„Gedanken an unser Aussehen zu verschwenden, verhindert Aktivismus“

Michelle Serna ist Body-Positivity-Aktivistin und spricht am 12. Juni beim TEDxDonauinsel. Wir haben vorab mit ihr über Schönheitsdruck und Aktivismus gesprochen.

Michelle Serna ist keine gewöhnliche junge Dame: Erst, als während unseres Skype-Gesprächs zwischendurch die Schulglocke läutet, werde ich daran erinnert, dass sie gerade im Physikraum ihrer Schule sitzt und noch ein Teenager ist. Die Art wie sie spricht, hätte das nie verraten, so selbstbewusst, im Leben stehend und stark wirkt sie. Michelles Figur entspricht nicht den propagierten Schönheitsidealen, doch aufgrund ihrer Reitkünste, ihrer Klugheit und ihrer Fähigkeit, Leute zu begeistern und in der Öffentlichkeit zu sprechen, wurde sie Rodeo-Schönheitskönigin. Während ihrer Amtszeit wurde ihr das erste Mal bewusst, wie sehr junge Menschen sich vom Druck, schön zu sein, einschränken lassen. Seit dem setzt sie sich kompromisslos für Body Positivity ein. Am 12. Juni ist sie in Wien und spricht beim TEDxDonauinsel darüber, wie wir durch unsere Entscheidungen die Welt verändern können. Wir haben vorab mit ihr über den Zusammenhang von Aktivismus und Schönheitsidealen gesprochen.

Was war die größte Erkenntnis deiner Zeit als Schönheitskönigin?

Serna: Ich hatte noch nie so viel Panik davor, beurteilt zu werden, wie während des Schönheitswettbewerbs. Ich bin in einer sehr unterstützenden, positiven Familie aufgewachsen. Mir wurde immer gesagt, dass ich alles tun kann, egal wie ich aussehe, denn ich bin intelligent und liebenswürdig. Und plötzlich, mit 14,15 – im wahrscheinlich unsichersten Alter überhaupt – dachte ich: „Warte, vielleicht spielt mein Aussehen doch eine Rolle!“ Dieser Gedanke war mir davor so fremd, weil meine Umgebung bis dahin mir nie das Gefühl gegeben hat. Also dachte ich, ich wäre unsicher, weil ich nicht so aussah, wie die anderen Mädchen. Bis ich erkannte: Denen geht es genauso! Die Mädchen, die den Kriterien einer Schönheitskönigin entsprachen, waren genauso panisch wie ich. „Was, wenn mein Schwimmreifen sich durch’s Kleid durchdrückt?“ war wahrscheinlich der häufigste Gedanke unter diesen Mädels, und die hatten alle höchsten Größe 36. Wir haben überhaupt nicht mehr darüber gesprochen, warum wir Rodeo lieben, sondern haben uns nur noch mit unseren Diäten und Schönheitstipps beschäftigt.

Wie hat sich dein Leben seit dem verändert?

In dem Jahr als Rodeo Queen hab ich meinen Mund gehalten, aber ich bin aufmerksamer geworden. Ich habe meiner Mutter, meinen Freundinnen, Frauen in Geschäften mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Und mir ist aufgefallen, wie sehr wir uns selbst herabsetzen. Es geht nicht einmal um andere Menschen, es sind die Dinge, die wir uns selbst unentwegt sagen. Dann habe ich begonnen, einen Blog zu schreiben, er hieß „Sincerely, I’m not sorry“. Darin ging es um Dinge, dir mir einfach wirklich nicht leid tun. In manchen Einträgen ging es um Schönheitsideale, in anderen um Freundschaften, die nicht mehr funktionieren. Plötzlich hatte ich eine riesige Gefolgschaft, das hat mich dann total verängstigt, und ich hab alles wieder gelöscht. Nach 6 Monaten hab‘ ich realisiert, dass ich einen Blog über authentisches Leben geführt habe, und selber darin Sachen geschrieben habe, hinter denen ich nicht zu 100 Prozent stehen konnte. Ich wusste, was den Leuten gefällt, und was sie lesen würden, und diese Falle ist einfach so groß, dass ich selbst nicht mehr authentisch war.

Als ich dann von TEDxSanFrancisco erfuhr, hab ich eine E-Mail hingeschrieben, dass ich gerne einen Vortrag halten würde. Das war wirklich verrückt, weil das normalerweise nicht so passiert, aber ich bekomme viele Chancen im Leben weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, aber auch weil ich keine Angst davor habe, zu fragen. Dort habe ich viel Aufmerksamkeit bekommen, ich bekam eine von zwei Standing Ovations an diesem Tag, manche der Dinge die ich gesagt habe, fingen an, auf Twitter zu trenden. Dann bekam ich mehr Follower auf Instagram und Twitter, ich habe einen Artikel für Teen Vogue geschrieben, und nächste Woche bin ich eben bei TEDxDonauinsel in Wien.

Michelle Serna am TEDxSanFrancisco:

Kannst du beschreiben, wie Schönheitsideale (junge) Menschen einschränken?

Wir assoziieren Schönheit hauptsächlich mit Perfektion, und oft wollen wir nicht unsere Meinung sagen, weil das bedeutet, dass Menschen uns anschauen. Und wir denken, dass wenn Menschen uns anschauen, sie automatisch unser Aussehen verurteilen. Das hält viele davon ab, ihre Person und ihre Meinung unvoreingenommen zu präsentieren. Tatsächlich sind die Leute aber gar nicht so verurteilend, wie wir es oft denken.

Denkst du es gibt einen Unterschied darin, unter wie viel Druck Mädchen und Burschen stehen?

Nein, ich glaube es ist derselbe Druck. Natürlich, als Frau fokussiere ich mich oft auf den Druck, unter dem Frauen stehen. Aber Männer stehen unter einem unheimlichen Druck, über den niemand reden möchte. Sie müssen männlich und dominant zu sein, und gleichzeitig aber Akzeptanz zu zeigen. Frauen verurteilen Männer genauso wegen ihrer Figur und sprechen darüber, wenn sie ein wenig dicker sind. Gerade in der Schulzeit haben es Burschen genauso schwer wie Mädchen.

In deinem Teen Vogue-Artikel schreibst du: „Was wäre, wenn Malala oder Rosa Parks an dem Tag gesagt hätten ‚Ich fühle mich nicht hübsch genug, heute bin ich nicht selbstbewusst genug um für meine Rechte aufzustehen‘.“ Ist es Zufall, dass Malala, eine der prominentesten jungen Kämpferinnen für Frauenrechte, aus einer Kultur kommt, in der Schönheitsideale nicht so eine große Rolle spielen?

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, ich glaube sogar, dass es einen direkten Zusammenhang gibt. Ich sehe es bei mir: Meine Eltern haben Aussehen nie priorisiert, und deswegen ist es auch für mich kein Thema und ich sage immer selbstbewusst meine Meinung. Aber ich beobachte bei meinen Freundinnen, die von ihrer Mutter ein bisschen mehr unter Druck gesetzt werden, schlank zu sein oder sich schick anzuziehen, wie sie mit sich selbst sprechen. Wir gehen mit uns selber so um, wie unsere Mütter mit uns umgehen. Meine Mutter ist eine sehr mächtige Frau und ich glaube, ich habe das von ihr, denn sie hat mich nie sehen lassen, dass sie sich selbst erniedrigt oder schlecht von sich spricht oder dass sie nicht selbstbewusst ist. Speziell die USA sind wahnsinnig besessen von Aussehen, und ich glaube das hat etwas mit dem Internet zu tun.

Ich habe letzten Sommer in ländlichen Gebieten in Thailand verbracht, und die hatten keinen omnipräsenten Internetzugang. Und ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Kinder dort selbstbewusster waren, weil sie nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hatten. Wenn ich nur zwei Sekunden lang in mein Handy schaue, hab‘ ich schon fünf Bilder von wunderschönen Frauen gesehen.

Du hast gerade von deiner Mutter gesprochen, und dass sie sich dir immer stark gezeigt hat. Ist nicht auch eine gewisse Stärke darin, verletzlich zu sein?

Ich glaube es liegt unglaubliche Stärke in Verletzlichkeit, aber es gibt einen Unterschied zwischen körperlicher und emotionaler Verletzlichkeit. Natürlich ist sie manchmal unsicher, wenn sie in die Arbeit geht und ich habe ihre emotionale Verletzlichkeit gesehen, aber nie Verletzlichkeit, die auf ihr Aussehen bezogen war. Ich glaube nicht, dass in dieser körperlichen Verletzlichkeit viel Stärke liegt. Vor meinem TEDx-Vortrag war ich natürlich sehr unsicher, klar, da hab ich das erste Mal vor 12.000 Leuten gesprochen. Aber ich verschwende meine Zeit nicht gerne damit, mich wegen meines Aussehens verletzlich zu fühlen.

Wie kann die junge Generation etwas an unserer Wahrnehmung von Schönheit verändern?

Unsere Generation hat die größte Chance etwas zu verändern, weil wir die am meisten vernetzte Generation sind. In wenigen Sekunden verbreiten sich Informationen um die ganze Welt. An unserer Herangehensweise an Politik sieht man, wir sind eine soziale Generation, eine Generation die an Zusammenarbeit glaubt. Eine Bewegung wie die „Body-Positive-Bewegung“ hat vor 15 Jahren noch nicht einmal existiert, und heute ist sie gewaltig. Das sagt viel über uns aus: Wir sind sehr akzeptierend, und wenn wir diesen Weg weitergehen, bin ich mir sicher, dass wir in Zukunft viel Veränderung sehen werden.

Michelle Serna ist 18 Jahre alt und eine High School Schülerin aus Kalifornien. Am 12. Juni kann man sie am TEDxDonauinsel sehen.

 

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