Gibt es Wetterfühligkeit wirklich?

Kopfweh, Konzentrationsschwäche, Narbenschmerzen: Wetterfühlige Menschen gelten oft als überempfindliche Mimosen. Aber sind die Symptome wirklich nur Einbildung? Wir haben dem nachgespürt.

Wer sich nicht viel im Freien aufhält und nicht draußen arbeiten muss, den interessiert das Wetterpanorama im Fernsehen meistens nur kurz vor dem Urlaub. Für Menschen, die Wetterumschwünge körperlich spüren und dadurch beeinträchtigt werden, dreht sich die Tagesverfassung aber oft sprichwörtlich mit dem Wind. Und diese Menschen gibt es häufiger als vielleicht angenommen. Die sogenannte Wetterfühligkeit wird seit Jahren als schwer zu erklärendes Phänomen erforscht und ist unter Medizinerinnen als ernst zu nehmende Befindlichkeitsstörung anerkannt. Die Beschwerden reichen von Kopfschmerzen über Schwindel bis hin zu Bluthochdruck und Narbenschmerzen. Aber wodurch werden die Symptome überhaupt hervorgerufen?

Wetterfühligkeit: Subjektiv und schwer messbar

Grundsätzlich wird unter Expertinnen zwischen wetterfühligen und wetterempfindlichen Menschen unterschieden. Christian Csekits, Meteorologe von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG, zamg.ac.at):"Bei der Wetterempfindlichkeit wird eine schon bestehende Krankheit durch den Wetterwechsel verstärkt. Typisches Beispiel sind Rheumatiker, die eine Grunderkrankung mit Gelenksschmerzen und -entzündung haben. Bei sehr tiefen Temperaturen in Verbindung mit hoher Feuchte, also Regen oder Schneefall, können sich diese Symptome noch verstärken. Bei Wetterfühligkeit hingegen zeigt der menschliche Körper normale Reaktionen auf den Wettereinfluss, wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Leistungsschwäche."

Während es zu Bluthochdruck und Rheuma sehr gute Studiendaten über die Auswirkung des Wetters auf die Krankheiten gibt, ist eine so subjektive Befindlichkeitsstörung wie die Wetterfühligkeit nur schwer messbar -was auch unter Medizinerinnen so manche Skeptikerin auf den Plan ruft: "Die Mutmaßung vieler Medizinerinnen, dass Wetterfühligkeit eine Art Hokuspokus oder Einbildung ist, rührt daher, dass es eigentlich in der Medizin keine Parameter gibt, mit denen man Wetterfühligkeit messen könnte. Man kann nur Menschen befragen, die sagen, sie würden auf verschiedene Wetterlagen ungünstig reagieren", erklärt Wolfgang Marktl, Physiologe und Vorstand der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin.

Das heißt aber nicht, dass man diese Art von subjektivem Empfinden als unwichtig oder gar als Einbildung abtun sollte. "So langsam kommen auch Medizinerinnen zur Ansicht, dass man den Menschen nicht wie einen Automotor in verschiedene Teile zerlegen kann, so wie es in der Medizin mit den Subspezialisierungen ja der Fall ist, sondern, dass man den Menschen als Ganzes sehen muss." Und was spüren wetterfühlige Menschen genau?

"Hochempfindliche Menschen spüren das"

Eine mögliche Erklärung sind sogenannte Sferics. Viele Medizinerinnen und Biometeorologinnen gehen davon aus, dass diese elektromagnetischen Impulse das vegetative Nervensystem, also das System, das unsere inneren Organfunktionen steuert, beeinflussen.

Meteorologe Christian Csekits: "Im Vorfeld von Gewittern steigt die Luftelektrizität sehr stark an. Dieser elektromagnetische Impuls kann zu feinsten Reizungen des Körpers, zu Reaktionen und Symptomen führen. Hochempfindliche Menschen spüren das."

Die Biometeorologen der ZAMG erstellen täglich Informationen zur aktuellen Wetterlage, Wetterwarnungen und auch das Biowetter. Dabei berücksichtigen sie Parameter, die den menschlichen Organismus beeinflussen können, wie Änderungen der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit.

Vorsicht bei selbsterfüllenden Prophezeiungen

Mit den in Magazinen viel zitierten Biowetterprognosen sollten Betroffene im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung trotzdem vorsichtig umgehen: "In vielen Zeitungen wird die Thematik zu stark vereinfacht. Die Menschen lesen das Biowetter und hinterher bekommen sie die Probleme, weil sie das Biowetter gelesen haben", so Wolfgang Marktl.

Klar ist aber: Es gibt nachgewiesene Zusammenhänge zwischen Wetterlagen und dem körperlichen Wohlbefinden. Wenn es draußen warm wird, dehnen sich die Blutgefäße aus und der Blutdruck sinkt. Bei Menschen mit ohnehin niedrigem Blutdruck kann das Symptome wie Schwindel und Übelkeit hervorrufen. Wichtig ist, Beschwerden ernst zu nehmen und abklären zu lassen. Christian Csekits sieht den Biowetterdienst deshalb auch als wichtige Beratungsfunktion: "Wir wollen den Leuten Hinweise geben, wie sie sich besser fühlen oder mit den Symptomen besser umgehen können. Und wenn es nur ist: Heute wird es massiv, morgen wird's wieder besser."

Wetter-Hotline

Unter der kostenpflichtigen Wetter-Hotline (T: 0900/530 11 11) beraten die Vorhersagemeteorologen der ZAMG Wetterfühlige und Wetterempfindliche.

 

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