"Germany's Next Topmodel ist eine Anleitung zur Essstörung"

"Ich bin nicht wegen Germany’s Next Topmodel magersüchtig geworden, dennoch hat es eine Rolle gespielt", sagt eine Betroffene im Buch "Warum seh' ich nicht so aus?" Wir sprachen mit der Autorin Dr. Maya Götz.

"Ich bin nicht wegen Germany’s Next Topmodel magersüchtig geworden, dennoch hat es eine Rolle gespielt", sagt eine Betroffene im Buch "Warum seh' ich nicht so aus?", das von Dr.in Maya Götz vom Bayrischen Rundfunk gemeinsam mit der Essstörungstherapie-Organisation ANAD im Jahr 2015 veröffentlicht wurde. Zwei Drittel der Patientinnen hatten ausgesagt, dass „Germany’s Next Topmodel“ einen großen bis sehr großen Einfluss auf die Entstehung ihrer Essstörung gehabt hätte.

Wir sprachen mit der Autorin Dr.in Maya Götz über ihre Studie, die Zusammenhänge zwischen der Sendung und den Esstörungen junger Frauen und was wir ändern müssen, damit junge Mädchen sich nicht mehr nur über ihre Körper definieren.

„Germany’s Next Topmodel“ ist jetzt schon beim Finale der elften Staffel angelangt. Was hat die Sendung in den zehn Jahren ihres Bestehens erreicht, Ihrer Meinung nach?

MAYA GÖTZ: Im Prinzip ist es die erfolgreichste Sendung für junge Frauen, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Wenn man sich die Quoten direkt ansieht, erkennt man: bei den allgemeinen Zuschauern liegt die Sendung ein bisschen über dem Senderdurchschnitt von 10 Prozent, bei den 12- bis 23-Jährigen liegt die Quote bei 40 Prozent. Das heißt: es gibt eine ganz spitze Zielgruppe. „Germany’s Next Topmodel“ ist eine Sendung, die ganz gezielt für Mädchen ab 10 Jahren gemacht ist.

Warum spricht diese Sendung junge Mädchen so stark an?

In der Sendung geht es darum, dass junge Frauen ihren Traum leben. Es geht nicht darum, dass sie sich verlieben und auf der Suche nach Mr. Right sind. Es geht darum, dass sie lernen dürfen, sich entwickeln dürfen. Das macht die Sendung interessant. Hinzu kommt dieser Casting-Show-Aspekt: ich kann als Zuschauerin zwischen Bewunderung und Verachtung wechseln, auf die Protagonistinnen herunterschauen. Und natürlich will man einfach wissen, wie es weitergeht.

Wenn Mädchen in der Pubertät mit falschen Idealen bombardiert werden und ihnen gesagt wird, dass sich alle ihre Probleme in Luft auflösen, sobald sie abnehmen, dann ist das fatal.
von Maya Götz

In Ihrem Buch „Warum seh‘ ich nicht so aus?“ befassen Sie sich mit dem schlechten Einfluss von Sendungen wie GNTM auf junge Frauen und Mädchen. Welche negativen Folgen sind das konkret?

Zusehen ist ein Teil von Identitätsarbeit. Man darf die Mädchen und jungen Frauen nicht unterschätzen. Sie machen viel mit dem Inhalt, sie grenzen sich auch durchaus ab, aber ohne dass sie es merken, schleicht sich auch ein bestimmtes Schönheitsbild ein. Das ist sonst auch da, aber das wird hier noch einmal extrem. Und das Gefühl, dass es normal ist, so auszusehen wie die jungen Frauen bei GNTM. Das ist es aber nicht. Nur eine von 40.000 hat überhaupt die körperlichen Voraussetzungen. Der Durchschnitt ist nicht 1,76 Meter groß bei einer Kleidergröße von 36. So sieht einfach so gut wie keine aus. Das heißt: 99,998 Prozent können diesem Bild nicht gerecht werden. Wenn Mädchen anfangen, sich die Sendung anzusehen, oft mit 10 Jahren, haben sie das Gefühl, sie sind zu dick und sie reichen nicht von ihrem Körperbild her.

Werden also Essstörungen von solchen Sendungen gefördert oder sogar heraufbeschworen?

Zum einen fördert es nachweislich die kritische Haltung gegenüber dem eigenen Körper: mein Körper reicht dann einfach nicht mehr. Wenn ich sowieso schon die Disposition dazu habe, wird es natürlich schlimmer. Anfällig sind vor allem sehr leistungsorientierte Mädchen, Mädchen, die sich an die Ansprüche anderer anpassen wollen. Mädchen, die sehr perfektionistisch sind. Essstörungen sind sehr schwerwiegende psychosomatische Störungen. Sie gehen oft mit einer Identitätskrise einher. Wenn gerade in der Adoleszenz die Schule zu viel wird, die Eltern sich dauernd streiten, Liebeskummer dazukommt und alle diese Dinge passieren, die man nicht beeinflussen kann, dann ist oft das einzige, das man „beeinflussen“ kann, der eigene Körper und die eigene Nahrungsaufnahme. Und in diese Logik schlägt GNTM genau hinein.

Trägt der Sender auch eine gesellschaftliche Verantwortung, wenn er solche Inhalte breitenwirksam in die Welt schickt?

Auf jeden Fall. Weil diese Sendung ist ein Teil unserer Gesellschaft und hat somit auch eine Verantwortung. Es gibt hier ein klares geschlechterspezifisches Gefährdungspotenzial. Wenn Mädchen in der Pubertät, die sowieso schon eine schwierige Phase durchleben, mit falschen Idealen bombardiert werden und ihnen gesagt wird, dass sich alle ihre Probleme in Luft auflösen, sobald sie abnehmen, dann ist das fatal. Anstatt andere Wege zu suchen – sich zum Beispiel neue Freunde zu suchen – und das Selbstbewusstsein in anderen Bereichen zu finden, wird hier geradezu eine Anleitung zur Essstörung geliefert. Wobei man deutlich sagen muss: nach der Veröffentlichung unserer Studie wurde vieles von dem, was Auslöser für Essstörungen war, aus der Sendung entfernt. ProSieben hat sich zwar offiziell sehr aggressiv gegenüber unserer Studienergebnisse verhalten, aber wenn man genau hinsieht, haben sie schon versucht, die wirklich problematischen Dinge zu vermeiden.

Eine Essstörung ist eine heimliche Krankheit. Die Familien leiden leise, das Thema ist schambesetzt und es entsteht kein öffentlicher Aufruhr.
von Maya Götz

Zum Beispiel?

Pieksen in den Bauch zum Beispiel. Botschaften wie: „Wenn das hier wabbelig ist, ist es nicht gut“ oder „Das darf hier nicht squeezy sein“. Zu sagen: „Nimm ab, dann erledigen sich deine sozialen Probleme.“ „Sobald du zu viel isst oder das Falsche isst, bist du nicht gut genug, bist du ein Problem.“ Oder bis hin zu: „Wenn du dich nicht ausziehst, hast du hier keine Chance.“ Zumindest ansatzweise haben sie in dieser Staffel durchgelassen . Nun durfte eine junge Frauen auch mal ihrenWillen durchsetzen und musste sich nicht ausziehen. Diese absolute Anpassung, die wir seit zehn Jahren haben – „Wenn du nicht alles machst, wenn du dich nicht mit einem fremdem Mann in erotischen Positionen zeigst, wenn du dich nicht ausziehst, dann bist du weg vom Fenster“ – ist ein wenig besser geworden. Das Grundprinzip aber bleibt das gleiche.

Sollte GNTM verboten werden – oder sollte es Möglichkeiten geben, solche Inhalte zu sanktionieren?

Wir brauchen auf jeden Fall einen öffentlichen Diskurs. Das Bewusstsein, dass es hier ein geschlechterspezifisches Gefährdungspotential gibt. Wären das Jungs, die anfangen, andere Menschen krankenhausreif zu schlagen, hätte man sofort was getan. Aber da die Mädchen sich ja „selber schaden“ oder sich selber zu Tode hungern, wird es nicht thematisiert. Eine Essstörung ist eine heimliche Krankheit. Die Familien leiden leise, das Thema ist schambesetzt und es entsteht kein öffentlicher Aufruhr. Eine Therapeutin hat das einmal gut beschrieben: es ist die Krankheit der Braven. Was wir brauchen, ist eine kritische Haltung und den Konsens darüber, dass bestimmte Dinge nicht gehen. Wir brauchen mehr Medienkompetenz – gerade bei Müttern zum Beispiel. Wir brauchen insgesamt mehr Bewusstsein darüber, dass Mädchen mehr sind als ihre Körper. Wir brauchen Aufklärung über das Krankheitsbild Essstörung, das tiefgreifende Langzeitfolgen hat. Wir brauchen mehr Mütter, die nicht auf den Bauch ihrer Töchter schauen. Wir müssen endlich thematisieren, was ein psychisch gesunder Umgang mit Identität ist und wie wir Mädchen bestärken können und nicht niedermachen.

Maya Götz, Dr. phil., Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und des PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL. Studium an der PH Kiel – Lehramt an Grund- und Hauptschulen und Magistra der Pädagogik. Promotion an der Universität Gesamthochschule Kassel mit der Dissertation „Mädchen und Fernsehen“. Hauptarbeitsfeld: Forschung im Bereich “Kinder/Jugendliche und Fernsehen” mit internationaler und geschlechtersensibler Perspektive. Sie ist verheiratet, hat 2 Töchter, 7 und 11 Jahre, und veröffentlichte bisher über 200 wissenschaftliche Artikel, 13 Bücher und ist weltweit in Fortbildungen für Kinderfernsehredaktionen tätig.

 

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