Gewalt ist allgegenwärtig: Dominanzdenken von Männern zeigt sich in allen Schichten

Christian Scambor ist Klinischer und Gesundheitspsychologe und Mitgründer der Männerberatungsstelle Graz. Er arbeitet täglich mit Tätern häuslicher Gewalt und rät Opfern sich Hilfe zu suchen, bevor die Situation eskaliert.

Gewalt Dominanzdenken

Wir sind gerade mal wenige Wochen im Jahr 2022 und schon musste der erste Frauenmord gemeldet werden. Gewalt an Frauen bzw. häusliche Gewalt ist ein großes, gesellschaftliches Problem in Österreich. Ein Femizid ist häufig nur die Spitze des Eisbergs einer ganzen Reihe von möglicher Gewalt. Die Männerberatungsstelle Graz arbeitet mit Tätern daran, Geschlechterrollen neu zu lernen, Gefühle anders auszudrücken und Gewaltimpulse zu unterdrücken.

Zusätzlich haben sie vor mehreren Monaten ein neues Programm eingeführt, wobei es um opferschutzorientierte Täterarbeit geht. Ein schwerfälliger Begriff, der leicht erklärt ist. Christian Scambor ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Mitgründer der Männerberatungsstelle Graz und betreut Männer in unterschiedlichen Lebenslagen.

Er erklärt: "Normalerweise ist es für uns in der psychosozialen Arbeit nicht so wichtig, ob die Person, mit der wir sprechen, die Wahrheit sagt. Wir arbeiten mit deren konstruierte Wahrheit. Besonders wenn es aber um häusliche Gewalt geht, ist eine zweite Person mit im Spiel: Das Opfer und vielleicht sogar Kinder. Deshalb müssen wir unsere Arbeit so machen, dass wir sicherstellen, dass gewaltbetroffene Personen sicher sind und unsere Arbeit deren Situation nicht unsicherer macht. Wenn die Beteiligten zustimmen, vernetzen wir uns mit der Opferschutzeinrichtung, der Polizei und dem Jugendamt, tauschen Informationen aus und bekommen so ein runderes Bild der Situation."

Klare Maßnahmen

Die Täter kommen einerseits häufig aus freien Stücken zu den Beratungsstellen, weil sie merken, dass ihre Beziehung durch ihr Verhalten zerstört wird oder ihr Umfeld Druck ausübt, dass sich etwas ändern muss. Zusätzlich werden Täter, wegen denen die Polizei gerufen wird, seit dem Jahr 2021 zu einem Gewaltpräventions-Training verpflichtet: "Wenn im Falle von Gewalt die Polizei gerufen wird, spricht diese normalerweise ein Betretungsverbot für den Mann aus. Das heißt, dass dieser das Haus oder die gemeinsame Wohnung für eine bestimmte Zeit nicht betreten darf. Gibt es Kinder im Haushalt, wird zusätzlich das Jugendamt eingeschaltet und der Mann bekommt fünf Tage Zeit, um sich bei einer Beratungsstelle für ein Training zur Gewaltprävention zu melden. Außerdem wird eine Opferschutzeinrichtung oder ein Gewaltschutzzentrum informiert, die sich bei der Frau melden und ihr Hilfe anbieten. Diese kann, muss sie aber nicht annehmen."

Vernetzung und Abschätzung

Besonders wichtig ist diese Vernetzung zwischen den Einrichtungen auch deshalb, weil es gar nicht so selten vorkommt, dass Täter die Arbeit im Männerberatungszentrum toxisch in der Beziehung als Druckmittel verwenden. So erzählen sie ihren Partner*innen zum Beispiel, dass die Psycholog*innen ihnen sagen, dass die Frau das eigentliche Problem sei. Es ist wichtig, dass Frauen die Möglichkeit haben hier nachzufragen, ob dies wirklich gesagt wurde.

Besonders komplex wird es, wenn wieder Gewalt in der Beziehung passiert ist, die Männer dies aber in ihrer Arbeit mit den Psycholog*innen nicht ansprechen. Christian Scambor kennt den Balanceakt, der dann nötig ist: "So eine Situation erfordert viel Koordination. Wenn der Täter uns nicht von sich aus erzählt, dass er wieder gewalttätig war, wäre es natürlich unser erster Impuls ihn damit zu konfrontieren. Das tun wir aber nur dann, wenn wir das vorher mit der Opferschutzorganisation besprochen haben und wissen, dass das auch für die Frau in Ordnung ist. Hier wird deutlich unterschieden, ob das Paar noch im selben Haushalt lebt. Ist die Frau im Frauenhaus, wird es eher angesprochen und er damit konfrontiert. Leben die beiden aber in einer gemeinsamen Wohnung, dann werden wir es vielleicht nicht ansprechen und eher mit der Opferschutzorganisation koordinieren, dass sich die Frau aus der Situation herausnimmt und erst wenn diese sich in einem geschützten Rahmen befindet, konfrontieren. Wir möchten durch unsere Arbeit keine zusätzliche Gefahrensituationen erzeugen."

Weniger Rückfälle

Der Erfolg dieser Arbeit der Männerberatungsstelle ist durchaus messbar. Studien aus Wien ergeben, dass von den Männern, die ein Gewaltpräventionstraining nicht absolvieren, im Laufe von 2 Jahren erneut 40 % ein Betretungsverbot von der Polizei verordnet. Diejenigen, die das Training absolviert haben, werden nur mit 15-17 % wieder so auffällig, dass die Polizei eingeschalten wird und erneut ein Betretungsverbot ausgesprochen wird.

Christian Scambor bewertet daher die Mechanismen, die im Hintergrund zu laufen beginnen, sobald die Polizei eingeschaltet wird, als sehr hilfreich und umfangreich. Er würde jeder Frau in einer Gewalt-Beziehung raten, die Polizei zu kontaktieren oder sich zumindest bei einer Opferschutzorganisation beraten zu lassen, was die nächsten Schritte sein können.

Er erklärt: "In der Öffentlichkeit stehen vor allem Frauenmorde. Was mit dieser Fokussierung auf Morde untergeht, ist, dass das die Spitze des Eisbergs ist und darunter eine riesige Masse an Gewalt liegt, die nicht so klar sichtbar ist. Die muss aber auch ernst genommen werden. Es gibt viele Hilfsangebote und die sollte man nützen, auch wenn es nur ein minderschwerer Fall ist. Es ist nicht unüblich, dass eine Gewaltspirale harmlos beginnt und sich dann rascher und schneller zu drehen beginnt. Häusliche Gewalt kommt in allen Bevölkerungsschichten vor. Jung und Alt, Reich und Arm, Inländer und Ausländer. Gewalt ist allgegenwärtig. Denn das Dominanzdenken von Männern zeigt sich nach wie vor in allen Schichten und Generationen."

 

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