Gläserner Mensch

Für Zalando nichts Neues: Nachdem eine RTL-Dokumentation, die die angeblich katastrophalen Arbeitsbedingungen bei dem Online-Händler zum Thema machte, auf Sendung ging, ist ein Shitstorm über das Unternehmen hereingebrochen.

Zalando reagierte zügig -via Twitter, auf Facebook und per Pressemitteilung. Wieder einmal stellte sich die Frage: Was tun bei Beleidigungen und Shitstorms? Und wie anonym sind wir im Internet wirklich? Fragen, denen die Journalistin Ingrid Brodnig ein Buch gewidmet hat. Wir haben sie dazu interviewt.

Würden weniger Shitstorms entstehen, wenn User überall mit echtem Namen posten müssten?

Shitstorms gäbe es garantiert weiterhin. Das kann man auf Twitter und Facebook beobachten: Dort geben viele Menschen ihren echten Namen an und sagen trotzdem allerlei Unsägliches - prompt kommt der Shitstorm. Das Problem ist eher, dass viele Menschen unterschätzen, wie schnell ein unachtsamer Kommentar online weiterverbreitet wird und dass einem tatsächlich jede Aussage vorgehalten werden kann. Nehmen Sie nur den Fall Justine Sacco. Die schrieb einen wirklich dummen, herablassenden Tweet über Aids in Afrika. Tausende User weltweit verbreiteten diesen Kommentar, alle Medien berichteten und sie wurde gefeuert. Die Aussage war sicher dumm, aber ist es angemessen, dafür den Job zu verlieren? Ein zweites Problem ist auch, dass eben die nonverbalen Signale fehlen, die uns empathischer und auch diplomatischer sein lassen. Weil die Empathie fehlt, entgleisen so viele Debatten. Wir müssen alle erst lernen, online eine Spur gelassener zu sein - wobei es mir ja selbst oft auch schwer fällt. Man liest einen dummen Satz auf Facebook oder Twitter und prompt ist der Blutdruck auf 180 .

Wie reagiert man am besten, wenn man selbst Opfer eines Shitstorms wird?

Puh. Eine pauschale Antwort habe ich da nicht. Der größte Fehler ist aber sicher, auf Aggression mit noch mehr Aggression zu reagieren. Viele Shitstorms entstehen, weil jemand eine dumme, unachtsame oder provokante Aussage gemacht hat - sich Leute darüber aufregen und dann die Debatte komplett entgleist. Viele Shitstorms werden wirklich erst so schlimm, weil die betroffene Person mit Leidenschaft weiterstreitet. Dabei gilt ein uraltes lateinisches Sprichwort auch im Internet: „Si tacuisses, philosophus mansisses", hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Sicher: Alle Probleme lassen sich nicht mit Schweigen lösen. Aber manchmal ist Schweigen tatsächlich das Entwaffnendste.

Warum war das Thema Anonymität im Internet für Sie persönlich so wichtig?

Weil derzeit im Internet eine sehr wichtige Debatte stattfindet: In welcher Art und Weise wollen wir in Zukunft online miteinander diskutieren? Wie können wir für einen sachlichen Ton sorgen und Beleidigungen und Pöbeleien verringern? Und welche Rolle spielt dabei die Anonymität? Die Anonymität ist ein extremes Reizthema, weil viele die Namenslosigkeit für die Aggression online verantwortlich machen. In meinem Buch ging ich der Frage nach, ob die Anonymität wirklich der Grund für die Gemeinheiten im Netz sind - oder es ein tieferes Problem ist.

Wann ist Ihrer Meinung nach Anonymität im Internet richtig, wann kontraproduktiv?

Ohne Anonymität hätten wir im Internet ein Problem: Ein Informant wie Edward Snowden könnte nicht anonym Journalisten kontaktieren und die Weltbevölkerung darüber informieren, dass sie von den Geheimdiensten ausgespäht wird. Der Fall Snowden zeigt also, wie wichtig Tools zur Anonymisierung sein können. Aber keine Frage - oft wird die Anonymität dafür missbraucht, herumzupöbeln oder andere zu beleidigen. Also wünschen sich viele eine Abkehr von der Anonymität. Ich behaupte jedoch, das eigentliche Problem liegt tiefer: Weil online nonverbale Signale wegfallen, weil man nicht sieht, wie der andere dreinblickt, weil man seine Stimme nicht hört, fehlt uns oft das Einfühlungsvermögen in den Gesprächspartner. In der verschriftlichten Welt des Internets fehlt es an Empathie. Die wahre Herausforderung ist, wie man Empathie fördern kann, wenn sich die Gesprächspartner nicht sehen und oft auch gar nicht kennen. Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase des Internets, in der wir Tools entwickeln müssen, die dieses Einfühlungsvermögen stärken.

Ob es schon Beispiele für solche Tools gibt, lesen Sie auf Seite 2

Der unsichtbare Mensch heißt Ingrid Brodnigs Buch.

Gibt es schon Beispiele für solche Tools?


Ich möchte ein simples Beispiel nennen: Der Like-Button auf Facebook, mit dem man signalisiert, dass man etwas gut findet. Der ist eigentlich eine sehr schöne Geste, mit der man auf simple Weise ein bisschen Anerkennung austeilt. Es ist übrigens sehr klug, dass es Facebook keinen „Gefällt mir nicht"-Knopf eingeführt hat. Denn der würde nur missbraucht werden, um Zwietracht zu sähen, um Störenfriede zu motivieren - die sogenannten Internet-Trolle, die nur Unruhe stiften wollten. Was wir derzeit brauchen sind Instrumente, um konstruktive Stimmen in den Vordergrund zu bringen und Rüpel in den Hintergrund zu drängen.

Wie gehen Sie persönlich mit Ihrer Anonymität online um?

Wenn ich auf Twitter oder Facebook etwas poste, frage ich mich selbst häufig: Würde ich diese Aussage auch vor 20, 30 oder gar 100 Leuten machen? Das ist ein guter Gradmesser, ob man tatsächlich zu einer Aussage steht oder im Zweifelsfall doch lieber die Klappe halten sollte. Das Problem ist allerdings, dass uns Konsumenten oft gar nicht transparent gemacht wird, wie viele Leute unsere Beiträge online sehen. Das heißt, wir können oft gar nicht einschätzen, wie groß die Öffentlichkeit ist, mit der wir kommunizieren. Das führt dazu, dass wir viel mehr mit wildfremden Menschen teilen als wir eigentlich wollen. Das Wichtigste ist also, dass Firmen wie Facebook hier transparenter werden und uns auch mehr simple Auswahlmöglichkeiten geben, wie wir unsere eigene Identität online managen wollen. Auch hier ist das Internet gerade erst in einer Anfangsphase.

Sie haben sich einmal für Anonymisierungstechniken ausgesprochen: Wer sollte sie nutzen, warum und welche können Sie empfehlen?

Edward Snowden ist längst nicht der einzige, der gut daran tut, ab und zu Anonymisierungssoftware zu verwenden. Ein ganz harmloses Beispiel: Wenn Sie einen grausigen Ausschlag am Hintern haben und am Arbeitscomputer googeln wollen, was dieser Ausschlag sein könnte, dann empfehle ich Ihnen den„Inkognito-Modus" oder „Privat-Modus" ihres Browsers. Damit sind Sie anonym unterwegs und es bleibt auch keine Information zu Ihren Suchanfragen gespeichert. Das ist ein ziemlich lächerliches Beispiel, aber es zeigt: Jeder von uns hat ab und zu das Bedürfnis, anonym und unbeobachtet zu sein. Je heikler die Daten sind, die Sie versenden, desto mehr Sicherheitsmechanismen sollten Sie einsetzen. Wollen Sie komplett anonym sein, dann empfehle ich zum Beispiel den Webbrowser Tor. Der ist so ausgefuchst programmiert, dass nicht einmal die NSA mitlesen kann.

Der unsichtbare Mensch: Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert

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Ob sich der Ton in Foren und sozialen Netzwerken verschärft hat, lesen Sie auf Seite 3 >>

Hat sich der Ton in Foren/sozialen Netzwerken in den vergangenen Jahren verschärft? Wenn ja, warum?

Das Faszinierende ist: Der Ton ist wohl ziemlich gleich wie früher, nur fällt uns mittlerweile stärker auf, dass online einiges im Argen liegt und zu viel Aggression herrscht. Das Internet ist viel bedeutender für unser Leben geworden und deswegen wollen viele Menschen nicht einsehen, dass sie sich online von wildfremden Menschen beschimpfen lassen sollen. Ein simpler Vergleich: Wenn jemand im Jahr 1995 Gemeinheiten über Sie online verbreitet hat, war das bestimmt auch unangenehm, aber es war nicht ansatzweise so rufschädigend wie heute, wo wir einen großen Teil unseres Beruf- und Privatlebens online austragen.

Wie könnte eine E-Etiquette gestaltet sein? Wie könnte man sicherstellen, dass sie eingehalten wird?

Im Kern geht es darum, mehr Verantwortung einzufordern: Onlinemedien sollen Verantwortung übernehmen, was in ihren digitalen Räumen passiert, wie ihre eigene Community miteinander umgeht. Und der einzelne User soll auch ermutigt werden, über sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Das klingt jetzt sehr vage, aber es gibt tatsächlich Onlinemedien, wo das eingefordert wird. Auf Zeit Online wird zum Beispiel jeder einzelne Kommentar gelesen und von der Community gefordert, dass sie sachlich miteinander diskutiert. Wenn nicht, wird der Kommentar mit einer Begründung gelöscht. Dann steht dort zum Beispiel: „Gelöscht. Bitte belegen Sie Ihre Äußerungen mit seriösen Quellen." Das ist beeindruckend, weil dadurch tatsächlich sehr anspruchsvolle Diskussionen entstehen.


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