Geflüchtete Frauen werden vom österreichischen Gesundheitssystem benachteiligt

Eine aktuelle Studie gibt Aufschluss über die psychosoziale Gesundheit und den Zugang zur Gesundheitsversorgung von geflüchteten Menschen in Österreich.

Studie Gesundheitsbedürfnisse

Langandauernde Flucht belastet die Gesundheit erheblich. Gesundheitlich besonders belastet sind vor allem Menschen aus Afghanistan, die ihre Gesundheit durchschnittlich schlechter bewerten als Geflüchtete in Syrien und dem Irak. Grund dafür sei, dass die Migrationsgeschichte von afghanischen Staatsangehörigen häufig fragmentiert und langanhaltend ist und von ausgedehnten Aufenthalten in Transitländern geprägt ist. „Aber auch lange Asylantragsdauer, damit einhergehende Inaktivität und die Tatsache, dass AfghanInnen meist nur befristeten subsidiären Schutz statt volles Asyl erhalten, können zum schlechteren Gesundheitszustand beitragen“, so Judith Kohlenberger, eine der StudienautorInnen. WissenschaftlerInnen der Wirtschaftsuniversität Wien, des Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und des Wiener Instituts für Internationale Wirschaftsvergleiche untersuchten vor allem das subjektive Wohlbefinden und den Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung von Geflüchteten in Österreich.

Lange Asylantragsdauer, damit einhergehende Inaktivität und die Tatsache, dass AfghanInnen meist nur befristeten subsidiären Schutz statt volles Asyl erhalten, können zum schlechteren Gesundheitszustand beitragen.

von Studienautorin Judith Kohlenberger

Ungedeckte Gesundheitsbedürfnisse geflüchteter Menschen

Die Ergebnisse zeigen, dass Geflüchtete – darunter vor allem Frauen und Menschen aus Afghanistan – ihre Gesundheit durchschnittlich schlechter einschätzen als die österreichische Bevölkerung. Generell seien die Befragten sehr zufrieden mit dem österreichischen Gesundheitssystem, nichtsdestotrotz wurden in der Studie strukturelle Zugangsbarrieren deutlich: mangelnde Erreichbarkeit, unzureichendes Angebot, fehlendes Wissen über ÄrztInnen im Umfeld und Sprachbarrieren wurden am häufigsten genannt. Bei zwei von zehn männlichen und vier von zehn weiblichen Geflüchteten führe das zu ungedeckten Gesundheitsbedürfnissen.

Häufiger Krankenhausbesuche als Untersuchungen bei FachärztInnen

Die Befragten nehmen jene Gesundheitsangebote, die mit einem Eigenbetrag verbunden sind – also etwa präventive Zahnbehandlungen, seltener in Anspruch. „Einerseits sind Informationen über verfügbare Fachärztinnen und -ärzte für Geflüchtete oft schwer zugänglich, andererseits lassen aber auch versteckte Kosten und Sprachbarrieren zurückschrecken“, so die Studienautorin, „letzteres spiegelt sich auch darin wieder, dass die Befragten fast doppelt so oft Krankenhausbehandlungen angaben wie ÖsterreicherInnen, vor allem im ambulanten Bereich.“ Laut Kohlenberger liege das möglicherweise auch an den Dolmetschangeboten in Krankenhäusern.

Bedarf an Psychotherapie bei Geflüchteten ungleich höher

Die Studienergebnisse zeigen zudem deutlich, dass der Bedarf an psychotherapeutischen Betreuungen bei Geflüchteten deutlich höher als bei ÖsterreicherInnen ist. Mittelgradige und schwere Angststörungen, sowie Depressionen kommen bei geflüchteten Menschen etwa doppelt so oft vor. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren zeigten stark belastet. Die WissenschaftlerInnen empfehlen daher den Ausbau des muttersprachlichen Angebots an Psychotherapieplätzen, in Kombination mit Psychoedukation von Geflüchteten, um der weit verbreiteten Stigmatisierung seelischer Erkrankungen entgegenzuwirken. „Angststörungen und Depressionen können ein großes Lern- und Integrationshindernis darstellen. Deutschkurse und andere Maßnahmen führen dann leider oft ins Leere“, so Kohlenberger.

Zur Studie:

Die in der Fachzeitschrift Health Policy erschienene Studie basiert auf Primärdaten aus dem Refugee Health and Integration Survey, einer Querschnittserhebung unter 515 syrischen, irakischen und afghanischen Geflüchteten. Zwischen März und Mai 2018 wurden Geflüchtete in ihren Erstsprachen telefonisch befragt. Für Vergleiche mit der österreichischen Wohnbevölkerung wurde der Austrian Health Interview Survey herangezogen.

 

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