Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: "Es ist eigentlich ein Wahnsinn, dass wir das überhaupt noch fordern müssen"

Frauen verdienen in Österreich im Schnitt 14,3 Prozent weniger als Männer. Wie lange noch, bis die Lohnschere endlich geschlossen ist?

Am 21.2. ist Equal Pay Day in Österreich.

Der Equal Pay Day steht symbolisch für den Tag im Jahr, bis zu dem Frauen unbezahlt arbeiten – im Vergleich zum jährlichen Einkommen von Männern. In Österreich fällt er heuer auf den 21. Februar (2020 war es der 25. Februar).

Eva Mandl

Eva Mandl ist Geschäftsführerin der Wiener PR-Agentur Himmelhoch mit 40 Mitarbeiter*innen. Die Unternehmerin hat sich 2007 mit ihrer Agentur selbständig gemacht und nimmt Frauen wie Männer in die Verantwortung, wenn es um die finanzielle Gleichstellung der Geschlechter und den längst notwendigen feministischen Wandel in unserer Gesellschaft geht. Wir haben mit ihr über faire Löhne, die Vorbildfunktion von Frauen für Frauen sowie über Tipps für die Gehaltsverhandlung gesprochen.

WIENERIN: Laut einer Erhebung von Statista Österreich waren Anfang 2020 gerade einmal acht Prozent der Positionen in den österreichischen Geschäftsführungen und 22,6 Prozent der Aufsichtsratsposten von Frauen besetzt. Wie kann das heutzutage noch sein?

Eva Mandl: Ganz offen gesagt: Das frage ich mich auch. Denn die Qualifikationen sind ja vorhanden, die Frauen sind gut ausgebildet. Ein Aspekt ist sicherlich die Doppelbelastung. Es sind nach wie vor hauptsächlich Frauen, die unbezahlte Arbeit leisten, sich um Kinder- und Altenbetreuung kümmern. Das hat man gerade auch in Covid-Zeiten wieder stark gesehen. Wer bleibt am Ende des Tages daheim, wenn die Kindergärten zu haben? Da müsste man ansetzen, wenn sich etwas ändern soll.

Auch hört man oft: Frauen verkaufen sich schlechter als Männer, überlegen sich immer, ob sie etwas wert sind, Männer verkaufen mehr die Leistung. Vor allem, was höhere Positionen, auch Aufsichtsratpositionen betrifft, könnte da schon was dran sein. Mit unserer Firma organisieren wir immer wieder Kongresse, wofür wir regelmäßig nach Frauen suchen, die als Keynotespeakerinnen oder Vortragende auftreten. Viele sagen uns, das trauen sie sich nicht zu, dafür sind sie nicht gut genug. Das habe ich, ehrlich gesagt, noch nie von einem Mann gehört.

Wie stehen Sie zu Quotenregelungen? Halten Sie das für eine gute Idee?

Ich glaube, es wird sich nichts ändern, wenn wir keine Quoten einführen. Gerade bei den Aufsichtsräten und bei den Vorständen ist das ein großes Thema. Es gibt zwar seit Ende der 70er Jahre das Gleichbehandlungsgesetz, aber wir sehen, dass keine Gleichbehandlung stattfindet. Die Realität ist: Männer bekleiden die Top-Positionen, Männer verdienen mehr. Ich zumindest kenne keine Branche, wo Frauen mehr verdienen würden als Männer.

Heuer arbeiten Frauen in Österreich im Schnitt 52 Tage umsonst. Wie kann die Lohnschere geschlossen werden?

Man müsste schon in der Jugend ansetzen und Mädchen Berufe und Branchen schmackhaft machen, wo die Bezahlung besser ist, etwa die klassischen MINT-Berufe (Anm.: Die Abk. MINT steht für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Auch wäre es wichtig, generell zu hinterfragen, warum Jobs in manchen Branchen, die besonders frauenlastig sind, so schlecht bezahlt werden und hier Anpassungen vornehmen. Es heißt immer wieder, die Pflegeberufe schätzt man so wert, aber diese Wertschätzung nützt am Ende des Tages nun einmal nichts. Es ist zwar schön und gut, wertgeschätzt zu werden, aber am Ende geht‘s dann schon drum, dass die Bezahlung fair ist. Darüber hinaus müsste man es noch mehr stützen, etwa von Unternehmen und der Politik, dass auch Männer in Karenz gehen.

Ein weiterer Punkt: Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, was sich nicht nur auf ihre Pensionen, sondern auch auf ihre späteren Gehälter auswirkt. Hier müsste man Anreize schaffen, das nicht zu tun. Dafür bräuchte es allerdings entsprechende Voraussetzungen, ausreichend Betreuungsplätze, etc. Einfach zu beschließen, "Wir sperren jetzt die Schulen zu, die Frauen können ja einfach daheimbleiben", wie es jetzt mit Corona der Fall war – so etwas kann nicht sein. Man muss die Infrastruktur schaffen, damit die Frauen auch freigespielt sind. Auch die Pflege von Angehörigen fällt zu großen Teilen auf die Frauen.

Darüber hinaus braucht es Transparenz. Große Unternehmen (Anm.: ab 150 Mitarbeiter*innen) sind bereits dazu verpflichtet, Einkommensberichte mit den Durchschnittsgehältern der Männer und Frauen bereitzustellen. Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

In manchen Bundesländern klafft die Lohnschere deutlich weiter auseinander als in anderen. So fand der diesjährige Equal Pay Day in Wien bereits am 18. Jänner statt, in Vorarlberg ist es erst am 26. März soweit.

In anderen Ländern, etwa im skandinavischen Raum, wird bereits seit einigen Jahren maximale Lohntransparenz gelebt. Was sagen Sie dazu? Könnte das ein Hebel für noch mehr Lohngerechtigkeit sein?

Ich bin nicht sicher, ob es nicht teilweise Unruhe schafft, wenn man alle Löhne offenlegt. Nicht einmal unbedingt geschlechtsabhängig. Den Durchschnitt find ich richtig und gut. Auf der anderen Seite ist Transparenz natürlich sehr wichtig. Wenn ich länger überlege … warum eigentlich nicht? Ich bin halt aus einer Generation, in der man nicht über Gehälter spricht.

Gerade diese "Über Geld spricht man nicht"-Mentalität, wie wir sie in Österreich haben, verstärkt doch Missstände und macht Lohnungerechtigkeit erst möglich, finden Sie nicht?

Da gebe ich Ihnen Recht. Anders wird sich nichts ändern. So gesehen ist es richtig. Transparenz würde vieles aufzeigen, nämlich auch generell: Was verdienen Leute für welche Tätigkeit? Nicht nur auf die Geschlechter bezogen.

Unsere Mütter und Großmütter haben verdammt viel geleistet und vorangetrieben. Wir haben jetzt die Verantwortung, noch einen Schritt weiterzukommen.

von Eva Mandl, Geschäftsführerin Himmelhoch

Was können Frauen selbst für faire Entlohnung tun?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir darüber reden, das zum Thema machen und unfaire Bezahlung nicht akzeptieren. Der Equal Pay Day ist eine gute Aktion, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Wir dürfen nicht aufhören, zu fordern. Manche kommen dann mit dem Argument: "Die Frauen haben eh schon so viel erreicht" – ja, das haben wir unseren Müttern und Großmüttern zu verdanken. Die haben verdammt viel geleistet und irrsinnig viel vorangetrieben. Wir haben jetzt die Verantwortung, noch einen Schritt weiterzukommen, es ist immer noch viel zu tun.

Ich finde, wir Frauen in einem gewissen Alter haben auch eine Vorbildfunktion für die jüngeren. Wenn wir uns nicht einsetzen und fordern, dann ändert sich nichts. Und das kann jemand mit 20 zu Beginn seiner Karriere einfach schwerer. Zum Glück gab und gibt es ja auch Politikerinnen, die sich da einsetzen. Eine Johanna Dohnal etwa hat sich immer für die Rechte von Frauen ausgesprochen. Wir brauchen diese Vorbildfrauen, die vorne stehen und fordern und zeigen, dass es funktioniert.

In der öffentlichen Debatte sind es vor allem Frauen, die sich aussprechen. Ist das nicht ein Problem, wenn das Thema nur einseitig behandelt wird?

Hundertprozentig. Frauen machen das zum Thema während Männer es eher locker nehmen oder nichts sagen, weil es ihnen ohnehin passt, wie es ist. Würden sich Männer hier auch mehr einschalten und Verantwortung übernehmen, wären wir vermutlich schon weiter. Es ist einfach nicht fair. Wir fordern ja keine Sonderbehandlung, lediglich gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Da sollte alles getan werden, auch von Männern und von der Politik. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, dass wir das überhaupt noch fordern müssen.

Dieser Gedanke: 'Ich kann schon damit leben, ich komm ja eh damit aus', darum geht es halt nicht. Es geht darum, dass es fair sein sollte.

von Eva Mandl, Geschäftsführerin Himmelhoch

Stichwort Fordern: Wie geht man das in der Praxis an? Wie kann man in Gehaltsverhandlungen das Beste für sich rausholen?

Da gibt es eine schöne Formel: Erfolg ist gleich Leistung mal Kommunikation zum Quadrat. Wenn ich erfolgreich sein will, muss ich das auch kommunizieren und schauen, dass es die richtigen Leute sehen. Gerade, wenn ich in einem großen Unternehmen bin und eine Gehaltsverhandlung führe, weiß mein*e Vorgesetze*r vielleicht gar nicht, was ich alles leiste, daher ist es wichtig, das in den Vordergrund stellen. Versuchen, nicht so viel an sich zu zweifeln und den eigenen Wert zu hinterfragen, sondern die Leistungen klar darlegen. Wer erfolgreich sein will, muss in der Lage sein, auch über die eigenen Erfolge zu sprechen.

Außerdem immer daran denken: Eine Gehaltsverhandlung passiert ja nicht nur in dieser Stunde, in der das Gespräch stattfindet, sondern das ganze Jahr hindurch. Sich immer wieder zeigen und engagieren, die eigene Arbeit nicht verstecken – all das macht schon etwas aus.

Auch sollten sich Frauen nicht nur mit anderen Frauen vergleichen, sondern auch mit den Männern und klar sagen: "Was verdient der Kollege? Genau das möchte ich auch".

Haben Sie noch einen abschließenden Rat oder Wunsch für die Zukunft, wie man für mehr Geschlechtergerechtigkeit sorgen könnte?

Ich wünsche mir, dass wir öfter mutig sind. Nicht nur mutig für uns selbst, sondern mutig für die anderen Frauen. Dass wir nicht nur für uns in Gehaltsverhandlungen gehen, sondern für alle Frauen. Vor allem die der nächsten Generationen. Man fühlt sich einfach viel stärker, wenn man das im Hinterkopf hat, finde ich. Auch dieser Gedanke: "Ich kann schon damit leben, ich komm ja eh damit aus", darum geht es halt nicht. Es geht einfach darum, dass es fair sein sollte.