Grapschender WU-Professor

Ein Wiener Uni-Professor hat jahrelang Studentinnen sexuell belästigt. Der Verband Sozialistischer Student_innen (VSStÖ) hat nun ein Interview mit einer Betroffenen veröffentlicht.

Von anzüglichen Mails bis hin zu körperlichen Übergriffen: Ein Professor einer Wiener Universität hat jahrelang Studentinnen und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt - die WIENERIN hat bereits berichtet. Er kann seinen Job trotzdem behalten und muss nur eine Geldstrafe bezahlen.

Enttäuscht von dem Urteil, meldet sich jetzt eine Betroffene zu Wort. Sie gab dem Verband Sozialistischer Student_innen (VSStÖ) ein Interview, das hier in der Kurzversion zu lesen ist:

Interview mit einer Betroffenen

Was sagst du zu dem Urteil, dass der Professor nicht entlassen wurde?

Grundsätzlich wäre ja wie auch im Urteil ersichtlich die Entlassung durchaus eine Option gewesen. Die Aussage, es gäbe kein vergleichbares Urteil, ist für uns nicht tragbar. Man hätte in diesem Fall auch darauf Rücksicht nehmen müssen welche praktischen Verpflichtungen damit verbunden sind, insbesondere ob Monitoring-Maßnahmen überhaupt in dem Ausmaß durchführbar wären, dass sie sowohl die Mitarbeiter als auch Studenten schützen.

Was hat euch angetrieben, etwas zu unternehmen?

Es war im Grunde genommen ein Schneeballeffekt. Eine [..] hatte den Mut aufgebracht als erste diese Vorfälle beim Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen zu melden und gleichzeitig versucht weitere Betroffene zu finden. Es wurde mit der Zeit auch immer klarer, dass wir keine Einzelfälle waren. Im Gegenteil, in Wahrheit gab es kaum eine Interaktion zwischen ihm und einer Frau, die nicht von diskriminierenden, sexistischen oder belästigenden Vorfällen begleitet war. [...] Das, was uns passiert ist, kann man ja nicht mehr ungeschehen machen, aber man kann verhindern, dass so etwas noch mal passiert.

Also du sprichst jetzt von Prävention…

Genau. Und das geht nicht. Die Habilitation macht den Entzug der Lehre unmöglich. Und jemanden, der so systematisch handelt, wieder in den Hörsaal zu stellen, ihn erneut als Autoritätsperson teilweise 19-, 20-jährigen Studenten auszusetzen ist unverantwortlich.

Aber das heißt, man hat das schon voneinander mitbekommen? Dass das so systematisch abläuft? Wieso hat das dann so lang gedauert, oder wieso hat das so lange dauern können, bis etwas an die Öffentlichkeit kommt?

[...] Erstens kostet es irrsinnig viel Überwindung, mit jemandem, den man nicht kennt, über so intime Vorfälle zu sprechen. Auch war uns klar, dass es schwierig wird gegen jemanden vorzugehen der unter dem massiven Schutz des Beamtendienstrechtes steht. [...] Um die Systematik zu beweisen war es wichtig so viele wie möglich zu einer Aussage zu ermutigen. Bis man dann eine repräsentative Anzahl an Betroffenen zusammen hatte, die bereit war den gesamten Weg des Verfahrens gemeinsam zu gehen, hat es letztendlich sehr viele Jahre gedauert.

Wie kann man die Ängste beschreiben, die ihr hattet?

Naja, dass einem vor Gericht nachgewiesen wird, dass man in manchen Fällen falsch reagiert hat, dass man sozusagen abgewiesen wird. Dass man vielleicht von außen anders behandelt wird, als vorher, also dass man so eine Art Stempel aufgedrückt bekommt. Dass vielleicht auch Kollegen –vor allem männliche Kollegen – hinterher eine übertriebene Distanz wahren, aus Angst sofort „von höchster Stelle gerügt zu werden“ sobald sie nur den kleinsten Scherz machen…oder als „Zicke“ tituliert gemieden wird.

Und die Frauen, die er sich ausgesucht hat, waren ja keine Frauen, die sozusagen einen gesichterten Stand an der WU hatten.

Also das ist schon gezielt passiert?

Es ist gezielt auf Frauen gegangen, die im Vergleich zu ihm eine „schwächere“ Position hatten. Also es waren immer Leute, wo er gewusst hat, da ist die Hemmschwelle, nein zu sagen ein bisschen gedämpft ist und er keine „aggressive Ablehnung in erster Linie verraften muss. Vor allem sind ja Kommentare oder Berührungen sexueller Natur nicht im Zuge von normalen Veranstaltungen oder rein privaten „Bereichen“ gefallen, sondern in Situationen, wo man erst mal in eine Ecke gedrängt wurde, wo er in irgendeiner weise eine Machtposition hatte. Also vor der Notenvergabe, während Besprechungen, wo natürlich die Mitarbeiter, die eine Forschungsvorgabe oder Publikationsquote zu erfüllen haben, auf einem kürzeren Ast sitzen als er. [...]

Ich hoffe auch, dass er dieses Interview liest, dass er liest was wir zu sagen haben. Dass er begreift was er uns angetan hat.

Und das zieht sich quer durch?

Das zieht sich quer durch alle Fälle. Es ist ja nicht ein Fall dabei, wo nicht irgendeine Form von Abhängigkeit besteht. Oder eine gezielte Ausnutzung von Abhängigkeit. Und das sind Sachen, die in dem Urteil völlig außer Acht gelassen wurden. Es war für ihn mehr als ein Spiel. Es war ein Machtspiel. Und das ist das Schlimme daran. Die Verwundbarkeit der Frauen, für deren Zukunft er zum Teil verantwortlich ist, oder deren Zukunft ihm zum Teil anvertraut wird, so extrem auszunutzen, über so lange Zeit, so intensiv, und dabei so weit zu gehen mit einer Geldstrafe begleichen zu können wird der Schwere der Taten einfach nicht gerecht.

Habt ihr Angst, dass das jetzt im Gegenteil eher als Freibrief verstanden werden kann?

Ja. Die Vorfälle bei ihm waren sehr gravierend. Es gab ja nicht nur einen Verstoß, sondern viele: Dienstpflichtverletzung, Diskriminierung, (sexuelle) Belästigung. In dem Wissen, dass er durch das Beamtendienstrecht geschützt ist – etwas dass er mehreren Opfern auch schadenfroh ins Gesicht gesagt hat, als diese gedroht haben sich zu beschweren.

Dazu kommt noch dass eine Geldstrafe für die Verletzung der Würde von Frauen auch ideologisch einen mehr als bitteren Beigeschmack hat. In dem Fall waren wir 13 Frauen vier Monatsgehälter wert, ein „Preis“ der von der Disziplinarkommission einfach so festgesetzt wurde. Dafür haben wir nicht gekämpft. Wir haben ja auch alle Abstriche gemacht, um dieses Prozedere durchzuziehen, sei es im Job, sei es im Studium, diese Belastung kam zusätzlich zu unserem Alltag hinzu.

Dieses Urteil hat uns lediglich die Machtlosigkeit vor Augen geführt, auch weil die Milde eine Art Legitimation darstellt.

In dem Urteil steht, im Wiederholungsfall wäre er zu kündigen…

Problematisch ist, dass niemand gewarnt werden und aufgeklärt werden kann, dass er bereits verurteilt wurde. Daher sind neue Mitarbeiter und Studenten denen er begegnet nicht weniger gefährdet als wir es waren. [...]

Gibts die Chance, dass er sich bessert?

Ich glaube nicht, dafür ist er zu zwanghaft vorgegangen. Es wirkt fast wie ein Suchtverhalten. Und der Beamtenstatus liefert ihm ja praktisch eine Steilvorlage, denn er hat die Möglichkeit sich der direkten Beobachtung zu entziehen, er hat ja kaum eine Anwesenheitspflicht auf der WU. Dies schränkt natürlich auch die Monitoring Maßnahmen ein, denn sobald er die Daten der Frauen einmal hat, die er für die Kommunikation braucht – diese kann er als Angestellter leicht bekommen – sind im Tür und Tor geöffnet. Er hat ja auch zum Teil von seiner privaten Mail Adresse an Studenten und Mitarbeiter geschrieben, da kann man ihm schwer über die Schulter schauen.

Von was für Daten sprichst du da?

E-Mail-Adressen von Studenten, E-Mail-Adressen von Mitarbeitern. [...] Er hat die Kursliste und die Verteiler der WU „abgearbeitet“, sprich, die Daten als „Kontaktbörse“ missbraucht. Eine Sache, die im Urteil eigentlich unerwähnt bleibt.

Es war für ihn mehr als ein Spiel. Es war ein Machtspiel. Und das ist das Schlimme daran.

Wieso hat das letztlich auch so lange andauern können?

[...] Er hat die Belästigungen ja relativ offensichtlich betrieben, so dass relativ viele Leute das auch mitbekommen haben, also im Beisein von anderen, zum Beispiel Kommentare vor versammelter Menge in der Vorlesung, die er gesagt hat, wie zum Beispiel, dass ihm die Rocklänge gefallen würde, das haben ja viele Studenten gehört, ebenso wie sein Verhalten auf Feierlichkeiten des Departments oder Instituts. Wenn das so offensichtlich betrieben wird und gleichzeitig auch keine der anderen Lehrkräfte oder Kollegen einschreiten, hat man das Gefühl, dass es keinen Sinn macht sich zu beschweren, weil niemand hinter einem stehen würde.

Wie ist das im Institut die ganze Zeit gehandlet worden?

Also zum Teil kamen von Kollegen überspitzt formulierte Floskeln wie „Er und seine Mädels“. Einige haben gedacht, es wären nur Gerüchte. Ich glaube viele wollten sich auch gar nicht einmischen. [...]

Also das heißt, dem Institut war das auch völlig bekannt eigentlich?

Ja.

Jahrelang?

Ja.

Und da ist nie irgendwas passiert?

Nein.

Hast du das Gefühl, dass man sich an jemanden von Institut auch hätte wenden können, oder was wäre da gewesen?

Nun, es ist schwierig sich über einen langjährig angestellten Professor bei Kollegen zu beschweren, die mit ihm jahrelang zusammenarbeiten, vor allem da es am Institut hauptsächlich männliche Angestellte gibt – da möchte man eher weniger über so intime Angelegenheiten sprechen. [...] Erst durch das Gespräch mit Kolleginnen begann die Sache ein wenig ins Rollen zu kommen… [...]

Wie lief die Betreuung nach euren Aussagen genau ab?

[...] Es war so, dass ab dem Einleiten des Disziplinarverfahrens der Personalabteilung die Hauptverantwortung übertragen wurde und auch zur Anlaufstelle für uns wurde. Leider war die einzige Person, die befugt war, Auskünfte zu erteilen nur einmal pro Woche tatsächlich erreichbar, was zu einer äußerst mangelhaften Betreuung und Vorbereitung der Opfer führten.

Dadurch, dass der AKG offenbar weitgehend aus diesem ganzen Verfahren rausgehalten wurde seitens der Personalabteilung, hatten wir auch keine geeignete Vertrauensperson mehr. Wir hatten weniger das Gefühl dass es eine Türe gab die uns immer offen stand und auf Fragen und Sorgen einging, wir fühlten uns eher wie eine zusätzliche Last.

Und ihr werdet dadurch automatisch zum Störfaktor eigentlich?

Genau. Und das ist sozusagen das Gefühl, das man uns gibt, wir sind eine potentielle negative Publicity. Wir sind lästig. [...] Erschwerend kommt dann noch dazu, dass eine Art Täter-Opfer-Umkehr stattfindet. [...] Die Energie des Instituts und auch der Universität konzentrierte sich auf ihn. [...] Also es hat ein grober Vertrauensmissbrauch stattgefunden durch die mangelhafte Betreuung der WU und der Entscheidung der Disziplinarkommission.

Wie lief die Verhandlung dann genau ab?

Die Situation vor Ort war sehr unangenehm, man sitzt da alleine – eigentlich fühlt man sich wie auf einer Anklagebank –auf einer Seite, während einen vier, fünf unbekannte Leute von der gegenüberliegenden Seite erwartungsvoll ansehen, während man linksseitig von dem Professor und seinem Anwalt angestarrt. [...] Der Anwalt sprach natürlich genau die typischen Ängste von uns an, wie „nicht genug gewehrt“, „das war doch gewollt“, „das war doch provoziert“, sehr rau, mit dem Ziel uns zu verunsichern. Das muss man dann eben über sich ergehen lassen, ohne einer Vertrauensperson an deiner Seite, die dich eingehend darauf vorbereitet.

Der Anwalt sprach natürlich genau die typischen Ängste von uns an, wie „nicht genug gewehrt“, „das war doch gewollt“, „das war doch provoziert“.

Und in dem Verfahren hatte die WU Parteienstellung, aber ihr nicht?

Wir waren lediglich als Zeugen geladen.

… die WU hat das Verfahren für euch geführt?

Genau. Und wir hatten keinerlei Mitspracherechte was den Ausgang betraf. Der vom Ministerium gestellte Disziplinaranwalt hatte ja ohne Rücksprache mit der WU oder mit uns einfach einen Rechtsmittelverzicht eingelegt und das Urteil so akzeptiert…und wir müssen das jetzt einfach schweigend hinnehmen. Wir hatten keinerlei Mitspracherechte gehabt, was solche Rechtsmittel betrifft.

Fändest du es richtig, dass man offen sagt, wer es ist, um wen es geht?

Das ist schwierig, weil ich weiß dass er Familie hat, ich weiß dass er Vater ist. Und für seine Familie, glaube ich, durch dieses Urteil oder durch diese Situation sehr viel Schande schon passiert ist, und die eigentlich ihr Leben lang sonst gebrandmarkt sind, unschuldig. Und deswegen bin ich eher dafür, dass man ihn nicht sofort öffentlich an den Pranger stellt.

Was wäre für dich jetzt eine Maßnahme, die das Problem aus der Welt schaffen würde?

Wenn er kündigen würde, würde er auch den Beamtenstatus aufgeben, den Arbeitsplatz wechseln und in ein kollektivvertragliches Verhältnis eintreten, wo diese Maßnahmen oder diese Wege gar nicht mehr nötig sind, und dementsprechend Vorfälle durch Betroffene vermutlich auch schneller gemeldet werden. Ich finde es sollte auch möglich sein in solch gravierenden Fällen die Lehrbefugnis zu entziehen. So jemand hat in einem Sozialberuf wirklich nichts verloren.

Ich denke, die Einrichtung einer anonymen Hotline für solche Fälle wäre eine gute Erstanlaufstelle. [...] Jedenfalls müssen diese Anlaufstellen wesentlich präsenter werden. [...]

Ich hoffe auch, dass er dieses Interview liest, dass er liest was wir zu sagen haben. Dass er begreift was er uns angetan hat. Er hat uns nicht wie gleichwertige Menschen mit Zielen und Gefühlen behandelt, sondern er hat uns missbraucht. Missbraucht um seine Triebe und seine Zwänge zu befriedigen, dabei war es ihm völlig gleichgültig welche Auswirkungen das auf uns und sein Arbeitsumfeld hatte, welchen Schaden er hinterlässt.

Weitere Schritte

Der VSStÖ wird der Frage nach den unterlassenen Rechtsmitteln nachgehen und bereitet momentan entsprechende Anfragen an das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung vor, wie sie in einer Pressemitteilung schreiben. "Der gesamte Fall führt uns vor Augen, wie verbreitet und geduldet sexuelle Übergriffe an unseren Hochschulen immer noch sind, und wir werden das ändern", fasst Katrin Walch, Vorsitzende des VSStÖ, abschließend zusammen.

Die Langversion des Interviews finden Sie hier.

 

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