Gewalt gegen Frauen: "Nein, ich bin kein Opfer!"

Das ist die Geschichte von Maria. Sie wurde mitten in Wien von einem unbekannten Mann brutal attackiert. Sie entkam, doch es folgten Jahre von Schuld und Scham. Verrückt, oder?

Frau in dicker Jacke wartet am Bahnsteig, neben ihr Männer

Ich habe erlebt, wovor viele Frauen Angst haben. Ich wurde von einem Unbekannten überfallen, am Hals gepackt und in einen Hauseingang gezerrt. Todesangst ergriff mich; ich erstarrte. Aber ich überwand den Schock und setzte mich zur Wehr, anfangs erfolglos, doch ein Tritt gegen das Knie zeigte Wirkung. Ich riss mich los und rannte. Ich rannte, bis meine Beine nachgaben, ziellos, nur weg.
Als ich das Erlebte berichtete, war es, als würde ich neben mir stehen und einer fremden Person dabei zusehen. Das verstärkte sich dadurch, dass meine Mutter damit hoffnungslos überfordert war und mir sagte, ich müsse es vergessen. Ich verdrängte die Gefühle, die Angst, den Schock; sprach mit niemandem darüber. Während des Tages gelang mir das gut. Doch in der Nacht quälten mich jahrelang Albträume, in denen ich immer wieder den Angriff durchlebte. Ich erzähle hier meine Geschichte, weil ich zeigen möchte, womit betroffene Frauen konfrontiert sind, und gleichzeitig allen Mut machen möchte, nicht zum Opfer zu werden.

Schuld und Scham als erste Reaktionen auf Gewalt

Der Versuch der Verdrängung, Schuld- und Schamgefühle sind Reaktionen, die fast alle Frauen erleben, die von Gewalt betroffen sind, sagt mir Geneviève Mayala, Sozialarbeiterin beim 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: „Selbstzweifel und Selbstvorwürfe gibt es immer. Sie hätten schon vor Jahren den Mann verlassen können, auf der Party weniger trinken sollen, sich anders anziehen sollen.“ Auch ich habe mir die Frage gestellt, ob ich selbst schuld war. Das hat laut Mayala auch damit zu tun, dass in der Gesellschaft die Schuld immer noch oft an die Opfer weitergegeben wird. Hier bedarf es einer adäquaten gesellschaftlichen Aus­einandersetzung mit dem Thema Gewalt gegen Frauen.

„Die Opfer trifft niemals die Schuld. Auch die Mär, dass sexuelle Übergriffe etwas mit dem Sexualtrieb zu tun haben, ist falsch. Es handelt sich immer um eine Tat, die der Machtausübung, Erniedrigung und Unterwerfung dient“, betont Mayala. Trotzdem wird meistens schnell eine „Erklärung“ gefunden, wie das Verhalten der betroffenen Frau zur Begehung der Tat geführt habe. Viel zu selten werden die Motive des Täters hinterfragt und verurteilt – eine kritische Selbstreflexion unserer Gesellschaft erfolgt nicht.

Manche Frauen versuchen, die Erinnerung an den gewalt­tätigen Übergriff zu verdrängen. Es kann Tage oder sogar Jahre dauern, bis eine Frau es schafft, sich den mit erlebter Gewalt verbundenen Gefühlen und Ängsten zu stellen. Die psychischen Folgen sind mannigfaltig: Stimmungsschwankungen, Panikattacken, Albträume, Angstzustände, Schlafstörungen, Flashbacks, Pro­bleme in der Beziehung und vieles mehr.
Deshalb brauchen Opfer Unterstützung. Am besten ist es, rasch nach der Tat mit einer Vertrauensperson zu reden oder sich an eine Institution wie den Frauennotruf zu wenden. „Erlebte Gewalt hat meistens eine akute Belastungsreaktion zur Folge, sie dauert von einigen Tagen bis zu vier Wochen. Rasche psychologische Betreuung kann dabei helfen, besser durch diese Phase zu kommen und das Entstehen einer posttraumatischen Belastungsstörung zu verhindern“, sagt Mayala. Die betroffene Frau über Unterstützungsangebote zu informieren sei hilfreich; sie zur Inanspruchnahme derselben zu drängen kontraproduktiv. Der Frauennotruf bietet kostenlos psychosoziale Hilfe – auch für nahe Angehörige und FreundInnen.

Die Täter sind keine Unbekannten, sondern aus dem eigenen sozialen Umfeld

Fälle wie meiner, also Angriffe durch einen Unbekannten, entsprechen der typischen Vorstellung der Bedrohung. Dazu trägt auch die Panikmache durch Medien bei. Ich will wissen, was tatsächlich die häufigsten Formen von Gewalt sind und in welchen Situatio­nen sie passieren. Ich frage beim Bundeskriminalamt nach: „Der überwiegende Teil der gewalttätigen Übergriffe findet in der Privatsphäre und im sozialen Umfeld statt“, sagt Hans-Peter Stückler, Leiter des Büros für Kriminalprävention und Opferhilfe im Bundeskriminalamt. Insgesamt sei die Gewalt statistisch gesehen männlich dominiert, auch auf der ­Opferseite. Von insgesamt 40.635 Gewalttaten im Jahr 2016 waren 35,4 Prozent der Opfer weiblich.

Beim Frauennotruf gehe ich der Frage weiter nach. Martina K. Steiner, stellvertretende Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufs der Stadt Wien, zeichnet ein ähnliches Bild. „Wenn ich mich auf unsere Statistik beziehe, dann sind in mehr als 80 Prozent der Fälle die Täter den Opfern bekannt.“ Sie zitiert aus der Wiener Kriminalstatistik 2017: Von den 11.627 Anzeigen zu Körperverletzung wurden knapp 40 Prozent von Fremdtätern verübt, bei 194 Anzeigen wegen Vergewaltigungen waren nur in etwa 13 Prozent die Täter unbekannt. „Gewalt passiert durch den Partner, im Familienkreis; oder es ist der Typ, den ich auf der Party kennengelernt habe, am Arbeitsplatz.“ Das erschwere die Situation. „Es ist grundsätzlich für Frauen nicht leicht, nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen, doch jemanden anzuzeigen, den man kennt, wie den eigenen Partner oder Ex-Partner, Onkel oder den Freund eines Freundes, das schaffen manche nie“, sagt Steiner. Der Frauen­notruf biete hier Hilfe. „Wir können Frauen bei der Anzeige unterstützen, beispielsweise das Prozedere und die Konsequenzen einer Anzeige vorbereitend besprechen, auf Wunsch zur Polizei begleiten und juristische Prozessbegleitung organisieren, wenn es zu einem Strafverfahren kommt. Sollte sich die Frau gegen eine Anzeige entscheiden, können wir sie dennoch psychologisch unterstützen, damit sie die Erlebnisse bewältigen kann“, sagt Steiner. Die Dunkelziffer der Gewaltopfer sei hoch. Steiner verweist auf die bisher größte EU-Studie zum Thema Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2014: Diese besagt, dass jede dritte Frau seit dem 15. Lebensjahr schon einmal Opfer körperlicher oder sexueller Übergriffe geworden ist.

Wie können sich Frauen wehren?

Umso mehr interessiert mich, wie wir uns schützen können. „Einer der wichtigsten Aspekte ist es, sich bewusst zu machen, dass man kein Opfer ist, und selbstsicheres Auftreten an den Tag legt. Das vermittelt wehrhaftes Verhalten und schreckt Täter oftmals ab“, betont Hans-Peter Stückler. Die Polizei bietet für Frauen Selbstbehauptungskurse an. Dort werden das richtige Auftreten, Selbstbewusstsein, aber auch die Identifizierung von Angsträumen und Handlungsoptionen thematisiert. Auch das Durchdenken und Durchspielen von Szenarien sei ein Thema. „Dazu gehört, auf das eigene Gefühl zu hören, bei Anzeichen einer gefährlichen Situa­tion auf Distanz zu gehen, indem man beispielsweise die Straßenseite wechselt.“ Auch das Handy griffbereit zu haben oder einer Vertrauensperson den Aufenthaltsort bekannt zu geben gehöre dazu. Eine eigene Polizei-App hat die Notfallnummer auf einen Klick parat und schickt die Standortdaten mit. Stückler rät auch zu einem Handalarmgerät. „Aber es muss greifbar sein – nicht erst in der Handtasche kramen!“

Sich wehren: schnell, heftig, ohne Hemmung und mit voller Lautstärke.

Sinnvoll seien auch Selbstverteidigungskurse. „Selbstverteidigungskurse oder das Training von Kampfsportarten fördern neben dem Erlernen von Abwehrtechniken die Fähigkeit, sich zu behaupten und dem Gegenüber bereits im Vorfeld Grenzen zu setzen“, sagt Stückler. Die erste Wahl der Verteidigung sei immer die Flucht. „­Sollte eine Flucht nicht mehr möglich sein, dann sollte man sich wehren: mit allen Mitteln, schnell, heftig, ohne Hemmung und mit voller Lautstärke.“

Erster Schritt zur Gegenwehr: Schreien lernen

Dass Gegenwehr funktioniert, habe ich selbst erlebt. Doch ich möchte lernen, mich effizient zu verteidigen, und probiere Krav Maga aus. Das ist eine ­Nahkampfmethode, die in Israel für Spezial­einheiten des Militärs und der Polizei entwickelt wurde. „Krav Maga zeichnet sich durch einfache Techniken aus, indem instinktive Reaktionen genützt werden. Es werden bewusst die Schwachstellen des Körpers angegriffen, wie der Genitalbereich, Gesicht, Augen oder Ohren“, erklärt mir Stefan Wolfrum, Gründer und Headcoach von The PAC – Peak Athletic ­Center. Er bietet auch spezielle Selbstverteidigungskurse für Frauen an. Hemmungen abbauen, Grenzen setzen und der Stimmeinsatz sind dabei die wichtigsten Übungen. Aufrechtes Stehen mit vor der Brust gehaltenen Händen ist die erste Abwehrstellung, die ich lerne. Spannender wird es, wenn es darum geht, den Angreifer mit gestrecktem Arm auf Distanz zu halten und aus vollem Hals „Stopp!“ zu schreien. Die ersten Versuche sind halbherzig; nach ein paar Anläufen wird ein Schrei daraus. „Gerade bei den Selbstverteidigungskursen üben wir am Anfang viel das Schreien“, sagt mir Wolfrum. Ich lerne grundlegende Schlag- und Tritttechniken mit offenen Händen, Ellbogen, Knien und Füßen. Damit man weiß, wie sich das anfühlt, wird auf Schlagpölster, sogenannte Pratzen, geschlagen. Wir schlagen mit offenen Händen, weil das leichter umzusetzen sei. „Jeder kennt eine Watsche, und davon kann man diese Technik gut ableiten“, so Wolfrum.

Reagieren unter Stress ist ebenfalls Teil des Trainings. Wir spielen realistische Szenarien durch und üben unerwartete Angriffe. Das nennt sich „Model Mugging“ und soll im Ernstfall helfen, den Schock zu überwinden. Auch Wolfrum will das Auftreten verändern, sodass es überhaupt nicht zu einem Angriff kommt. Und das hilft auch im privaten Umfeld: „Ich hatte eine Frau im Training, die wurde von ihrem Mann zu Hause geschlagen. Das regelmäßige Training hat ihr Selbstvertrauen so aufgebaut, dass sie den Mann letztlich rausgeschmissen hat.“

Wenn der Ernstfall eingetreten ist

  • Mit der Situation nicht alleine bleiben. An eine Vertrauensperson oder eine Organisation für Opfer­hilfe wenden.
  • Polizei unter 112 oder 133 verständigen.
  • Zur Erstversorgung ins Krankenhaus. Im Spital werden die Verletzungen versorgt, aber auch zur Beweisaufnahme dokumentiert. Bei Verdacht auf die Ver­abreichung von K.o.-Tropfen oder Medikamenten ist es wichtig, sofort Blut und Urin untersuchen zu lassen, da diese Substanzen nur sehr kurz nachweisbar sind.
  • Beweise sichern. Unterdrücken Sie den Zwang, sich zu waschen. Betroffene Körperstellen wenn möglich nicht berühren, sonst werden DNA-Spuren überlagert. Die getragene Kleidung wenn möglich nur selbst angreifen, nicht waschen, die betreffenden Kleidungsstücke in Papiersäcken verwahren. DNA-Spuren werden in Plastiksäcken zerstört.
  • Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen. Dadurch kann das Erlebte meist besser verarbeitet werden.

Hilfreiche Kontakte:

opfernotruf.at – 0800 / 112 112
frauennotrufe.at
weisser-ring.at
gewaltschutzzentrum.at
gewaltinfo.at
haltdergewalt.at

Information Polizei: 059 133
Frauenhelpline: 0800 / 222 555

Termine:
17. 11.: Workshop Frauenselbstverteidigung, Infos: thepac.at.
25. 11. bis 10. 12.: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Im Aktionszeitraum werden weltweit das Ausmaß und die verschiedenen Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen thematisiert.

 

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