Gut sein (lassen)

Wer glaubt, der Welt wäre geholfen, würde nur jeder Mensch einem anderen helfen, irrt. So einfach ist die Sache mit dem Mitgefühl und der Hilfsbereitschaft nicht, weiß der Neurowissenschaftler Claus Lamm von der Uni Wien. Ein Interview.

Herr Lamm, Ihr wissenschaftliches Steckenpferd ist die Empathie, mit der Sie sich in einem interdisziplinären Team an der Universität Wien befassen. Sind Empathie und Hilfsbereitschaft eigentlich dasselbe?
Nein, nur vermischt der Volksmund beides oft. Empathie ist lediglich die Fähigkeit, etwas zu empfinden, was ein anderer empfindet. Ob Empathie aber in Hilfsbereitschaft umschlägt, hängt von vielen Motiven ab. Es gibt schon einen Zusammenhang zwischen beiden, aber er ist nicht so stark, wie man auf den ersten Blick vermuten würde.

Welche Gründe gibt es, fremden Menschen zu helfen?
Reiner Selbstzweck ist ein starkes Motiv. Auch wenn viele Menschen glauben, Hilfsbereitschaft müsse zweckfrei sein - nach dem Motto „Eigennutz ist schlecht, Fremdzweck ist gut" -, ist das problematisch und vielmehr so: Eine Handlung, von der beide Seiten profitieren - eine Win-win-Situation -, ist die beste Voraussetzung, dass das Verhalten aufrechterhalten bleibt! Die wichtige Message lautet also: „Es ist gut, etwas zu tun, von dem man selbst auch etwas hat. Insbesondere, solange man sich darüber im Klaren ist."

Wäre dies ein Selbstzweck: „Ich fühle mich besser, wenn ich einer alten Dame eine Zeit lang den Einkauf abnehme, da sie sich das Bein gebrochen hat"?
Ja, das können Sie so sehen. Meist löst der Akt des Helfens ein positives Gefühl beim Helfer aus. Doch nicht immer stehen bewusste Motive hinter unserem Verhalten. Reziprok zu handeln, also im Austausch mit anderen, ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Meist rationalisiert man erst hinterher, nachdem man jemandem geholfen hat, warum man es getan hat. Etwa, weil es die Erziehung mich gelehrt hat, weil es meine moralische Verpflichtung ist oder eben weil es mir auch gut dabei geht.

Welche Rolle spielt dabei Mitleid?
Mitleid ist nicht die beste Voraussetzung. Wissenschaftler unterscheiden Mitleid und Mitgefühl: Beim Mitleid stellen Sie sich über die Person, sind ihr überlegen oder haben Assoziationen wie „Die ist so arm und bemitleidenswert". Beim Mitgefühl hingegen handelt es sich um eine partnerschaftliche Beziehung: Ich fühle mit jemandem mit, aber nicht, weil ich mich besser fühle als der andere.

Manchmal beginnt jemand, sich ehrenamtlich zu engagieren, doch dann wird es ihm zu viel. Warum?
Sie müssen bei empathischen Reaktionen zwei Komponenten unterscheiden: Es gibt zum einen die mitschwingend-mitfühlende Komponente - Sie fühlen wirklich, was die andere Person fühlt, auch das Leid. Das kann dann in Hilfsbereitschaft resultieren. Zum anderen kann eine empathische Reaktion eine Stresskomponente enthalten: Das Leid des anderen erinnert mich an eigenes Leid, es kommt zu einer überbordenden Reaktion, die auf mich selbst bezogen ist - dann wende ich mich vom fremden Leid ab, versuche, mich abzulenken. Ob Sie jemandem helfen, hängt also mit einer komplizierten Balance zusammen: nicht zu viel involviert ins Leid sein, aber auch nicht zu wenig. Aber irgendwas spüren müssen Sie schon.

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Gesucht: ehrenamtliche Helfer, die in ihrer Freizeit für Mensch oder Tier da sein wollen. Eine Auswahl.

Häuser zum Leben. Die Initiative Solidarität mit Seniorinnen und Senioren sucht Ehrenamtliche für ihre Wiener Pensionistenhäuser. Kontakt: Tel. (01) 914 90 84-636, E-Mail: ursula.frey@kwp.at

Tierombudsstelle Wien. Kleine und große Vierbeiner zählen auf Herz und Mithilfe von Tierliebhabern – etwa beim Gassigehen oder beim Igelüberwintern. www.tieranwalt.at

Caritas. Arbeit mit Flüchtlingen, behinderten Menschen, Senioren und Kindern. Infos gibt es auf caritas.at

Pro Mente. Wer Vorerfahrung aus Jobs im sozialen Umfeld hat, kann in der Laienhilfe psychisch kranke Menschen in der Freizeit begleiten. Stichwort „Sozialbegleitung“, www.promente-wien.at & www.pmooe.at

Neustart. Ebenfalls für Menschen mit sozialem Job-Background: Der Verein Neustart sucht ehrenamtliche Bewährungshelferinnen und -helfer. www.neustart.at

Wie bekommt man denn diese essenzielle Balance des Mitgefühls hin?
Sie müssen sich in jedem Moment klar darüber sein, dass die Emotionen, die Sie spüren, vom anderen kommen und nicht von Ihnen selbst. Das ist die hohe Kunst der Abgrenzung. Idealerweise trennt man in seiner Hilfsbereitschaft rational diese beiden Emotionen. Sie spüren: Das ist eine gute Tat, die jemandem hilft, zugleich aber auch Ihnen selbst guttut. Solange Sie in der Lage sind, beides zu trennen, wird es nicht dazu kommen, dass Sie jemandem nur aus reinem Selbstzweck helfen. Oder aber sich selbst ausnutzen - also so viel für und in andere investieren, dass Sie psychisch oder physisch dabei zugrunde gehen.

Ist biologisch betrachtet jeder von uns gleich hilfsbereit?
Grundsätzlich ist die Fähigkeit, die Emotionen anderer zu spüren, bei jedem biologisch angelegt, doch sie ist nicht von Anfang an zu 100 Prozent vorhanden und läuft dann nur noch programmiert ab. Biologisch heißt nicht, dass etwas für immer fix verdrahtet und nicht formbar ist. Im Gegenteil: Mitgefühl und altruistische Handlungen müssen gefördert werden - und sie können sogar stark trainiert werden.

Gibt es schon Trainings für mehr Hilfsbereitschaft?
Im Moment ist da einiges am Entstehen: meine Kollegin Tania Singer am Max-Planck Institut in Leipzig, aber auch Kollegen von der Stanford University untersuchen, wie man Mitgefühl verstärken kann und ob sich das auf die Hilfsbereitschaft auswirkt. Solche Programme sind oft an die buddhistische Lehre und deren Methoden zum Training eigener Gedanken und Emotionen angelehnt. Oder nehmen Bezug auf andere philosopische/religiöse Grundmodelle, in denen Mitgefühl wichtig ist.

Wünschenswert für die Gesellschaft wäre es ja, wenn mehr Menschen mitfühlend und hilfsbereit wären, oder?
Das würde ich differenziert sehen. Klar gibt es Situationen, in denen Mitgefühl sehr wichtig ist und Hilfsbereitschaft ebenfalls. Doch in anderen Situationen können sie wiederum nicht das optimale Maß darstellen. Mitgefühl allein ist nicht die Lösung, sondern die Kombination aus Mitgefühl und besserem Verständnis, wie unsere Gesellschaft funktioniert oder wie Menschen in unangenehme Situationen überhaupt hineingekommen sind beziehungsweise aus diesen wieder herauskommen könnten.

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Lassen Sie uns das an einem Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir noch mal unsere Seniorin mit dem Beinbruch.
Wenn Sie für die alte Dame einkaufen gehen, nicht nur solange ihr Bein im Gips ist, sondern auch danach, sodass sie nie wieder auf die Straße kommt, weil es ja so angenehm ist, dass da ein junger Mensch für sie einkauft, und am Ende bekommt sie Depressionen, weil sie das Haus nicht mehr verlässt, dann wäre Ihre Hilfe eine schlechte Handlung. Hilfsbereitschaft muss immer qualifiziert sein!

Der Helfende muss sein Verhalten also immer wieder neu überprüfen, etwa, ob es im konkreten Fall noch die Kriterien sinnvoller Hilfsbereitschaft erfüllt?
Ja, und zwar muss es primär Sinn für die andere Person ergeben! Der Helfer darf nicht nur den unmittelbaren Sinn im Blick haben, also: „Wie geht es der Person jetzt, da ich ihr helfe?", sondern sich auch fragen, was die Hilfe in den Lebenszuständen der anderen Person auslöst.

Wir sehen schon, helfen ist gar nicht so leicht ...
Nein, überhaupt nicht. Viele Menschen fallen auf dieses Missverständnis herein, sie glauben, man müsse Hilfsbereitschaft nur verstärken, dann sei alles gut. Doch so ist es nicht.

Dennoch fühlen sich helfende Menschen oft gut.
Ein Grund kann sein: Wenn ich als Kind lerne, dass ein bestimmtes Verhalten durch meine Eltern verstärkt wird und sie es belohnen, speichere ich das als sehr positives Gefühl ab. Irgendwann tut einem das Verhalten auch dann gut, wenn keine Belohnung mehr von den Eltern kommt, sondern von einem selbst. Solche Verhaltensweisen kennen Sie etwa aus dem Job: Dort werden Sie nicht jeden Tag gelobt, sondern geben sich selbst positive Rückmeldung - und die fühlt sich gut an.

Was man beim Helfen empfindet, ist demnach ein echter Lernprozess?
Ja, aber nicht nur. Die Wissenschaft vermutet, dass schon in den Handlungen selbst, von denen andere profitieren, eine Belohnung steckt. Es ist also eine Kombination aus genetischer Ausstattung und Lernprozess - wir brauchen immer beides, um sozial kompetent zu sein.

Sie als Neurowissenschaftler werden wissen, was im Hirn passiert, wenn wir helfen: Was macht es mit uns?
Das ist derzeit ein Hot Topic in der Forschung. Im Fachterminus gesprochen, geht es da um die sogenannten neuronalen Korrelate. Für abschließende Erkenntnisse ist es aber noch zu früh. Doch es gibt Hinweise darauf, dass Helfen zum Beispiel das Stressniveau senkt oder man dadurch seine Gefühle besser regulieren kann.

 

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