Geschwister- Bande

... und ich sage dir, wer du bist? Von wegen! Brüder und Schwestern prägen unsere Persönlichkeit nicht so stark, wie wir glauben, sagt Hartmut Kasten. Im WIENERIN-Interview räumt der bekannteste deutschsprachige Geschwisterforscher auch gleich noch mit ganz anderen Klischees auf.

Herr Kasten, warum beschäftigt es uns auch als Erwachsener noch, wenn in der Beziehung zu Schwester oder Bruder Sand im Getriebe ist?
Offenbar tun wir uns leichter mit einer gescheiterten Partnerschaft oder unglücklichen Freundschaft, als mit Geschwisterbeziehungen, in denen etwas schiefläuft. Das liegt wohl an der „mystischen" Nähe zwischen Geschwistern. Wissenschaftlich nachweisen lässt sich dieses Mystische zwar nicht. Doch die Tatsache, in ein System hineingeboren zu werden, das wir uns nicht aussuchen können und mit dem wir uns arrangieren müssen, scheint für unsere Persönlichkeit ein höheres Eigengewicht zu besitzen.

Wie sehr prägen uns die Geschwister denn?
Im Vergleich zu früheren Generationen nicht mehr so stark. Auch weil sie weniger Kinder haben, sind Eltern heute sensibler für die Fähigkeiten und Talente, die in jedem ihrer Kinder schlummern. Sie gehen in ihrer Erziehung stärker auf diese ein, statt ihre Vorstellungen in die Seele der Kinder zu projizieren. Daher haben es heutige Kinder ein wenig besser: Sie werden individueller erzogen.

Wäre ich denn ein anderer Mensch ohne meine Brüder?
Schauen Sie: Wir verändern uns ein Leben lang. Moderne Entwicklungspsychologen verwenden den Begriff „Prägung" nur noch ungern, weil er etwas Dauerhaftes, Unwiderrufliches suggeriert. Genau das scheint aber nicht der Fall zu sein. Wir sind heutzutage sehr flexibel, und auch unsere Persönlichkeit erfinden wir immer ein Stück weit neu.

Ich mag noch immer nicht glauben, dass es für die Entwicklung meiner Persönlichkeit nicht wichtig gewesen sein soll, mit zwei Brüdern aufzuwachsen ...
Dann überzeuge ich Sie mit einer Zahl: Der Einfluss unserer Geschwister auf unsere Persönlichkeitsentwicklung liegt bei unter fünf Prozent! Viel wichtiger für die Ausbildung unserer Persönlichkeit sind Eltern - aber auch Gleichaltrige, Partner und Idole, die über die Medien transportiert werden. Sogar einschneidende Lebensereignisse können entscheidender sein als das, was mit unseren Geschwistern passiert ist. Letztlich können Sie natürlich all diese Einflüsse nicht auseinander dividieren oder Ihren Charakter in Bestandteile zerlegen à la „Die Egozentrik habe ich von Papa, die jähzornige Ader von Mama. Und dass ich ständig Streit suche, liegt an meinen Brüdern, mit denen ich ständig gezankt habe." Nein, so einfach ist es nicht.

Doch so einfach machen wir es uns: Jeder kennt solche Zuschreibungen, von wem man welchen Charakterzug haben soll oder für welche Eigenschaften die Geschwisterposition zuständig ist.
Ja, leider denken wir alle in schlichten Zusammenhängen. Daran ist unser Hirn schuld: Es fasst am besten ca. drei Variablen. Mit mehr sind wir überfordert. Doch wenn man Charakter psychologisch erklären will, muss man in vernetzten Zusammenhängen komplexer Natur denken.

Hartmut Kasten ist Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher

Kontakt: www.hartmut-kasten.de

Benjamin & Tillmann Prüfer: Mein Bruder (Scherz Verlag)
Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, machen sich in diesem humorvollen Buch auf die Spur ihrer einzigartigen Beziehung. Und auch wenn sie sich am Ende nicht ähnlicher geworden sind, sind sie sich dennoch näher gekommen.

Brigitte Blöchlinger: Lob des Einzelkindes. Das Ende aller Vorurteile (Krüger-Verlag)
Ob Sie selbst ein Einzelkind sind oder haben oder ob Sie mehrere Kinder Ihr eigen nennen: Dieses Buch entschärft die "Einzelkinder sind arme Teufel"-Diskussion. Die Autorin hat sich mit allen wichtigen Einzelkind-Studien eingehend befasst und trägt in ihrem Buch die Ergebnisse zusammen. Derart gut gerüstet kann man sich damit in jede Eltern-Diskussion stürzen ...

Hartmut Kasten: Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute (Reinhardt-Verlag)
In diesem Buch versammelt die Koryphäe der deutschsprachigen Geschwisterforschung, der Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge Hartmut Kasten, alles, was man zum Thema wissen sollte - ob es um die frühen Phasen zwischen Geschwistern geht, Probleme, die auftauchen können oder worin die besonderen Herausforderungen in Familien mit Stief- oder Adoptivgeschwistern liegen. Ein Muss für interessierte Eltern!

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Sprich: Mit Kategorisierungen wie „der dominante Erstgeborene" kommt man nicht weit?
Solche Klischees stammen aus der frühen Geschwisterforschung. Heute spielen sie eigentlich keine Rolle mehr.

Aber Klischees sind hartnäckig. Heutige Thirtysomethings kennen diese Zuschreibungen und glauben daran. Am Ende werden die Stereotypen doch wahr, weil man sie immer wieder gehört hat?
Wenn Eltern immer wieder auf den alten Klischees herumreiten: ja. Dann erfüllen sie sich durch das stereotype Verhalten der Eltern ein Stück weit, es entstehen selbsterfüllende Prophezeiungen. Oder aber es passiert genau das Gegenteil: Geschwister entziehen sich dem Familienverband und gehen eigene Wege. Weil sie ihr Leben lang darunter leiden, dass ihnen z. B. als jüngstem Kind immer wieder der große Bruder als Vorbild unter die Nase gerieben wurde. Wie auch immer: Solche Zuordnungen von irgendwelchen Eigenschaften sind Gift für die Geschwisterbeziehung!

Aber sind mittlere Kinder nicht tatsächlich besonders diplomatisch? Das belegen doch Untersuchungen.
Ja, etlichen mittleren Geschwistern wurde tatsächlich eine hohe soziale Kompetenz nachgewiesen. Aber dieses Ergebnis müssen Sie relativieren - weil es auch andere Gründe haben kann. Etwa, dass die Eltern vermittelnd eingegriffen und dem mittleren Kind besondere Ich-Stärke vermittelt haben. Somit hätten die Sandwichkinder ihre diplomatische Kompetenz durch das elterliche Intervenieren erworben. Alles ist denkbar und machbar! Wie was zusammenhängt, muss man am Einzelfall (er-)klären.

Eines jedoch können wir mit Bestimmtheit festhalten: Geschwister sind verschieden. Warum eigentlich?
Einerseits ist es Sache der Genetik, also: Zufall. Im statistischen Durchschnitt haben Geschwister ca. 50 % gemeinsame Gene. Andererseits entsteht die Verschiedenheit zwischen Geschwistern so: Je ähnlicher sich Geschwister von den Genen und vom subjektiven Erleben her erleben, desto mehr vergleichen sie sich - und rivalisieren miteinander - um sich voneinander abzugrenzen.

Warum suchen denn Geschwister, die sich als ähnlich erleben, nicht den Schulterschluss? So wie eineiige Zwillinge, die das Gleichsein ja oft zelebrieren?
Offenbar wirkt da die Vergleichs- und Konkurrenzgesellschaft auf uns. Es kann aber auch in den Geschwistern selbst wurzeln: Rivalität dürfte tief in unserer genetischen Struktur verwurzelt sein.

Was bedeutet diese Erkenntnis für Patchworkfamilien?
Im Vergleich zu leiblichen Geschwistern nehmen bei Halb- oder Stiefgeschwistern die Ähnlichkeiten und damit das Rivalitätspotenzial ab. Die Unterschiede werden größer, der Zwang, sich voneinander abzugrenzen, geringer. Und das bedeutet weniger Anlass für Streits.

 

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