Gefahr: Bisphenol A

Sie steckt in Trinkflaschen, Konservendosen, Kassazetteln – der in Verruf gekommenen Chemikalie Bisphenol A entkommen wir im Alltag kaum. Doch wie gefährlich ist sie wirklich? Und wer sollte sich davor schützen?

Umstritten ist die Chemikalie Bisphenol A (BPA) schon seit Jahren. Kanada hat den Stoff bereits offziell als toxisch deklariert. Auch in Europa ist die Chemikalie seit kurzem verboten - zumindest in Babyflaschen: Seit dem 1. Juni darf der Weichmacher nicht mehr bei der Herstellung von Nuckelflaschen aus Kunststoff eingesetzt werden. Denn die Chemikalie kann sich aus dem Plastik lösen, besonders wenn dieses erwärmt wird. Und gelangt dann über die Nahrung in den Organismus. Babys, deren Immunsystem noch instabil ist, können BPA noch nicht abbauen. Was zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden führen kann, so die Vorwürfe der Kritiker.


GUT ZU WISSEN.

Deshalb werden auch weitreichendere Verbote gefordert. Bis darüber entschieden ist, müssen Sie selbst entscheiden, ob oder wie Sie BPA (nicht) begegnen wollen. Wir liefern die Fakten:

Wo steckt BPA überall drin?

Bisphenol A aus dem Weg zu gehen, ist prinzipiell nicht so leicht. Es gehört zu den weitverbreitetsten Chemikalien überhaupt und steckt als chemischer Grundbaustein von Polycarbonat-Kunststoff und Epoxidharz-Beschichtungen in allerlei Konsumgütern unseres Alltags: in Plastikgetränkeflaschen (Ausnahme: PET-Flaschen), Plastikschüsseln, Lebensmittel- und Folienverpackungen, Schraubdeckeln, in der Beschichtung von Lebensmittel und Getränkedosen ... Aber beispielsweise auch in Kassazetteln, Zahnfüllungen, Handys und CD-Hüllen findet sich der Stoff. Wer wissen will, wo BPA überall noch zum Einsatz kommt, klickt sich durch das (von der Industrie ins Netz gestellte) PDF-Dokument.

Wie gefährlich ist BPA?

Obwohl gut erforscht, ist BPA noch immer ein kniffliges und umstrittenes Thema. Das US-amerikanische National Toxicology Program hat zum Beispiel - anders als die European Food Safety Authorithy (EFSA) - eine kritische Haltung gegenüber der Chemikalie eingenommen. „Es geht nicht um akute Wirkungen wie Kopfschmerzen oder Durchfall, sondern um chronische Effekte, die noch dazu im Niedrigschwellenbereich liegen. Die Datenlage ist heterogen", sagt Vorsorgemediziner Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene an der Uni Wien. „Dennoch rate ich dazu, vorsichtig zu sein mit BPA." Die bisherigen Daten zeigten nämlich, dass es zentrale Organsysteme beeinflusst: „BPA wirkt wie ein körpereigenes Hormon auf das Hormonsystem und die Hirnentwicklung und wird unter anderem mit einem Anstieg von Brust- und Prostatakrebs, mit kindlicher Diabetes sowie männlicher Unfruchtbarkeit in Zusammenhang gebracht." Je weniger man also mit dem Stoff in Berührung komme, desto besser, sagt Hutter. Wer noch ein drastisches Bild aus Tierversuchen braucht: Schnecken entwickelten unter Einfluss des Stoffs vergrößerte Geschlechtsdrüsen sowie Risse im Eileiter, welche die Tiere quasi explodieren ließen.

Wer braucht besonderen Schutz?

Zur Risikogruppe gehören Babys und Kleinkinder, deren Organismen besonders sensibel darauf reagieren, dass die Chemikalie das endokrine System durcheinanderbringen kann. „Würde man ein Ranking erstellen, stünden Kleinkinder an erster Stelle, danach kommen werdende Mütter", sagt Experte Hutter. Denn BPA steht unter Verdacht, auch Föten zu schädigen.

Was kann ich für mich tun?

Kann sein, dass Sie die umstrittene Chemikalie kalt lässt. Kann aber auch sein, dass Sie nun unsicher sind, wo Sie damit anfangen sollen, dem Stoff aus dem Weg zu gehen. Das sei durchaus ein Problem, meint Hutter: „Natürlich sollte jemand, der aus einer rationalen Entscheidung heraus BPA ablehnt, daran denken, wo es überall drin sein kann. Nur sind Sie dann schnell bei ernährungstechnischen Fragen: Etwa, ob Sie weiter Lebensmittel aus Konserven kaufen oder ob Sie genug trinken, wenn Sie keine Plastik-, sondern Glasflaschen schleppen müssen." Solche Risikoabwägungen nur wegen eines unsichtbaren Stoffs in Plastik führen für Sie zu weit? Verständlich. Und solange es kein weltweites BPA-Verbot für alle Konsumgüter gibt (wogegen sich die Industrie verständlicherweise sträubt), sind Sie es, die entscheiden. Dennoch gibt Hutter zu bedenken: „Wir begegnen im Alltag nicht nur einer BPA-Quelle, die die problematische Dosis ausmacht. Es sind viele Quellen, von denen wir nicht einmal noch wissen, wo sie sind. Da summiert sich so einiges." Sein Rat: Meiden Sie, wo es geht, Dosen und Plastikbehältnisse. „Kunststoffprodukte enthalten nicht nur BPA, sondern auch andere umstrittene Chemikalien wie Phthalate." Nicht zuletzt würde weniger Plastik auch der Umwelt guttun: Derzeit treiben 100 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren - vieles davon baut sich kaum ab.

Hier steckt BPA drinnen

Plastikgetränkeflaschen (Ausnahme: PET-Flaschen)

Plastikschüsseln

Lebensmittel- und Folienverpackungen

Schraubdeckeln

in der Beschichtung von Lebensmittel und Getränkedosen

Kassazetteln

Zahnfüllungen

Handys

CD-Hüllen uvm.

Eine ausführliche Liste gibt es im durch die Industrie ins Netz gestellten PDF-Dokument (siehe Webtipp).
 

Aktuell