Greta Thunberg zeigt, dass Anderssein gut ist – sollte das aber nicht müssen

"Anderssein ist eine Superpower", schreibt die Klimaaktivistin in Bezug auf das bei ihr diagnostizierte Asperger-Syndrom. Aber: Warum hat sie das Gefühl, sich dazu äußern zu müssen?

Greta Thunberg

Ein 16-jähriges Mädchen startet eine weltweite Klimaschutz-Bewegung. Sie schafft es, dass auf der ganzen Welt Millionen von Jugendlichen für den Schutz unseres Planeten auf die Straße gehen. Im Netz schlägt ihr eine Welle an Hass entgegen. Keine Pointe.

Greta Thunberg zeigt, dass wir von Inklusion noch weit entfernt sind

Das beschriebene Phänomen ist grundsätzlich kein Neues: In Zeitungs- und TV-Beiträgen erklären seit Wochen Psycholog*innen, warum die junge Schwedin für ihren Aktivismus mit so viel Hass konfrontiert wird. Vereinfacht ausgedrückt sagen alle Ähnliches, nämlich: Wir suchen bei anderen Menschen gerne Schwachstellen, um uns selbst besser zu fühlen, so etwa Psychologe Dirk Baumeier gegenüber RTL. Meistens manifestieren sich diese scheinbaren Schwachstellen in Handlungen - als Beispiel etwa vegane Blogger*innen, die angegriffen werden, wenn sie mit Honigbrot in der Hand oder Lederschuhen an den Füßen gesichtet werden.

Der Unterschied zu dem Hass, den Greta Thunberg erfährt, ist, dass der Hass nicht (nur) auf Handlungen (etwa dem Diskutieren des CO2-Ausstoßes ihrer Atlantiküberquerung) basiert, sondern von Ableismus geprägt ist. Bei Greta wurde Asperger diagnostiziert – und wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der Menschen abseits der Norm schon per se als Schwachstelle gesehen werden.

Ableismus (im Englischen: ableism) ist die Reduktion eines Menschen auf seine*ihre Beeinträchtigung. Das kann in Form einer Abwertung (wegen der Beeinträchtigung) oder eine Aufwertung (trotz der Beeinträchtigung) sein. Als Beispiel: Entweder werden behinderte Menschen als für die Gesellschaft weniger wertvoll betrachtet oder aber sie gelten als Inspiration, weil sie etwa trotz ihrer Behinderung einen Job haben.

Durch Ableismus werden Betroffene nicht als gleichgestellte Gegenüber wahrgenommen, sondern auf Basis einer Behinderung etikettiert und auf- oder abgewertet.

Wie viele andere behinderte Menschen wird Greta immer wieder mit Ableismus konfrontiert, sprich: auf Asperger reduziert und dadurch abgewertet. Der Brandenburger AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz hatte Greta in einer Attacke als "zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen" bezeichnet. Der französische Philosoph Michel Onfray schrieb in einem Essay, Thunberg sei weder Mensch noch Mädchen. Sie sei ein Maschinenwesen, mit "Gesicht, Alter, Geschlecht und Körper eines Cyborg".

Greta wehrt sich gegen Ableismus

In einem aktuellen Instagram-Posting äußert sich die Klimaaktivistin zu den Anfeindungen durch ihr Anderssein: "Wenn Hater dich wegen deines Aussehens und deines Andersseins angreifen, bedeutet das, dass ihnen sonst nichts bleibt. Und dann weißt du, dass du gewinnst!", schreibt sie unter ein Foto, das sie bei der Ankunft in New York zeigt.

Was ist Asperger?

"Ich habe Asperger und das heißt, dass ich manchmal ein bisschen anders bin als die Norm", schreibt sie weiter. Asperger ist eine Autismusspektrumsstörung. Das Spektrum des Autismus ist ein breites. Kein*e Autist*in gleicht einem*einer anderen. Es gibt jene, die man aus Vorurteilen kennt bis zu den in den Medien oft dargestellten Klischees à la Sheldon Cooper. Was alle eint: Autisten haben andere neurologische Gegebenheiten, das Gehirn ist anderes vernetzt. Dinge, die für neurotypische Menschen logisch erscheinen, sind für autistische Personen unlogisch. Dazu zählt etwa das Deuten nicht-sprachlicher Signale, das Autist*innen Schwierigkeiten bereitet – so auch beim Asperger-Syndrom. Menschen mit Asperger-Syndrom werden daher oft als leicht wunderlich wahrgenommen. Weil Asperger von der Außenwelt als weniger auffällig wahrgenommen wird, wird es fälschlicherweise oft als „milde“ Form des Autismus betitelt, was nicht nur falsch, sondern diskriminierend ist.

Bei Autismus und Asperger ist zwar von einer Diagnose die Rede, die Abgrenzung zum Begriff der Krankheit ist dennoch wichtig: Autismus ist angelegt, vererbbar und anders als eine Krankheit nicht heilbar. Es wird als tief greifende Entwicklungsstörung und damit als seelische Behinderung klassifiziert.

Greta sollte nicht Asperger-Botschafterin sein müssen

Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Inklusion noch immer eine Wunschvorstellung ist, werden Menschen mit vermeintlichen Störungen oder Behinderungen strukturell diskriminiert und systematisch abgewertet. Dieses Stigma bricht Greta mit ihrem aktuellen Posting: "Ich bin manchmal ein bisschen anders als die Norm. Unter den richtigen Umständen ist Anderssein aber eine Superpower", stellt Greta klar. Traurig ist nur, dass sie das Gefühl hat, das tun zu müssen. Dass wir gesellschaftlich noch nicht weiter sind.

Die 16-jährige hat gerade eine weltweite Klimaschutz-Bewegung gestartet – und selbst wenn sie das nicht hätte: Sie sollte nicht Botschafterin für Asperger sein müssen.

 

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