Geschwister-formel

Eh klar, Eltern wollen das Beste für ihren Nachwuchs. Doch gibt es eine Formel für Familienglück? Etwa, wie viele Geschwister Kind braucht oder welcher Altersunterschied optimal ist? Forscher sagen: Jein.

Eine Szene, wie sie jeden Tag auf einem Spielplatz passieren könnte: Brigitte Blöchlinger trifft mit ihrer kleinen Tochter eine Nachbarin. „Gibt's noch Zuwachs?", fragt diese. Auf Blöchlingers „Nein" sagt die Nachbarin mit einem Blick auf das Kind: „Oh, das arme Mädel."


Menschen, die sich bewusst für ein Einzelkind entscheiden, gelten vielfach noch immer als Ego-Eltern, die ihrem Nachwuchs mit der Verweigerung von Geschwistern „schaden". Doch in fast der Hälfte aller österreichischen Familien lebt derzeit „nur" ein Kind (Quelle: Statistik Austria). Ist also 50 % der Generation Y bereits im Kindesalter das Lebensglück verbaut?

Brigitte Blöchlinger, Schweizer Autorin des Buchs Lob des Einzelkindes (€ 15,40, Krüger-Vlg.), zeigt dazu ganz klar: „Nein. Wenn Sie zufrieden und überzeugt von Ihrer Familiensituation sind, ist es schön fürs Kind. Dann kann es sich einfach ganz normal entwickeln. Auch ohne Geschwister."

Auch wenn sich derlei Klischees hartnäckig halten: Einzelkinder sind keine armen Teufel. „Zu 95 % sind die Persönlichkeiten von Geschwisterkindern und Einzelkindern gleich", zitiert Blöchlinger Studien. Danach sind Einzelkinder auch weder unangepasster noch neurotischer, depressiver oder asozialer. Sie können sogar eines besser als Geschwisterkinder: Teilen. Ein schlechtes Gewissen sollte daher niemals Ihre Entscheidungen bei der Familienplanung beeinflussen.

Nur ein Faktor von vielen. Fällt die Entscheidung für mehr als ein Kind, zerbrechen sich viele Eltern über das „Wann" den Kopf: Sollen besser ein paar Jahre mehr Altersabstand zwischen den Kindern liegen, damit das Erstgeborene nicht zu eifersüchtig ist? Oder, sagen wir, maximal 24 Monate, damit sie miteinander spielen können? „Sich darüber Gedanken zu machen, zeugt von hohem Verantwortungsbewusstsein", sagt Harald Werneck vom Institut für Entwicklungspsychologie der Universität Wien.

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Benjamin & Tillmann Prüfer: Mein Bruder (Scherz Verlag)
Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, machen sich in diesem humorvollen Buch auf die Spur ihrer einzigartigen Beziehung. Und auch wenn sie sich am Ende nicht ähnlicher geworden sind, sind sie sich dennoch näher gekommen.

Brigitte Blöchlinger: Lob des Einzelkindes. Das Ende aller Vorurteile (Krüger-Verlag)
Ob Sie selbst ein Einzelkind sind oder haben oder ob Sie mehrere Kinder Ihr eigen nennen: Dieses Buch entschärft die "Einzelkinder sind arme Teufel"-Diskussion. Die Autorin hat sich mit allen wichtigen Einzelkind-Studien eingehend befasst und trägt in ihrem Buch die Ergebnisse zusammen. Derart gut gerüstet kann man sich damit in jede Eltern-Diskussion stürzen ...

Hartmut Kasten: Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute (Reinhardt-Verlag)
In diesem Buch versammelt die Koryphäe der deutschsprachigen Geschwisterforschung, der Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge Hartmut Kasten, alles, was man zum Thema wissen sollte - ob es um die frühen Phasen zwischen Geschwistern geht, Probleme, die auftauchen können oder worin die besonderen Herausforderungen in Familien mit Stief- oder Adoptivgeschwistern liegen. Ein Muss für interessierte Eltern!

„Es gibt ihn bloß nicht, den besten Altersabstand. Auch wenn manche Studien es suggerieren." Natürlich mache es einen Unterschied, wie viele Jahre zwischen den Kindern liegen. Aber: „Der Altersabstand wirkt nur als einer von vielen Faktoren auf die Qualität der Geschwisterbeziehung ein." Hinzu kommt: Jedes Kind erlebt ihn anders. In der Geschwisterforschung hütet man sich daher vor Verallgemeinerungen.

Druck raus. Was die Forschung sagen kann: Je geringer der Altersabstand, desto wahrscheinlicher ist eine große Nähe zwischen den Geschwistern. Gut, oder? Ja und nein: Große Nähe impliziert mehr emotionale Verbundenheit und Verständnis. Aber eben auch mehr Rivalität und Abhängigkeit.

„Für den einen wirkt große Nähe und damit auch Konkurrenz motivierend. In anderen Fällen kann ein schwächeres Geschwister daran zerbrechen", sagt Experte Werneck. Es gibt also kein Patentrezept, wohl aber einen Tipp: Viel stärker als vorhandene oder nicht vorhandene Brüder und Schwestern beeinflussen nämlich Eltern den Charakter der Kinder. „Statt unbedingt zu vermeiden, ein Einzelkind zu haben, sollten Sie lieber einen ungeduldigen und unfreundlichen Erziehungsstil vermeiden", rät Brigitte Blöchlinger.

Und egal, ob es um die Frage nach dem vermeintlich besten Altersabstand zwischen Geschwistern oder der optimalen Kinderzahl geht: „Solche Überlegungen erzeugen nur unnötigen Druck", sagt Blöchlinger.

Und was wollen Sie? Wenn Eltern sich dennoch Gedanken machen wollen und müssen, dann darüber, was SIE wollen - zum Wohle des Nachwuchses. Denn sind sie (noch) nicht bereit für ein zweites Kind, kann sich das ungünstig auf die Beziehung der Geschwister auswirken.

 

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