Gestatten: Sebastian Wendelin, wunderbar wandelbar

Der aufstrebende Schauspieler über Style, Nacktszenen und Zweifel am Künstler-Dasein.

Ob als „dünner vetter“ in Ferdinand Schmalz‘ „jedermann (stirbt)“, „Florindo“ in Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“ oder als Kurzzeit-Despot „Florian“ in „Der Rüssel“ von Wolfgang Bauer – Schauspieler Sebastian Wendelin begeistert derzeit in den unterschiedlichen Rollen am Burg- und Akademietheater. Dass er auf die Bühne muss, war dem sympathischen Wiener schon im Alter von vier Jahren klar: „Ich habe aus einer geplant 15-sekündigen Bühnenüberquerung einen eineinhalbminütigen Auftritt hingelegt. Durch die Schlitze meines Waldtroll-Kostüms habe ich die Leute im Publikum gesehen. Da war keine Angst, da war diese große Lust“, erzählt er der WIENERIN. Diese unbändige Spielfreude treibt ihn bis heute an. Warum er am liebsten Anzüge trägt und was neben Reisen („Ich bin noch nicht aus Europa hinaus gekommen“) und Stepptanz erlernen sonst noch am Programm steht, hat er uns im Gespräch verraten.

WIENERIN: In Vorbereitung auf unser Treffen habe ich im Internet recherchiert. Dir liegt nicht so viel daran, dich zu präsentieren, kann das sein?

Sebastian Wendelin: Ich versuche mich weitgehend zu verstecken. Nein Spaß, ich weiß auch nicht. Mir liegt nicht so viel daran, meine Zeit mit Facebook etc. zu verbringen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sich da wirklich viel Mühe geben, Bilder posten und über ihre aktuellen Produktionen berichten und so. Ich bin da wohl sowas wie ein digitaler Dinosaurier. Ich denke mir: Ich mache meine Arbeit als Schauspieler, darin drück ich mich aus und gut so.

Eigentlich ist unsere Modechefin auf dich aufmerksam geworden. Liegt auch vielleicht an deinem Style?

Sebastian Wendelin: Oh, wirklich? Ich kann jetzt nicht sagen, dass mich Mode nicht interessiert. Sie spielt sich wie so vieles in meinem Leben sehr stark in Phasen ab. Im Moment ziehe ich an, was mir gefällt und denke da nicht länger darüber nach. Im Alter von 15 oder so hab ich angefangen, weite Anzüge zu tragen. Ich wollte immer wenig körperbetonte Kleidung tragen, so eine Art „Gypsy-Style“. Eine Zeit lang habe ich mich wirklich sehr angestrengt, so auszusehen, als hätte ich mir keine Gedanken übers Outfit gemacht. Es hat mir Spaß gemacht, mich auf eine Art zu verkleiden.

Als Florian im „Rüssel“ hast du auch einige Kostümwechsel, stehst auch kurz nackt auf der Bühne. Wie war die Probenarbeit für dich?

Sebastian Wendelin: Zur Vorbereitung habe ich in einige Stücke von Wolfgang Bauer reingelesen. „Der Rüssel“ ist ja sein Erstlingswerk und ich sage jetzt mal – das merkt man auch. Es sind viele Ideen da, wie etwa Kritik an einem eigentümlichen Heimatbegriff, die Angst vor dem Fremden oder die Auswüchse des Kapitalismus. Aber das Stück ist nicht wirklich fertig, vieles bleibt eben assoziativ. Das hat die das hat die Arbeit schwierig und mitunter auch mühsam gemacht.

Wie deftig ist die Sprache bzw. wie sexuell aufgeladen ist denn das Bauer‘sche Frühwerk?

Sebastian Wendelin: Deftig würde ich das Ganze gar nicht nennen. Es ist eine absurde Geschichte. Wer mag, kann in dem ganzen Stück eine einzige sexuelle Metapher sehen. Es gibt Anspielungen, ja, aber das ist nicht unser Kernthema.

Wikipedia schreibt, du hattest mit vier Jahren deinen ersten Auftritt. War immer schon klar, dass du mal Schauspieler sein wirst?

Sebastian Wendelin: Nein, es hat sich eigentlich so ergeben. Mein Vater, Ernst Kovacic, ist Geiger, meine Mutter Keramikerin, ich bin also in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen. Als ich vier Jahre alt war, hat meine Mutter eine Opernproduktion ausgestattet. Meine drei Brüder und ich waren als Waldtrolle im Einsatz. Der Auftrag war, die Bühne zu queren was in etwa 15 Sekunden gedauert hätte, ich aber habe einen eineinhalb-minütigen Auftritt daraus gemacht. Ich weiß noch, wie ich da durch die Schlitze der Maske geblinzelt habe und mir gedacht hab: Oh ja, die vielen Leute da, das gefällt mir! Da war keine Angst, da war nur diese große Lust. Ich habe dann Kindertheater gemacht und später bei der Katholischen Jungschar gespielt. Dazwischen ist das Schauspielen aber auch in den Hintergrund gerückt. Es gab Phasen, wo ich Musik machen wollte oder schreiben. Aber ich habe bald gemerkt, am Schreibtisch da ist mir zu wenig Bewegung. Ich muss meinen Körper benutzen, um mich auszudrücken.

Vor zehn Jahren hast du den Nestroy als bester Nachwuchsschauspieler bekommen. Was ist danach passiert?

Sebastian Wendelin: Wahnsinn! Zehn Jahre ist das her. Der Preis war natürlich super, ich hab interessante Angebote bekommen und habe mich dann nach sieben Jahren Off-Szene in Wien dazu entschieden, ein Fixengagement in Deutschland anzunehmen. Kein unwichtiger Schritt für einen österreichischen Schauspieler auch mal die Arbeitsweisen im Ausland und dann noch ein einem großen Haus wie das Staatsschauspiel Dresden kennenzulernen. Es war eine wahnsinnig aufregende und lehrreiche Zeit. Ich habe parallel bis zu 14 Stücke gespielt.

Wie bitte? Vierzehn Stücke! Wie kann man sich da die Texte merken?

Sebastian Wendelin: Interessanterweise ist das überhaupt kein Problem. Es ist ja nicht so, dass man alles an einem Tag abspulen muss, man kann ja dazwischen wieder mal ins Buch reinschauen. Textlernen fällt mir zum Glück sehr leicht, ich habe ein extrem gutes Körpergedächtnis. Also, der Text, der setzt sich bei mir im Körper fest, in meinen Bewegungen, im Ellbogen, im Knie, wo auch immer. Kollegen, die Sätze einer Rolle, die sie vor zehn Jahren einmal gespielt haben, aus dem Nichts zitieren können, sind mir ein Rätsel. Bei mir ist das wie gesagt eher im Körper. Wenn ich in der Rolle bin, wenn ich meine Wege mache, dann ist der Text automatisch wieder da.

Hast du während deiner Zeit in Deutschland Wien jemals vermisst?

Sebastian Wendelin: Meine Familie und Freunde schon. Vor allem dann, wenn es mir einmal nicht so gut gegangen ist. Wien selbst jetzt nicht wirklich. Ich hatte zu Wien zunächst auch eine ambivalente Beziehung. Ich bin hinterm Bisamberg aufgewachsen und erst mit 13 in die Stadt gezogen, es hat eine Zeit gedauert, bis wir Freunde wurden. In der Pubertät war es natürlich toll. Während meiner Zeit in Dresden bin ich immer, wenn ich nach Wien gefahren bin, als erstes zum Yppenplatz ins Café International auf ein Bier und Pljeskavica. Heute ist es nicht mehr ganz so toll dort, weil es alle ganz toll finden. Aber der belebte Platz, das Miteinander der Kulturen, das ist eine feine Sache. Heute wie damals. In Deutschland hatte ich manchmal Schwierigkeiten mit dem Humor. Wenn der Schmäh rennt und du sagst was und plötzlich sind alle still und empört. Da denkst du dir: In Wien hätten jetzt alle gelacht! In diesen Momenten, da hab ich mir dann doch die Wiener herbeigesehnt.

Wie hat sich die Stadt deiner Meinung nach verändert?

Sebastian Wendelin: Es hat sich so viel Gutes getan. Es ist heller geworden und bevölkerter. Und trotzdem es viel Neues und Schickes gibt, sind die schäbigen Ort nicht ganz verschwunden. Das mag ich. Ich weiß nicht, ob mich mein Gefühl täuscht, aber ich glaube, die Stadt ist auch jünger geworden.

Gilt das auch fürs Theater? Gehst du selbst gerne und schaust dir an, was die Kolleginnen und Kollegen so machen?

Sebastian Wendelin: Ich kann mir schon vorstellen, dass auch das Theaterpublikum jünger geworden ist. Es kommt halt immer auch drauf an, was geboten wird. Es braucht ansprechende Stücke und spannende Inszenierungen damit die Leute merken: Theater ist nicht verstaubt, Theater kann was! Ich selbst gehe sehr gerne, aber wenn ich selbst viel spiele oder probe und eh schon dreimal abends im Theater bin, dann entscheide ich mich an einem freien Abend auch mal gegen das Theater und für den Gastgarten oder das Kino.

Hast du manchmal Zweifel am Künstler-Dasein?

Sebastian Wendelin: Zweifel gibt es, klar. Für mich stellt sich aber weniger die Frage ob ich den richtigen Beruf habe, sondern, ob ich ihn so in der Form weitermachen möchte oder eben nicht. Existenzängste kenne ich glücklicherweise nicht. Ich bin Optimist und denke mir, ich komme schon immer irgendwie über die Runden. Für Kollegen, die weniger Kontakte haben und dazu vielleicht zwei Kinder ernähren müssen, ist es denkbar schwieriger. Ich hatte das Glück schon am Anfang meiner Karriere mit wirklich tollen Leuten zu arbeiten und das meist unter sehr fairen Bedingungen. Es sind nicht alle in so einer privilegierten Situation. In Dresden bin ich draufgekommen, dass viele Kollegen und vor allem Kolleginnen viel, viel weniger verdient haben. Das ist nicht einzusehen! Wir haben dann versucht, die Missstände aufzuzeigen und uns zusammenzuschließen, aber passiert ist wenig. Das Theater ist ja teilweise schon ein heuchlerischer Betrieb, wenn man bedenkt, dass auf der einen Seite die Gleichberechtigung die Divergenz und was weiß ich nicht, propagiert wird. Und dann siehst du, wer die Protagonisten sind. Das spiegelt unsere Lebensrealität nicht wider. Am Theater spielen immer noch zu 99 Prozent weiße Menschen, die gut ausschauen …

Was bringt die Zukunft?

Sebastian Wendelin: Ich bin jetzt seit drei Jahren wieder in Wien am Burgtheater, was wirklich großartig ist. Solange Karin Bergmann Intendantin ist, bleibe ich jetzt mal hier. Was danach kommt, wird man sehen. Für mich wäre es auch durchaus reizvoll wieder im Ausland zu arbeiten. Ich merke auch, dass ich große Lust daran habe, mich der Verantwortung einer Regiearbeit auszusetzen. Das ist also bestimmt mein nächstes künstlerisches Ziel: selbst gestalten!. Leuten, Lust darauf zu machen, Sachen auszuprobieren und die Angst vor dem Scheitern zu nehmen, das hat mir schon in der Zusammenarbeit mit Studierenden in Dresden viel gegeben.

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