Glücksgefühle: So beginnt die Liebe

Das Wunder der Liebe. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – der dich aus dem Alltag reißt und deine Zukunft verändert. Drei Minuten, und dann ist meist schon alles klar …

Amor ist kein Pizzabote. Er kommt nicht auf Bestellung, sein Pfeil trifft dich immer unerwartet. Du gehst auf eine Party - vielleicht sogar widerwillig, weil du dich eigentlich nach deinem Bett sehnst - und auf einmal schaust du in diese Augen und willst hier nie wieder weg. Oder du machst diesen Kurs, da du endlich wieder mal was für dich selbst tun willst, und plötzlich willst du nur mehr mit diesem Nacken zwei Reihen vor dir etwas tun.

Wenn einen Amors Pfeil trifft, dann ist das ein Gefühl, das man nicht oft im Leben spürt. Ein Gefühl wie Gänsehaut auf der Seele. Und zugleich eine Ahnung unendlicher Wärme. Als würde man nach einer langen Reise aus dem Flugzeug steigen, in einem Land, in dem man niemals Frostschutz braucht. Die Suche ist zu Ende, du bist angekommen, und du weißt es mit einem jubelnden Schauder.

"Als ich Brigitte kennen lernte", sagt der 37-jährige André, "ist mir bei jedem Treffen so was von der Schweiß in den Handflächen ausgebrochen. Dabei habe ich sonst immer trockene Hände."

Es war so ein Aufgekratzt-Sein, so ein Mittelding aus freudiger Erwartung und nervöser Scheu.
von André

Nein, beginnende Liebe ist nicht allein eine Angelegenheit von zuckersüßen Engelsgesängen. "Liebe macht zuerst und vor allem Angst und damit Leiden", schreibt der Paar-Experte Michael Lukas Moeller in seinem Buch Wie die Liebe anfängt (rowohlt). Du hast den Eindruck, einer irrationalen, ungewollten, ungeplanten und unkontrollierbaren Leidenschaft ausgeliefert zu sein. Du fühlst dich hilflos und hörig, ohne zu wissen, wohin dich dieser emotionelle Hochgeschwindigkeitszug bringen wird.

Trip ins Ungewisse

Dazu kommt noch, wie Moeller analysiert, dass "jeder Neubeginn zugleich ein radikaler Abschied von der bisherigen Welt ist". Durch eine neue Liebe kann sich alles ändern - ob es der Wohnsitz ist oder die Lebensweise, Prioritäten oder Beziehungen, Ziele - oder sogar das eigene Selbst. Denn gleichzeitig mit der Entflammung kommt es auch zu einer mächtigen Dämpfung. Der neue Mensch in deinem Leben mobilisiert bestimmte innere Bereitschaften in dir, holt vielleicht sogar dir selbst unbekannte Charakterzüge ans Licht - während jedoch andere Eigenschaften dadurch in den Hintergrund gerückt, eben gedämpft werden. Und unter Umständen entwickeln sie sich sogar gar nicht mehr weiter.

Neues Selbst

Marie, 26: "Ich hatte früher oft eher schüchterne, zurückhaltende Typen. Bei denen habe ich dann eigentlich immer den aktiven Part innegehabt, war Verführerin und Ideenspenderin und was weiß ich noch nicht alles. Seit ich mit meinem jetzigen Freund zusammen bin, der eher ein Power-Macho ist, hat sich das total umgedreht. Er ist im Bett initiativ, er schlägt Aktivitäten vor - und ich bin auf einmal das wählerische Weiblein, das mal Lust hat und mal nicht."
Bei der 33-jährigen Nicole wiederum hat sich das veränderte Selbstmuster in einer neuen Friedfertigkeit manifestiert: "Mein erster langjähriger Freund war ein eher erdiger Typ. Jedes Mal, wenn wir gestritten haben, sind die Fetzen geflogen, und ich bin - zugegeben - zur Furie geworden. Mit meinem neuen Freund Robert bin ich ganz anders. Da auch er sehr einfühlsam mit mir umgeht, bin ich mit ihm viel behutsamer, wenn wir Konflikte haben. Unvorstellbar, dass ich ihn je so anbrülle und beschimpfe."

Liebe versetzt Berge

Und sie kann dich zu einem besseren Menschen machen. Ein riesiges Glücksgefühl verbindet sich mit dem Empfinden, dass alles passt. Dass ihr zwei der Welt ein Loch hauen könnt, und dass das, was du bist und kannst, endlich einmal genug ist. Doch warum geht das so schnell, so jenseits aller rationalen Überlegungen, dass die Zukunft plötzlich wie von rosa Wolken umschmeichelt scheint? Der Grund ist eine Art kabellose Datenübertragung, der berühmte Funke, wenn zwei sich tief in die Augen schauen. In wenigen Sekunden wortloser Kommunikation ist alles geschehen, sagt die Psychoanalyse: "Unbewusstes erkennt Unbewusstes irrtumslos."

Zu neun Zehnteln ist die Liebe unbewusst oder vorbewusst.
von Michael Lukas Moeller, Paar-Experte

Und wenn dich jemand besonders stark fasziniert, dann korrespondiert sein Unbewusstes mit deinem Unbewussten erstens besonders umfangreich und zweitens sehr speziell. Wünsche, Sehnsüchte, psychische Strukturen (und sogar Dinge wie derselbe Musikgeschmack oder ein Faible für indonesische Küche) werden in jenem magischen Moment übermittelt. Zu neun Zehnteln ist die Liebe unbewusst oder vorbewusst. Dass wir sie als Geheimnis erleben, ergibt sich durch diesen riesigen Raum, in dem wir wissen, ohne zu wissen. Das Bewusstsein hinkt diesem intuitiven Bereich hinterher - und es dauert Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre, bis man sich gegenseitig seine Lebensgeschichte erzählt und den anderen bis in den letzten Winkel seiner Seele erkundet hat.

Lust und Schmerz

Wahrscheinlich ist es sogar sehr sinnvoll, dass anfangs das meiste im Verborgenen bleibt. Wüssten wir wirklich in aller Klarheit und Schärfe, welchen geheimen Pakt da zwei Seelen gerade geschlossen haben, wir würden vielleicht die Tür zuschlagen, die wir gerade sperrangelweit aufgemacht haben. Denn in diesem Pakt geht es nicht nur darum, miteinander immer viel Spaß zu haben. Es geht auch darum, gemeinsam die Leichen im Keller zu besuchen. In der Psychologensprache heißt das: "Man kann mit diesem Menschen seine traumatischen Beziehungserlebnisse reinszenieren." Ob die Mutter aufbrausend oder der Vater distanziert war, ob man als Kind übersehen oder aber mit Affenliebe erstickt wurde - genau diese schmerzlichen Punkte wird man zwangsläufig noch einmal durchleben müssen. Die gute Nachricht: Es gibt die realistische Aussicht, gerade diese Beschädigungen gemeinsam mit dem geliebten Menschen nach und nach aufzuheben. Denn die Liebe ist lösungsorientiert und arbeitet unerledigte Aufgaben durch. Liebe ist Krankheit und Heilung zugleich.

Liebe ist lösungsorientiert und arbeitet unerledigte Aufgaben durch. Sie ist Krankheit und Heilung zugleich.
von Michael Lukas Moeller, Paar-Experte

Wenn man Liebende befragt, warum sie gerade auf diesen einen Menschen in diesem einen Moment so abgefahren sind, wird wohl kaum je die Antwort "Weil er ähnliche Psychostrukturen wie meine Mutter/mein Vater hatte" kommen. Der PaartherapeutMichael Lukas Moellerhat für sein Buch eine Studie erstellt, in der über 600 Paare Antwort auf die Frage gaben, welche drei Eigenschaften sie am anderen so faszinierten, dass sie sich verliebten. An erster Stelle in der Hitliste mit über 34 Prozent steht: die Offenheit. Dieses Gefühl, dass vor dir plötzlich ein wunderbares Haus ohne Gartenzaun steht. Dass du in jedes Zimmer und in jede Lade hineinschauen darfst und vom Hausherrn dabei noch wohlwollend begleitet wirst.

Offenheit öffnet

Die zweithäufigste Faszination geht mit 25 Prozent vom Bereich Freundlichkeit, Warmherzigkeit und Menschlichkeit aus. Die dritthäufigst genannte Eigenschaft ist Stärke respektive Selbstbewusstsein und wurde von 20 Prozent der Befragten genannt. Danach folgen Humor, Verständnis, Lebendigkeit, Ausgeglichenheit, Vertrauen - und noch rund 30 weitere positive Eigenschaften.
Das Interessante an dieser Love-Hitliste ist, so Moeller, "dass während dieser Forschungsarbeit klar wurde, dass alle Eigenschaften in eine einzige Bedeutung münden: sie entsprechen den besten Liebesbedingungen; sie sind die günstigsten Voraussetzungen, eine Beziehung zu entwickeln und zu erhalten. Deshalb empfinden wir sie als wohltuend, ja faszinierend."

Startkapital

Allein die vier erstgenannten Eigenschaften Offenheit, Freundlichkeit, Eigenständigkeit und Humor sind die Grundbausteine für unsere Konfliktfähigkeit, den Kern für Entwicklungschancen und Harmonie. Denn: Nicht Konfliktlosigkeit, sondern Konfliktfähigkeit ist die Basis für eine lange Reise durch das Land der Liebe. Übrigens, letzte Anmerkung zu den faszinierenden Eigenschaften: Sex gehört zu den Schlusslichtern in dieser Liste. Erotik entsteht eben aus seelischen Eigenschaften, nicht aus hochprofessioneller Bettakrobatik.

Erotik entsteht aus seelischen Eigenschaften, nicht aus hochprofessioneller Bettakrobatik.
von Karen Müller

Sex ist also keine Ursache für Verliebtheit - eine Wirkung davon ist er jedoch allemal. Und zwar die stärkste auf einer anderen Hitliste von Studienleiter Moeller. Befragt nach den "bedeutendsten Eigenschaften der Verliebtheitsbeziehung" - also, was spielt sich auf Wolke sieben denn so ab - kam am häufigsten "große Leidenschaft, häufiger Sex". Die zweithäufigste Nennung war "viel Zeit für den Partner", danach folgten Freude, Sehnsucht, häufige gute Gespräche, Vertrauen, Spontanität, wechselseitiges Bemühen, gemeinsame Interessen und noch einige weitere erfreuliche Items.

Dünger der Liebe

Damit besitzt auch die Verliebtheitsbeziehung selbst lauter Eigenschaften, die wie Substral für das zärtliche Zusammenwachsen von zwei Menschen sind. Viel Zeit, häufige Gespräche, Offenheit und Zuwendungsbereitschaft - das sind aber auch genau jene Faktoren, die noch nach den Flitterwochen die Paarbeziehung gedeihen lassen. Dann hat auch der Alltag keine Chance, den Zauber der ersten Wochen in ein stumpfes Grau zu verwandeln. Denn eines sollte man auch in der Zeit, in der alles von alleine läuft wie geschmiert, im Auge behalten: Liebe ist kein Zustand - sie ist ein ununterbrochener Vorgang.

Asmir Salihbasic (32, Finanzmanager) und Sabina Piric (25, Studentin)

Was war für euch der erste Aha-Effekt?
Sabina: Wir haben in derselben Sekunde denselben Witz über ein bestimmtes Lied gemacht. Das war auf einer Party bei Freunden. Aber richtig gefunkt hat es erst zwei Wochen später.
Was ist dort passiert?
Sabina: Wir waren wieder auf einer Party, haben uns unterhalten. Und ich dachte mir: Asmir hat das schönste Lächeln der Welt. Und gesagt habe ich zu ihm: "Hör auf zu lächeln, sonst kann es gefährlich werden!"
Asmir: ... aber ich konnte gar nicht aufhören zu lächeln.
Wie ging es dann weiter?
Asmir: An diesem Abend passierte noch nichts, aber ich hab' mich dann zu einem Treffen eingeladen. Zum Palatschinkenessen bei ihr ...
Sabina: Ich fand das sehr mutig, das hat mir gefallen.
Asmir: Und was mich dann bei diesem Palatschinkenessen enorm beeindruckt hat, war ihre Fürsorglichkeit. Ich habe durch eine Krankheit einen zu hohen Cholesterinspiegel, und sie hat alle Zutaten extra so eingekauft, dass ich sie gut vertragen kann.
Ihr wollt im Herbst heiraten - hat euch der Alltag schon ab und zu eingeholt?
Asmir: Manchmal schon. Aber dann passieren irgendwelche Sachen, und man ist wieder verliebt wie am Anfang.
Habt ihr euch durch eure Beziehung weiterentwickelt?
Sabina: Wir sind, glaube ich, beide bessere Menschen geworden. Ich habe gelernt, zu sagen: "Sorry, das war mein Fehler." Das kann ich, weil ich mich bei ihm sicher fühle.
Asmir: Ja, und ich denke jetzt zum Beispiel darüber nach, mein Motorrad zu verkaufen, weil es so gefährlich ist. Weil es ja auch für sie Konsequenzen hätte, wenn mir was passiert. Früher war mir das egal. Und die Karriere ist mir heute auch nicht mehr wichtiger als die Beziehung.
Stella Jones (32, Musikerin) und Daniel Ballmann (23, Sound-Engineer)

Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Stella: Im Theater in Basel. Ich habe dort gesungen, er war Techniker.
Daniel: Stella ist mir sofort aufgefallen. Sie kam auf die Bühne, und ich dachte: Die Sonne geht auf.
Stella: Ich hatte bei ihm auch gleich das Gefühl: Den muss ich kennen lernen. Was bei einer Ensemble-Halloween-Party dann auch bald passiert ist.
Wie lief es dort?
Daniel: Ich habe mich gleich verliebt. Aber nicht gerechnet, dass sie mehr als eine Freundschaft mit mir will. Dabei wollte sie es sich nur nicht anmerken lassen ...
Stella: ... dabei habe ich gehofft, dass sich was entwickelt.
Was hat euch aneinander so fasziniert?
Stella: Seine Ausgeglichenheit, seine Ruhe, seine Tiefe. Ich hab' mich bei ihm zu Hause gefühlt. Und man kann mit ihm auch herrlich blödeln.
Daniel: Ihr Temperament, ihre Wärme, ihre Freundlichkeit, ihre Intelligenz. Ich konnte mit ihr so reden wie noch mit keiner davor - es war auch oft so, als würde sie eine Lücke des Verstehens bei mir füllen. Da sind mir oft Kronleuchter aufgegangen ...
Hat euch eure Liebe irgendwie verändert?
Stella: Ich habe durch ihn eine Tiefe erfahren, wie ich sie vorher nicht kannte. Das war alles mehr nach außen gerichtet, mehr Show. Ich fühle mich von ihm richtig geliebt und voll angenommen, und mit ihm zusammen macht mir alles Spaß. Er wird mir einfach nicht zu viel.
Daniel: Und ich habe durch sie gelernt, spontaner zu sein, nicht immer so lange abzuwägen. Ich bin offener und toleranter für Neues geworden, auch für verrückte Sachen.

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