ist ihre Karriere, was hat sie für einen Freund?

Sind wir schlechte Freunde, wenn wir uns einfach nicht mehr melden?

Eine Freundschaft auströpfeln zu lassen, kommt häufig vor. Wir können sie pflegen, aber nicht davon ausgehen, dass sie ewig hält. Muss sie auch nicht: Freundschaft hat ihre Zeit! Lange, intime Beziehungen sollten einem aber so viel bedeuten, dass man den Freund auf die Situation anspricht.

Gerade ausplätschernde Freundschaften definieren Menschen hinterher oft um, sagen beispielsweise, sie wurden nur ausgenutzt. Mein Rat: Tun Sie das nicht! Es ist doch so: Wir haben gern jemanden an unserer Seite - und wir machen es nicht aus Altruismus. Einen Teil unserer Wege gehen wir gemeinsam. Wenn wir es gut machen und Glück haben, dauert es länger.

 

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