Gedicht des zehnjährigen Autisten rührt das Netz

Ein zehnjähriger Bub mit Asperger-Syndrom schrieb ein Gedicht als Schulaufgabe und schaffte es dadurch, seine Gefühle auszudrücken.

Der zehnjährige Schüler Benjamin Giroux leidet unter Asperger-Syndrom, das ist eine Autismusspektrumsstörung. Betroffene haben eingeschränkte soziale Fähigkeiten und sind oft sehr schüchtern. Weil oft die Fähigkeit, nichtsprachliche Signale zu deuten, eingeschränkt ist, werden Menschen mit Asperger-Syndrom oft als leicht wunderlich wahrgenommen. Dieses Gefühl kennt Benjamin. Und vor allem weiß er auch, wie es sich anfühlt, "anders" zu sein. Das wurde deutlich als seine Klassenlehrerin - vor mittlerweile zwei Jahren - anlässlich des "Nationalen Gedenkmonats der Poesie" den Schülerinnen und Schülern aus Plattsburgh in New York die Aufgabe gab, ein Gedicht mit dem Titel "Ich bin" zu schreiben. Der Rest war den Schülern und Schülerinnen überlassen.

"Als wir ihn fragten, wie sein Tag war, bekamen wir wie üblich nicht mehr als eine einsilbige Antwort", erzählte der Vater Sonny Giroux today.com. Er erzählte nichts von seiner Hausaufgabe, saß dann aber stundenlang konzentriert am Küchentisch. Als er das Gedicht stolz seinen Eltern zeigte, waren diese sofort zu Tränen gerührt.

"Ich bin sonderbar, ich bin fremd
Ich frage mich, ob du es auch bist
Ich höre Stimmen in der Luft
Ich sehe, dass es dir nicht so geht und das ist nicht fair
Ich möchte nicht traurig sein
Ich bin eigen, ich bin fremd
Ich tue so, als ginge es dir auch so
Ich fühle mich wie ein Junge im Weltall
Ich berühre die Sterne und fühle mich deplatziert
Ich sorge mich, was andere von mir denken
Ich weine, wenn die Leute lachen, es lässt mich schrumpfen
Ich bin sonderbar, ich bin fremd
Ich verstehe jetzt, dass es dir auch so geht
Ich sage, 'Ich fühle mich wie ein Ausgestoßener'
Ich träume von dem Tag, an dem es okay sein wird
Ich versuche, mich anzupassen
Ich hoffe, eines Tages tue ich das
Ich bin sonderbar, ich bin fremd."

"Im ersten Moment waren wir traurig und schockiert, dass er sich so isoliert, allein und unverstanden fühlt", haben die Eltern erzählt. "Aber dann wurde uns klar, dass er versteht, dass sich jeder ein bisschen seltsam fühlt und dass jeder Mensch eigen ist. Ben findet das okay und er kann mit seinen Gefühlen umgehen."

Bei dem Gedanken, das Gedicht vor der ganzen Klasse vorzulesen, traute sich Benjamin am nächsten Tag nicht in die Schule zu gehen, und seine Eltern erlaubten ihm, zuhause zu bleiben. Sie schickten das Gedicht aber an die Facebook-Seite der "National Autism Association".

Betroffene, Eltern und Angehörige von Menschen mit Autismus waren gerührt von dem Gedicht und begeistert von seinem lyrischen Können. "Ich weiß, dass es manchmal ungerecht wirkt, dass wir nicht hineinpassen", wandte sich ein Autist direkt an Benjamin. Je älter er jedoch geworden sei, desto weniger habe er sich danach gesehnt, unsichtbar zu werden. "Ich liebe den, der ich war und ich habe es geliebt, mich sonderbar zu fühlen. Ich wette, dir wird es ähnlich gehen. Du bist offenbar brillant, sensibel und hast eine wunderschöne Seele. Ändere dich bitte für niemanden!"

 

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