"Gewalt gegen Frauen hat nichts mit der Herkunft zu tun"

Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser, ist entsetzt darüber, wie die Debatte nach den Gewalttaten in Köln derzeit geführt wird.

Maria Rösslhumer ist Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Sie ist in ihrer Arbeit tagtäglich mit Gewalt gegen Frauen konfrontiert und erzählt uns, was sie von der derzeitigen Debatte, die nach den Gewalttaten in Köln entfacht ist, hält:

Frau Rösslhumer, wegen der Übergriffe in Köln ist plötzlich das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen in aller Munde. Sind Sie froh darüber?

MARIA RÖSSLHUMER: Ich bin nicht sehr froh darüber, wie diese Debatte geführt wird. Grundsätzlich ist es furchtbar, was passiert ist, weil die Frauen so schutzlos waren, es ist furchtbar, dass so viele weggeschaut haben. Das macht mich natürlich sehr traurig. Andererseits ist natürliche eine Debatte über Gewalt an Frauen in der Öffentlichkeit sehr, sehr wichtig und ich finde, es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Es gibt viel zu wenige Informationen über das Thema Gewalt an Frauen. Eine Debatte sollte auf jeden Fall geführt werden. Wie sie jetzt über Köln geführt wird, das ist natürlich eine andere Geschichte. Das wünsche ich mir natürlich nicht.

Was genau meinen Sie damit?

Dass es rassistische Äußerungen gibt, dass Fremdenfeindlichkeit erzeugt wird und dass es eigentlich wieder mehr oder weniger abgeschoben wird auf Menschen aus anderen Ländern. Wir wissen ja, dass es auch in Österreich tagtäglich passiert. Jede dritte Frau in Österreich ist ab dem 15. Lebensjahr laut Zahlen der Fundamental Rights Agency von sexueller Belästigung betroffen – wahrscheinlich sind es sogar wesentlich mehr Frauen. Gewalt an Frauen passiert tagtäglich und auf allen Kontinenten und man kann es nicht ausschließlich auf Menschen aus anderen Herkunftsländern abschieben.

Als Geschäftsführerin des Vereins Autonomer Frauenhäuser sind Sie täglich mit Gewalt gegen Frauen konfrontiert. Hat diese Gewalt, Ihrer Erfahrung nach, etwas mit der Herkunft der Täter zu tun?

Es hat nichts mit der Herkunft der Täter zu tun. Es passiert leider überall, in allen gesellschaftlichen Schichten. Und natürlich kommt es auch unter Flüchtlingen vor, aber es ausschließlich in diese Richtung zu schieben und zu sagen, weil jetzt viele Menschen aus anderen Ländern kommen, würde das jetzt gehäuft passieren, wäre einfach falsch. Weil es gibt so viele Menschen, die hierher kommen und sich friedlich verhalten. Aber natürlich gibt es darunter auch – wie auch überall sonst – leider Männer, die nicht gelernt haben, Wertschätzung gegenüber Frauen zu zeigen, die Frauen missbrauchen und sexuell belästigen. Das ist keine Frage und darf nicht kleingeredet werden. Aber das Thema darf nicht einzig und allein für Fremdenfeindlichkeit missbraucht werden. Es ist ein allgemeines gesellschaftspolitisches Thema.

Warum ist das öffentliche Interesse erst dann da, wenn die Täter „fremd“ sind?

Weil man dann relativ gut Sündenböcke benennen kann. Dann kann man ablenken von den eigenen Problemen, die es ja tatsächlich auch gibt in unserer Gesellschaft. Es schürt wieder einmal diesen Hass gegen „Andere“. Das bestärkt und zementiert Vorurteile. Und dagegen wehre ich mich, das sollte nicht sein. Weil wir in Österreich und auch in Deutschland mit vielen Formen der Gewalt zu tun haben, vielen Formen der Männergewalt an Frauen – und das sind nicht nur „Ausländer“, das sind auch „Einheimische“.

Welche Fragen sollten wir uns stattdessen stellen?

Wir sollten uns fragen, wie können wir Gewalt besser verhindern, welche Maßnahmen müssen gesetzt werden, wie können wir Täter mehr zur Verantwortung ziehen. Wir haben zum Glück endlich eine Sexualstrafrechts-Reform – das ist sehr positiv. Weil wir jetzt auch gegen sexuelle Belästigung anzeigen können, weil endlich ein „Nein“ genügen muss, wenn man keinen Sex haben will. Dass wir hier gute und effektive Gesetze haben, die auch umgesetzt werden, ist wichtig. Es ist aber nicht genug, Gesetze zu haben. Wir müssen auch die Menschen sensibilisieren – Justiz, Richter – alle müssen verstehen, was Gewalt eigentlich ist. Und wir müssen viel mehr in die Öffentlichkeit gehen, weil es in einer Gesellschaft nicht akzeptabel sein darf, Frauen zu erniedrigen und Frauen zu missachten.

Weil Sie gerade das neue Sexualstrafrecht ansprechen: das heißt, vor einem Jahr hätte ich keine Rechtsmittel gehabt, um sexuelle Übergriffe in der U-Bahn anzuzeigen?

Es war nicht strafbar, es hätte eigentlich vorher keine Möglichkeiten gegeben. Vor allem, wenn der Täter unbekannt ist, hat man es schwer. Im Vergleich dazu ist es am Arbeitsplatz sehr wohl strafbar. Im öffentlichen Raum war das eben nicht möglich. Die Frage ist, ob es Frauen jetzt wirklich anzeigen – das ist noch einmal eine andere Geschichte. Wichtig ist aber, dass es im Gesetz steht und dass es eine Möglichkeit gibt, Anzeige zu erstatten.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit und die der Frauenhäuser in Österreich viel Anerkennung und Unterstützung erhalten hat, seitdem es sie gibt?

Frauenhäuser bekommen laufend Unterstützung, auch von politischer Seite. Es ist natürlich nie genug. Die Frauenhäuser kämpfen permanent mit vielen Problemen. Die bundesländerübergreifende Aufnahme von Frauen ist in Österreich sehr schwierig - aufgrund des Föderalismus und weil Landesregierungen zuständig sind für die Finanzierung der Frauenhäuser. Wenn eine Frau zum Beispiel aus Oberösterreich nach Kärnten ziehen will, ist das oft gar nicht möglich. Da muss man immer viel verhandeln. Diese Frauen fühlen sich bedroht und wollen weiter wegziehen, um sich sicher zu fühlen. Wir kämpfen schon lange gegen diese strikten Regelungen. Da brauchen wir politische Unterstützung. Oder bei Asylwerberinnen: manche Bundesländer können keine Flüchtlingsfrauen und Asylwerberinnen aufnehmen, weil es die Fördergeber nicht erlauben. In Niederösterreich müssen die Frauenhäuser selber die Kosten übernehmen.

Das heißt: in fast ganz Österreich dürfen Asylwerberinnen nicht in Frauenhäuser ziehen?

So in etwa. Weil sie dann aus der Grundversorgung hinausfallen und somit finanziell in einem anderen Topf liegen. Hier wird immer genau darauf geachtet, wer was zahlt. Daher gibt es so strikte Regelungen. Manche Frauenhäuser können Flüchtlingsfrauen nur ganz kurz aufnehmen und dann müssen sie wieder zurück in Flüchtlingsheime. Und das ist ein Punkt, der nicht akzeptabel ist. Auch Asylwerberinnen haben einen legalen Aufenthaltsstatus in Österreich und haben ein Recht auf Schutz und Sicherheit, genauso wie andere Frauen. Alle Frauen haben das Recht auf Schutz und Sicherheit.

In wie vielen Bundesländern ist es nicht möglich, dass Asylwerberinnen aufgenommen werden?

Eigentlich kann man fast sagen: in 6 von 9 Bundesländern ist es nicht möglich bzw. nur sehr schwer möglich sie aufzunehmen. Entweder gibt es Platzprobleme oder strikte Regelungen dagegen. Oder die Frauenhäuser müssen selber die Kosten übernehmen.

Ist die derzeitige Debatte dann nicht etwas heuchlerisch - auf der einen Seite zu behaupten, alle männlichen Asylwerber seien Gewalttäter, und es auf der anderen Seite "deren" Frauen nicht einmal möglich zu machen, Schutz zu suchen?

Ja, es ist schon heuchlerisch. Weil wir einfach selber viel mehr bei uns tun müssen, um allen Schutz und Sicherheit anzubieten. Man kann nicht sagen, dass es in diesen „Kulturkreisen“ mehr Gewalt gibt als in österreichischen Familien. Migrantinnen sind aus anderen Gründen heftigerer Gewalt ausgesetzt, weil sie weniger Perspektiven haben, weniger Möglichkeiten haben, zu flüchten. Migrantinnen haben oft weniger Vertrauen zur Polizei, wenden sich auch deshalb weniger an die Polizei, weil sie Angst haben, vielleicht auch schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das sind Hürden, die nicht von den Migranten kommen, sondern weil die Frauen Angst haben und nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Sie sind auch zu wenig über die rechtlichen Regelungen in Österreich informiert. Der Täter kann das natürlich sehr gut ausnützen. Daher sind sie oft auch sehr isoliert und wissen oft nicht, wie sie entkommen können. Das hängt mit der Situation von Migrantinnen zusammen. Sie kommen schwerer heraus aus Gewaltbeziehungen. Man kann aber nicht sagen, dass in migrantischen Communities Gewalt häufiger vorkommt.

Sind Sie als Verein mit Kritik an Ihrer Existenz konfrontiert?

Es kommt immer wieder vor. Wir sind ab und zu mit Meinungen von rechtskonservativer Seite konfrontiert – Politikerinnen oder Politiker, die sagen, dass Frauenhäuser nur für österreichische Frauen da sein sollten, der Staat soll nicht so viel für Migrantinnen ausgeben. Manche sagen, Frauenhäuser zerstören die Familien, weil sich dann Frauen von ihren Partnern trennen wollen. Wir sagen immer: Gewalt zerstört die Familie. Wenn es keine Frauenhäuser geben würde, dann würden vermutlich noch viel mehr Frauen ermordet werden und dann hätten wir wahrscheinlich noch eine höhere Zahl an Übergriffen und schweren Delikten. Frauenhäuser sind überlebensnotwendige Einrichtungen für Frauen und Kinder.

Maria Rösslhumer ist Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser.

Die Frauenhelpline gegen Gewalt bietet rund um die Uhr und anonym gratis telefonische Erst- und Krisenberatung für Frauen, Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betrof­fen sind: 0800/222 555.

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