Glückskind

Ein Baby liegt im Mistkübel. Ein alter Mann rettet es und will es großziehen. Ob das gut geht, steht in "Glückskind", dem herzergreifend schönen Roman des deutschen Autors Steven Uhly.

Herr Uhly, haben Sie selbst Kinder?
Meine Frau und ich haben vier Kinder, zwei davon sind gemeinsame, die anderen beiden ziehe ich mit auf. Mit Glückskind fing ich an, als unsere jüngste Tochter noch kein Jahr alt war. Ich wollte eigentlich ein anderes Buch schreiben, doch dann dachte ich: „Jetzt hast du alles noch frisch in Erinnerung, kennst jeden Handgriff, weißt, worauf du achten musst und hast noch dieses Gefühl des ständigen Umsorgens. Später wirst du vieles vergessen haben und dann ist es nicht mehr so authentisch."

Wie kamen Sie auf das Thema?
Es gab zwei Auslöser: Erstens die Nachrichten über Mütter, die ihre Babys wegwerfen oder umbringen. Das muss jeden beschäftigen, der darüber immer wieder liest und es nicht einfach hinnimmt oder glaubt, er wisse, was in diesen Frauen vor sich geht. Der zweite Auslöser war unsere älteste Tochter, die vor drei, vier Jahren von mir immer wieder selbst erfundene Märchen verlangte. Eines dieser Stegreifmärchen erzählt die Geschichte eines alten Mannes, der eines Tages ein Baby vor seiner Haustür findet und beschließt, es zu behalten - ein klassisches Märchen vom Glückskind. Meine Tochter machte mir zwei Vorgaben für meine Märchen: Sie durften ihr keine Angst machen und sie durften nicht traurig sein. Als ich daran ging, den Stoff zu schreiben, wollte ich wissen, was mit ihm geschieht, wenn ich ihn auf die Wirklichkeit prallen lasse.

Im Fokus steht nicht die Mutter, sondern der aus der Bahn geworfene Hans. Was hat Sie daran gereizt?
Ich maße mir nicht an, in den Kopf einer Mutter schauen zu können, die so was tut. Es ist mir ein Rätsel, ich habe keine Antworten. Stattdessen lasse ich meine Figuren über mögliche Motive nachdenken - als vorsichtige Art, mich dem Thema zu nähern. Zwar ist Hans die Hauptfigur, doch im Hintergrund steht die Mutter als große Unbekannte.

Eben diese Frau ist es, die das neue Glück von Hans ins Wanken bringt ...
Ja, denn im Roman geht es auch um die Frage, ob ich glücklich werden kann, wenn ich Lebensglück nur für mich selbst anstrebe, oder ob es nicht ethische Grundlagen des Glücks gibt, die man beachten muss, weil man sonst das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich will. Ich glaube, dieses Problem kennt jeder.

 

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