Gesucht: Ein*e Nachtbürgermeister*in für Wien

In einigen Städte gibt es die Service-Stelle Nachtbürgermeister*in schon. Auch in Österreich wünscht man sich eine Vermittlungsperson für späte Stunden. Aber was steckt eigentlich hinter dem Konzept und wozu brauchen wir das?

NachtbürgermeisterIn Wien

Wenn in der Hauptstadt wieder mal die Forderung nach einem/r Nachtbürgermeister*in laut wird, dann muss Wiens Bürgermeister Michael Ludwig nicht um seinen Job fürchten. Unter dem/der so genannten Nachtbürgermeister*in versteht man vielmehr eine Vermittlungsperson zwischen Betrieben der Nachtszene und Behörden, der/die Konflikte entschärfen und Konzepte entwickeln soll. In Amsterdam, Zürich oder Mannheim gibt es eine solche Person schon - mit großem Erfolg, wie die letzten Jahre zeigen.

Nun wünscht sich auch die Wiener Szene einen solchen Posten für die Hauptstadt. Seit mittlerweile anderthalb Jahren engagieren sich Institutionen des Wiener Nachtlebens bereits dafür. Clubs wie die Grelle Forelle, die Arena, das Techno Café, Horst oder Kollektive wie Hausgemacht und Heimlich fordern im Rahmen der Initiative "N8BM" ("N-acht-bürgermeister") eine Vermittlungsstelle zwischen Clubs, Behörden und AnrainerInnen. Unterstützung erhalten sie auch aus der Zivilgesellschaft - und einigen Parteien.

Warum braucht es eine/n Nachtbürgermeister*in?

"Einen Club in Wien zu betreiben oder veranstalten kann schon sehr komplex sein. Das liegt aus Sicht der ClubbetreiberInnen und VeranstalterInnen an schwer erfüllbaren Auflagen, bürokratischen Hürden, langen Bearbeitungsverfahren und einem ständigen Beigeschmack der Ungewissheit, dass auch bei Einhaltung der Vorgaben Komplikationen auftreten können", begründet Martina Brunner, Co-Initiatorin von "N8BM", ihr Begehren nach einem/r Nachtbürgermeister*in. "Auch AnrainerInnen haben schon den ein oder anderen Club in Wien zum Zusperren gebracht", gibt Brunner weiter zu bedenken. Tatsächlich sind die behördlichen Auflagen für BetreiberInnen oft ein Hindernis, wer neue Konzepte andenkt, überlegt sich das oft zweimal.

Der Mannheimer Nachtbürgermeister Hendrik Meier berichtet vergangene Woche bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der "N8BM"-Initiative, welche Vorteile seine Stelle gebracht hat. Mannheim ist die erste deutsche Stadt die, nach intensiver ziviler Beteiligung, eine solche Servicestelle eingeführt hat. Als Vermittlungsperson erleichtert Meier die Kommunikation zwischen Betrieben und Behörden und hilft, wenn etwa die Bearbeitung eines Antrages wieder einmal zu lange dauert. Das Thema Lärm ist freilich eines, das den Nachtbürgermeister ständig beschäftigt. Hier gilt es Lösungen zu erarbeiten, die sowohl AnrainerInnen als auch Betrieben entgegenkommen.

Ein weiterer Punkt, den man in Mannheim umsetzen konnte, ist die kreative Nutzung von Leerstand im Ort. Auch hier konnten temporäre Konzepte zum Wohle der Stadt umgesetzt werden. In Wien sind solche Zwischennutzungen ebenfalls möglich, und das nicht unerfolgreich: Der Wiener Club Horst war ein solches Projekt, das letztlich fast zwei Jahre lang bestand.

Und warum gibt es das in Wien noch nicht?

Bei der Stadt Wien tritt man der Forderung nicht ganz so enthusiastisch entgegen. "Es stellt sich die Frage, warum die Bereiche des 'Tagesgeschäfts' und des 'Nachtlebens', die gut funktionieren, plötzlich 'neu' erfunden werden müssen? Wozu hier plötzlich Doppelgleisigkeiten oder eine Zweiklassengesellschaft einziehen?", erklärt eine Pressesprecherin der Wiener Magistratsdirektion auf WIENERIN-Anfrage. Schließlich würden BetreiberInnen eines Wirtshauses im Tagesgeschäft ja weiterhin wie bisher um Genehmigungen ansuchen müssen, "einen Sonderbetreuer" allein für Clubs halte man daher für wenig sinnvoll. Außerdem sei es schwierig Wien mit anderen Städten zu vergleichen, seien doch die die Zuständigkeiten zwischen Stadtverwaltung und Polizei jeweils anders aufgeteilt.

Trotzdem zeigt sie die Stadt Wien gesprächsbereit, wie auch Brunner von "N8BM" gegenüber der WIENERIN bestätigt. Man stünde in "sehr konkreten Austausch mit diversen PolitikerInnen und StadtverwalterInnen", für eine Umsetzung der Forderung bräuchte es aber vor allem das "volle Commitment der derzeit rot-grünen Regierung".

Offenbar scheinen sich einige auch an der Bezeichnung "Nachtbürgermeister*in" zu stoßen - diese sei laut Brunner mittlerweile jedenfalls vom Tisch. Stattdessen könnte die Stelle als Art "Ombudsmann/frau" bezeichnet werden, "die/der sich zukünftig als InteressensvertreterIn für 'Konfliktlösungen, Sperrstunden, Lärmbelästigungen etc.' einsetzt", heißt es auch aus der Magistratsdirektion der Stadt Wien. Dass Handlungsbedarf besteht, ist auch der Stadt bewusst: Mit dem kommenden Rauchverbot dürften sich nämlich auch in Wien die Lärmbeschwerden häufen. Man müsse sich daher diesen Fragen "angesichts des boomenden Nachtlebens und des Rauchverbots vor allem im Zusammenhang mit 'Lärmbelästigung der Wohnbevölkerung bei Lokalen' sicherlich verstärkt stellen", räumt die Stadt Wien ein.

Was hat eine Nachtbürgermeister*in mit sexueller Belästigung zu tun?

Bei der Stelle des/der Nachtbürgermeister*in geht es aber eben nicht nur darum, genervte AnrainerInnen zu besänftigen und entnervten Club-BetreiberInnen unter die Arme zu greifen, wie der Mannheimer Nachtbürgermeister unter Beweis stellt. Erfolgreiche Konzepte aus Mannheim zeigen, wie eng die Stelle auch mit Awarness-Maßnahmen verwoben ist. Neben dem Behördendurchblick soll es schließlich auch Ziel der engagierten Person sein, für ein friedvolles und gefahrenfreies Miteinander in der Nacht zu sorgen. Um das Fortgehen für Frauen noch sicherer zu machen, rief man in Mannheim etwa die Initiative "Luisa ist hier" aus - die über die deutschen Grenzen hinweg mittlerweile Erfolg hat (zum Beispiel aktuell in Innsbruck). Mithilfe des Codewortes sollen sich Frauen an der Bar niederschwellig an das Personal wenden können und Hilfe erhalten. Das "Frauennachttaxi", eine weitere Maßnahme, unterstützt Frauen ebenfalls im Falle einer sexuellen Belästigung. Betroffene Mädchen und Frauen können in den Mannheimer Clubs um eine Fahrt nach Hause bitten, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Sie können die Wartezeit in einem "Safe Space" der Betriebe verbringen, das Taxi bringt die Frauen danach nach Hause - sieben Euro der Fahrtkosten werden von der Stadt übernommen.

Versuche, das Nachtleben für Frauen sicherer zu machen, gibt es aber auch in Wien. Einige Wiener Clubs setzen selbstständig auf Aufklärung innerhalb der eigenen Veranstaltungsräume (mehr dazu hier), die kürzlich gestartete Kampagne "Rettungsanker" der Stadt Wien, zielt ebenfalls darauf ab, mehr Personal im Bereich der sexuellen Belästigung zu schulen und zu signalisieren, wer im Club im Notfall als AnsprechpartnerIn dient.

... und den Drogen?

Andere Awarness-Maßnahmen betreffen den Drogenkonsum in Clubs. Auch hier leisten die Nachtbürgermeister*innen wichtige Aufklärungs- und Schulungsarbeit, wie Beispiele aus Zürich oder Mannheim zeigen. Auch in Wien gibt es mit Check-It die Möglichkeit seine Drogen kostenlos und niederschwellig testen zu lassen. Obwohl bei einigen Wiener Clubs das Interesse an solchen Angeboten durchaus gegeben ist, fürchten viele um ihren Ruf. Einen offeneren Umgang mit Drogen könnte man in der Öffentlichkeit oder den Medien falsch verstehen, außerdem fürchten BesitzerInnen noch schärfere Kontrollen durch die Polizei. NEOS-Wien-Clubsprecher Markus Ornig, dessen Partei mittlerweile seit über drei Jahren auf einen Nachtbürgermeister pocht, hält einen Ausbau von Check-It-Stellen für "unbedingt" notwendig: "Eine Endkriminalisierung von Drogen würde natürlich extrem helfen. Der illegale Handel und die damit verbundene Kriminalität ist ein riesiges Thema in der Nachtwirtschaft und die Betreiber und Veranstalter stoßen hier sehr stark an ihre Grenzen", gibt Ornig zu bedenken. Bei der Stadt Wien gibt man sich auf WIENERIN-Anfrage eher wortkarg, was den Ausbau solcher Awarness-Projekte betrifft. "Sowohl die Präventionsmaßnahmen als auch jene Maßnahmen, die direkt bei den unterschiedlichen Zielgruppen wirken, werden laufend angepasst und weiterentwickelt, um jene, die betroffen sind, weiterhin gut erreichen zu können", heißt es da seitens der Magistratsdirektion.

Nachtbürgermeister*in, Ombudsfrau oder Spritzerbeauftragte

Dass bei der Stadt in Sachen Nachtleben gleich in mehreren Bereichen Aufholbedarf besteht, dürfte allen AkteurInnen klar sein. Wo es den einen vor allem um Gewinnmaximierung geht, immerhin handelt es sich hier um einen Wirtschaftszweig der jährlich knapp eine Milliarde Euro einbringt, stehen für die anderen Bürokratieabbau oder Stadtentwicklung im Vordergrund.

Ähnlich wie in Mannheim dürfte auch in Wien das zivile Engagement eine wichtige Rolle in der Umsetzung einer Nachtbürgermeister*innenstelle spielen. Ob man sich schließlich auf den Namen Nachtbürgermeister*in, Nachtstadtrat/-rätin, Ombudsmann/-frau, Nachtwache oder Spritzerbeauftragte/r einigt, dürfte den meisten WienerInnen herzlich egal sein - solange sich etwas zum Positiven ändert.

 

Aktuell