Gottfried Helnwein Interview

Die Retrospektive seines Werks, die ihm die Wiener Albertina zum 65. Geburtstag ausrichtet, läuft mit großem Erfolg. Die WIENERIN sprach mit Gottfried Helnwein über das Mädchen als immer wiederkehrendes Motiv, die Notwendigkeit von Feminismus und warum an Schulen Kampfsport unterrichtet werden sollte.

Rückblickend ist es verstörend, wie Sie bereits in den 1970ern und 1980ern in die Abgründe der österreichischen Seele geschaut haben. Seit die Fälle Kampusch und Fritzl, die Gewalt an Heimkindern und in kirchlichen Einrichtungen bekannt wurden, sehen viele Ihre Bilder in einem neuen Licht.

Ich glaube, dass Kunst visionär sein kann. Dass Künstler manchmal Dinge wahrnehmen, die andere nicht sehen können. Relevante Kunst ist der Gesellschaft immer voraus. Viele Leute haben mich damals als geisteskrank bezeichnet. Aber interessant ist, dass genau zu der Zeit, als ich die verwundeten Kinder gemalt habe, in Österreichs Heimen Kinder missbraucht, geschlagen und umgebracht wurden. Ich hab zwar auch nichts von den Vorgängen gewusst, aber irgendwie gespürt.


Man erschrickt geradezu über die Akkuranz Ihrer Darstellungen. Was, glauben Sie, hat Ihnen ermöglicht, diese verborgene Gewalt zu „sehen"?

Ich hatte gar keine Möglichkeit, es nicht zu sehen. Ich habe schon als Kind die Welt um mich herum als feindselig und unterdrückerisch empfunden. Ich war empört, dass man mich als Kind wie etwas Minderwertiges behandelt hat, denn ich habe mich immer als Person empfunden.


Sie reißen ja sehr viel auf. Taugt ihnen, dass Ihre Bilder Menschen prägen?


Ja schon. Das freut mich. Das ist mir wichtiger als alles andere. Zu wissen, dass meine Kunst vor allem bei Kindern so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, das ist etwas, das nicht viele Künstler sagen können. Das ist etwas ganz Besonderes.

Sie decken Dinge auf, die die meisten gar nicht sehen wollen.

Es lässt sich besser leben, wenn man nichts weiß. Aber es gibt diesen Ausspruch: „Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Ich mach wahrscheinlich etwas Ähnliches, deswegen thematisiere ich immer wieder diesen Missbrauch von Kindern und die Unterdrückung der Menschheit.


Auf vielen Ihrer Bilder ist ein Mädchen die Zentralfigur. Warum?

Aus verschiedenen Gründen. In meiner Arbeit war das zentrale Thema immer das Kind. Was mich von Anbeginn an beschäftigt hat, war Gewalt gegen Schwächere. Ich hab bei meinen Kindern immer Mädchen genommen. Ich konnte so am deutlichsten die Verletzbarkeit und das Ausgeliefertsein zeigen, aber auch das Wunderbare am Menschen. Die potentielle Reinheit, aber auch, wie ausgeliefert so ein Wesen ist. Der Missbrauch von Kindern, vor allem aber von Mädchen, ist gigantisch. Schon Freud ist in seiner Psychoanalyse den traumatischen Erlebnissen sogenannter hysterischer Frauen auf die Spur gekommen: dem Missbrauch in der Kindheit, oft durch Männer aus dem familiären Umkreis, oder sogar durch den eigenen Vater. Ich nehme an, dass er das nicht weiterverfolgen konnte, weil es ihn seine Karriere und möglicherweise sein Leben gekostet hätte. Die prüde Spießergesellschaft der Gründerzeit hätte sich solche Enthüllungen niemals gefallen lassen.

Unter seinen Kollegen waren ja auch Täter.

Natürlich. Er hat dann die Arbeit in diese Richtung abgebrochen und ist abgeirrt, aber er war auf der richtigen Spur. Wie gefährlich es war, diese Dinge auszusprechen, hat man am Schicksal von Dr. Semmelweis gesehen, der wegen seiner bahnbrechenden Entdeckungen ins Irrenhaus gesperrt wurde und dort elend verreckt ist. Frauen haben aber heute noch andere Probleme.

Welches sehen Sie vor allem?

Heute haben einen immer größer werdenden Teil der Welt, wo Frauen wie Säcke herumgehen müssen. Das ist neu, denn Mitte des 20 Jahrhunderts waren in islamischen Ländern viele dieser alten Gebräuche verschwunden und die Gesellschaft in diesen Ländern war relativ moderat. Meine Frau ist Anfang der 1970er Jahren alleine und unbehelligt durch die ganze islamische Welt gereist: Türkei, Iran, Pakistan, Nepal, Afghanistan ... Damals waren die Menschen vor allem in Afghanistan ungeheuer gastfreundlich. Frauen waren relativ frei und mussten keinen Schleier tragen. Die Radikalisierung der letzten Jahre wurde vor allem durch den weltweiten Einfluss der radikalen, fundamentalistischen Wahabiten-Sekte der Saudi Araber verursacht, die mit ihren Öl-Milliarden die ganze Islamische Welt indoktrinieren und fanatisieren. Auf der anderen Seite gibt es im Westen vor allem für junge Frauen diesen Druck, so spärlich wie möglich gekleidet zu sein, und es ist, wie man bei Pop-Sängerinnen sieht, cool, sich wie ein Pornostar zu präsentieren. Deswegen finde ich, dass Feminismus immer noch unentberlich ist. Es kann sein, dass sich die Aufgabenbereiche ändern, aber Frauen und Mädchen werden immer noch Opfer und sind gefährdet. Weltweit ist die Sklaverei heutzutage größer als in der Zeit, als sie noch legal war. In Amerika verschwinden tausende von Kindern, die nie wieder auftauchen. Kürzlich hat man ja in Amerika wie durch ein Wunder drei Frauen entdeckt und befreit, die von einem Mann über zehn Jahre in seinem Haus in Ketten gefangen gehalten wurden. Die Fritzls gibt es überall, nicht nur in Österreich.

Übrigens: Die WIENERIN lädt 15 Leserinnen mit Begleitung zur Gratis-Führung am Mittwoch, den 12. Juni um 18 Uhr.

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Gottfried Helnwein zählt international zu den bedeutendsten österreichischen Künstlern. Anlässlich seines 65. Geburtstags widmet ihm die Albertina seine erste Retrospektive in Europa.

Über 150 Arbeiten aus allen Werkphasen geben Einblick in Helnweins Schaffen, das von der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, deren Reiz- und Tabuthemen geprägt ist.

Gottfried Helnwein
Retrospektive
25. Mai 2013 - 13. Oktober 2013
Albertina Wien
Übrigens: Die WIENERIN lädt 15 Leserinnen mit Begleitung zur Gratis-Führung am Mittwoch, den 12. Juni um 18 Uhr.

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Sie sagten einmal, Sie ­wurden aus humanistischen Gründen Künstler und nicht aus ästhetischen. ­Sagen Sie das heute auch noch?

Ja.

Glauben sie, wird Ihr Werk Sie überdauern?

Das ist schwer zu bewerten, ich bin zu nahe an meiner Kunst dran. Aber prinzipiell glaube ich, dass bedeutende Kunst überleben wird. Während ein Künstler lebt, wird vieles verzerrt. Es gibt welche, die extrem hochgejubelt wurden und nach ihrem Tod verschwunden sind, und andere, die zu Lebzeiten bedeutungslos waren und erst nach Jahrhunderten gefeiert wurden. Ich glaube, es gibt ein ganz objektives Regulativ, und das ist die Zeit. Nach hundert Jahren hat in der Regel alles seinen Platz eingenommen.


Ihre Werke rufen immer eine Reaktion hervor, aber selten die gleiche. Das Bild „Presentation at the Temple" etwa - jeder Betrachter sieht etwas anderes darin. Ist Ihnen das recht?

Jeder sieht verschiedene Dinge. Das ist auch etwas, dass mir relativ früh aufgefallen ist. Die Aufregung um meine Kunst kommt von den Bildern der Leute, die sie im Kopf haben, nicht meine Bilder, sondern die Bilder in ihren eigenen Köpfen. Das war interessant, es gab Leute die fanden, dass das Monster sind, die sich gerade das letzte Opfer vornehmen.


Die Männer auf dem Bild habe ich von einer Fotografie aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Männer, die in der Schlacht entstellt wurden, haben einen Club gegründet, um sich ab und zu in Gesellschaft begeben zu können. Damals gab es keine weit entwickelte plastische Chirurgie, deshalb sahen sie wie Monster aus und haben sich nicht auf die Straße getraut.Wir haben da ein typisches Beispiel von Täter und Opfer zugleich. Und ich fand es notwendig, dass man denen ein Kind auf den Tisch legt. Und es war interessant zu sehen, dass die Reaktionen auf dieses Bild absolut gegensätzlich sind. Manche sehen das Kind von den Männern bedroht. Andere glauben, dass sie dieses Kind bewachen. Man sieht, es hat sehr viel mit dem zu tun, was in den Menschen selbst vorgeht.

Zurzeit läuft der Film Meine Keine Familie, eine Dokumentation von Paul-Julien Robert über seine Kindheit in der Kommune des Aktionisten Otto Muehl. Der behauptete, er wolle die Kinder befreien und eine sexuell freie Gesellschaft erschaffen ...

Wenn jemand Kinder befreien will, indem er sie vergewaltigt, dann habe ich meine Probleme damit.

Viele haben das beobachtet und nichts dagegen getan. Dort ging die Hautevolee ein und aus ...

Weil es eine Spießergesellschaft ist. Eine Spießergesellschaft ist normalerweise eiskalt und hat kein Mitleid, da sieht sich jeder nur selber. Der massive Kindermissbrauch ist ein riesiges Problem, und doch wird das immer wieder toleriert. In diesem Fall war es ein Künstler. Aber auch die ganze BBC ist voll mit Kinderfickern. Das darf nie toleriert werden, unter
keinen Umständen. Ich finde, die Gesellschaft ist hier viel zu tolerant. Auch bei Muehl. Ich finde nicht, dass so jemand in Freiheit sein soll. (Anm. d. Redaktion: Otto Muehl verstarb am 27. Mai in Portugal. Das Interview wurde am 9. Mai in Wien geführt)

Woher kommt wohl diese Gewalt und die Sexualisierung der Gewalt?

Vom Fehlen von Respekt vor dem Individuum. Auch für die Kindererziehung gibt es einen einzigen wichtigen Faktor: Man braucht gar nicht so viel Kinderpsychologie, sondern nur Respekt vor der Person in dem kleinen Körper. Auch wenn sich diese Person noch nicht so mitteilen kann wie ein Erwachsener. Nur, weil ich physisch in der Lage bin, jemandem Schaden zuzufügen, das auch zu tun, nur weil er sich nicht wehren kann - das ist für mich eine absolute Bankrotterklärung für ein menschliches Wesen. Der Feminismus, der ja eigentlich ein Teil des Humanismus ist, muss weiter dagegen kämpfen. Ein Menschenleben und das Recht auf Würde und Unversehrtheit ist heilig.

Stellen Sie sich manchmal vor, was Sie als Politiker tun würden?

Ich würde in allen Schulen für die Mädchen Kampfsport als Pflichtunterricht einführen. Wenn jemand weiß, wie man sich reflexartig wehren kann, würden viele Vergewaltigungen nicht stattfinden. Solche Leute kapieren es erst dann, wenn sie einen Finger im Auge haben oder wenn ihnen die Nase gebrochen wird.


Wie versuchen Sie Ihre Enkelkinder auf diese Welt vorzubereiten?

Ich gebe ihnen völlige Freiheit und das Gefühl, dass sie bedeutend sind. Vor allem will ich ihnen beibringen, niemals irgendeine selbsternannte Autorität über sich zu akzeptieren. So sind auch meine Kinder erzogen, deshalb sind sie vielleicht auch alle Künstler geworden. Man muss ehrlich zu den Kindern sein, man muss ihnen erzählen, in welcher Welt sie wirklich leben, man darf nichts aussparen. Ich hab ihnen alles erzählt, auch von Hitler und dem Holocaust. Man muss ihnen helfen, selbstbewusst und schlau zu sein und sich nichts gefallen zu lassen. Und Autoritäten zu misstrauen. Autoritäten lügen fast immer. Ich mache sie immer wieder darauf aufmerksam, dass in der Welt auch unglaublich viel gelogen wird, auch in den Massenmedien. Aber jeder hat die Fähigkeit zu sehen und zu hören. Wenn ich draufkomme, dass das, was sich vor mir abspielt, genau das Gegenteil davon ist, was die Presse und die Autoritäten mir sagen, dann muss man zu dem stehen, was man selber sieht. Gandhi hat das schon gesagt: „Die Wahrheit bleibt die Wahrheit, auch wenn 10 Millionen Menschen das Gegenteil behaupten."


Spüren Sie, dass Ihre Enkel schon anders sind als vielleicht andere Kinder, denen das nicht vermittelt wird?

Absolut. Sie sehen viel klarer und sind viel selbstbewusster. Ich hab den Eindruck, dass sie besser vorbereitet sind auf die Welt. Aber man muss auch die wunderbaren Seiten des Lebens sehen, es soll ja kein pessimistisches Weltbild erzeugt werden. Ich finde es ist wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Nur dann kann man was gegen das Schlechte darin unternehmen. Es wird ja täglich Widerstand geleistet und nicht immer geschieht das bewusst. Aber wenn Menschen damit aufhören würden, Widerstand zu leisten, wäre die Welt innerhalb kurzer Zeit ein KZ.

 

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