Gehen oder bleiben? So sind wir mit unserer Krise umgegangen

Der großen Beziehungskrise folgt oft genug die Frage: Hat unsere Liebe noch eine Chance? Die WIENERIN bat drei Paare, zu erzählen, wie sie mit ihrer Krise umgegangen sind.

Judith, 23 & Max, 24

MAX: Unsere Krise kam in einer absoluten Ausnahmesituation: Ich lernte für eine große Prüfung, hatte vier Monate lang einen 15-Stunden-Tag und kaum ein Wochenende.

JUDITH: Trotzdem hast du dir Zeit für andere Sachen genommen. Am meisten wurde immer bei mir gespart.

MAX: Na ja, wir haben zusammen gewohnt. Da wird man irgendwann bequem und macht sich nichts mehr aus. Das war ein Fehler. Aber ich wusste, nach der Prüfung wird alles anders.

JUDITH: Deshalb habe ich ja dann auch beschlossen, abzuwarten und mich in Geduld zu üben.

MAX: Und eines Abends sitze ich mit einer Studienkollegin über den Büchern, schaue auf und ihr direkt in die Augen - da hat mich der Blitzschlag getroffen.

JUDITH: Er hat's mir sofort erzählt. Und ich war sehr verletzt: Das hatte ich nun davon, dass ich Verständnis gezeigt und keinen Druck gemacht hatte.

MAX: Ich war selbst ganz überrascht von diesem Gefühls-Salto. Aber ich kam schon nach einer Woche drauf, dass das nichts mit echten Gefühlen zu tun hatte. Ich wollte einfach diesen Druck nicht mehr: Prüfungs-Stress, Beziehungsknatsch - ich wollte ausbrechen und dachte, eine andere Frau wäre die Lösung. Eine Studienkollegin, die mich verstand, die nicht sauer war, weil ich bis ein Uhr früh in der Uni saß. Aber sie war eben nicht Judith. Und das wurde mir sehr bald klar.

JUDITH: Ich hatte mein Vertrauen verloren. Trotzdem haben wir nach viel Reden beschlossen, es noch einmal zu probieren. Und auch, dass alles anders werden muss.

MAX: Die erste Konsequenz war, dass ich jetzt zwischen zu Hause und Judith hin und her pendle. So sind wir gezwungen, uns ganz klar Treffen auszumachen. Und ich versuche, meinen Uni-Kram besser zu organisieren, um bewusst Zeit für Judith freizuhalten.

JUDITH: Das ärgert mich zwar immer noch, weil ich nicht verstehen kann, was es da zu organisieren gibt. Wenn man sich liebt, dann will man doch Zeit miteinander verbringen, was muss man da groß organisieren? Das kommt immer wieder hoch, und dann laufe ich Gefahr, ihm wieder Vorwürfe zu machen. Aber ich habe nbeschlossen, das nicht jedes Mal aufzuwärmen. Und ich versuche, Max öfter ausreden zu lassen. Oft kommt er gar nicht dazu, seine Gedanken zu erklären, weil wieder die Emotionen mit mir durchgehen.

Bettina, 32 & Robert, 33

BETTINA: Wir kamen mit Anfang 20 zusammen ...

ROBERT: ... waren vier Jahre zusammen. Aber im letzten Jahr unserer Beziehung merkten wir, dass wir völlig verschiedene Erwartungen ans Leben stellten.

BETTINA: Ich wollte ausgehen, er war lieber zu Hause. Ich hatte meine Freunde, er seine.

ROBERT: Sie wollte zusammenziehen, heiraten, Kinder. Ich wollte mein Studium zu Ende bringen und über so etwas wie Familie noch gar nicht nachdenken.

BETTINA: Ein Dreivierteljahr haben wir so gelebt. Aber unter der Oberfläche zog sich eine gewisse Unzufriedenheit durch, ohne dass es ausgespochen worden wäre.

ROBERT: Eines Tages rief mich Bettina an und sagte: Wir müssen reden.

BETTINA: Wir haben uns beim Heurigen getroffen, und ich habe es ausgesprochen: Etwas stimmt nicht mehr. Ich glaube, wir haben uns auseinander gelebt.

ROBERT: Es war uns dabei sehr wichtig, nicht in Schuldzuweisungen zu verfallen, sondern offen und ehrlich miteinander zu reden. Es gab nichts vorzuwerfen, nichts zu schreien: Es war einfach die Luft raus.

BETTINA: Gegenseitiger Respekt war uns immer sehr wichtig. Es gab da eine bestimmte Grundlinie im Umgang miteinander, die wir nie unterschritten haben.

ROBERT: In Beziehungen ist man ohnehin schon so verletzlich, da sind so viele Ängste und Sorgen, die mitschwingen. Man muss da nicht auch noch reinstechen, indem man respektlos zueinander ist.

BETTINA: Wir haben uns getrennt und einander Zeit gegeben, unser jeweiliges Leben neu zu ordnen. Ein halbes Jahr war Funkstille.

ROBERT: Aber nicht erzwungen, sondern es hat sich so ergeben. Jeder konnte sich um sich selbst kümmern, seine Prioritäten klären und herausfinden, was er will vom Leben.

BETTINA: Als wir uns dann wieder getroffen haben, wurden wir Freunde. Robert gehört zu meinem Leben. Und als ich letzten Sommer geheiratet habe, war Robert unser Trauzeuge.

ROBERT: In gewisser Weise haben wir heute mehr voneinander als früher. Weil diese Verletzlichkeit einer Beziehung nicht mehr da ist. Wir können über alles reden und einander voll und ganz vertrauen. Und das hätten wir verloren, wenn wir nicht so sorgsam miteinander umgegangen wären.

Susanne, 32 & Andreas, 36

ANDREAS: ... Da war wohl schon einige Zeit eine gewisse Unzufriedenheit. Wir sind seit acht Jahren verheiratet, haben zwei Kinder, ich bin viel unterwegs.

SUSANNE: Er fährt die Trucks für große Tourneeproduktionen und ist manchmal nur für ein paar Tage zu Hause, bevor er wieder für Wochen auf Tour ist. Ich mache inzwischen meine Ausbildung auf der Pädagogischen Akademie und versorge unsere beiden Mädchen.

ANDREAS: Im letzten Sommer habe ich mich Hals über Kopf in eine andere Frau verliebt. Sie war aus der Musikbranche, führte ein ähnlich unstetes Leben wie ich und schien alles zu verkörpern, was in meinem Leben nicht da war: Spontaneität, Freiheit, Ungebundenheit.

SUSANNE: Er kam nach Hause, sagte: Ich habe mich in eine andere Frau verliebt - und zog von einem Tag auf den anderen aus. Ich bin aus allen Wolken gefallen.

ANDREAS: Ich bin zu meiner neuen Freundin gezogen, wusste aber gleichzeitig, dass ich unsere beiden Kinder nicht verlassen würde. Deshalb haben wir viel miteinander geredet, weil wir ja sichergehen wollten, dass die Kinder ihren Vater nicht verlieren. Dabei haben wir auch versucht, herauszufinden, wie es so weit kommen konnte.

SUSANNE: Ich konnte und wollte diese neue Frau nicht akzeptieren. Ich sagte zu ihm: Wenn du eine Affäre brauchst, dann nimm sie. Aber du bist mein Mann, und daran ändert sich nichts.

ANDREAS: Sie hat richtig um mich gekämpft ...

SUSANNE: ... was mir sehr schwer gefallen ist, weil ich ja quasi die verlassene Ehefrau war. Ich habe meinen Stolz runtergeschluckt, meine verletzte Eitelkeit, alles. Ich habe immer nur gesagt: Du bist mein Mann, für immer, egal, was kommt.

ANDREAS: Das hat mir imponiert. Ich glaube, ich hatte mich insgeheim nach dieser Bestätigung gesehnt, und als ich sie bekam, wurde mir auch wieder klar, warum ich diese Frau geheiratet habe.

SUSANNE: Er hat sich für die Familie entschieden, obwohl ich glaube, dass es noch ein weiter Weg ist, bis er wieder ganz bei uns ist, auch innerlich. Wir mussten unsere Beziehung gewissermaßen beenden und neu beginnen - aber mit demselben Partner.

ANDREAS: Dazu gehören auch bestimmte Konsequenzen. Ich habe mir überlegt, einen Job zu suchen, bei dem ich mehr zu Hause bin.

SUSANNE: Und wir beide werden eine Reise zusammen unternehmen, von der wir schon seit Jahren träumen: Wir wollen nach Kalifornien, Wale beobachten.

Dieser Text erschien zuerst in der WIENERIN Nr. 3/02 vom 01.03.2002.

Aktuell