Gedanken, die ich mir als Frau beim Fortgehen mache

Weggehen kann für Frauen ein ganz schöner Stressfaktor sein, besonders im Sommer. Not all men, heißt es so schön. Aber woher wissen wir, welchen Männer wir vertrauen können? Das Gedankenkarussell rast.

Gedanken, die ich mir als Frau beim Fortgehen mache

Erst letzte Woche hat die Polizei WienVerhaltenstipps für Frauen beim Feiern rausgegeben. Jeden Sommer steigen die Zahlen der sexuellen Übergriffe auf Frauen an und als würde das nicht reichen, ist die Polizei der Meinung, wir sollten selbst wissen, wie wir uns helfen können.

Es ist also noch nicht schlimm genug, dass Männer sich noch weniger im Griff haben, sobald die Temperaturen steigen. Nein, es ist nun an uns, keine Musik beim Heimweg zu hören, um bei Gefahr so schneeeeeell wie möglich, davon laufen zu können. Wir Frauen gewinnen in der Lotterie des Lebens.

Don't rape people

Es wäre ein schönes Zeichen, die Verantwortung von den Schultern der Frauen zu nehmen und sie auf jene der Männer zu legen. Zum Beispiel mit einer Aussendung: "Don’t rape people."

Wer empfindet noch Weltschmerz? Denn ich bin heute voll davon. Wir haben ein paar Gedanken gesammelt, die sich Frauen leider beim Weggehen machen (müssen) und von denen wir uns wünschten, dass sie irgendwann kein Thema mehr sind.

Gedanken, die wir uns als Frauen beim Weggehen machen:

  • Kann ich dieses Kleid tragen oder sieht man damit zu viel von meinem Oberschenkel? Könnte das jemanden auf die falsche Idee bringen?
  • Soll ich lieber eine Hotpants drunter ziehen oder mitnehmen für den Heimweg? Die kann man mir nicht so schnell runterreißen.
  • Puh, kann ich darin Rad fahren oder macht das wieder Probleme an der Kreuzung wenn bei Bewegung mein Oberschenkel zu sehen ist? Soll ich das im Hof noch schnell testen?
  • Oh Gott, ich hab eigentlich schon gar keine Lust mehr auszugehen.
  • Was genau sendet mein Lippenstift für Signale? Machen wir mal ein Foto und schicken es meinen Freund*innen. Findet ihr, mit dem Lippenstift frag ich drum?
  • Nicht, dass es im Nachhinein heißt ich hätte damit provoziert.
  • Die hohen Schuhe wären schöner, aber wenn ich einen Umweg gehen oder weglaufen muss, bin ich damit im Nachteil.
  • Hab ich den Pfefferspray in der Tasche?
  • Ich hab eigentlich keine Ahnung wie man den verwendet. Hoffentlich krieg ich das hin im Ernstfall.
  • Die Polizei hat diesen Taschenalarm empfohlen. Der ist ur laut. Hoffe der geht nicht im Club plötzlich los. Und ich hoffe, das bringt auch was.
  • Ich mache lieber noch den Umweg und hol meine Freundin ab, damit keine von uns allein in der Bar aufkreuzt und warten muss. Creep-Alarm.
  • Jetzt hat uns ernsthaft am Weg jemand nachgepfiffen. Was erwarten sich Männer davon? Hat das jemals in der Geschichte der Menschheit geklappt? Ich bezweifle, dass sich Joko Ono und John Lennon so kennen gelernt haben.
  • Könnte ich den Ring, den ich zu Weihnachten von meiner Schwester gekriegt hab, als Verlobungsring ausgeben, wenn mich jemand nicht in Ruhe lässt?
  • Verdammt, ich hab kurz Blickkontakt mit diesem Typ gehabt, der kommt jetzt rüber. Ich hab eigentlich nur das Klo gesucht und er hat mich angestarrt. Wie werd ich den wieder los?
  • Verlobungsring-Trick all the way. Wie traurig, dass Männer mehr Respekt vor jemandem haben, den es nicht mal gibt, als vor meinem "Nein, danke".
  • Ja, tanzen klingt nach einer guten Idee.
  • (5 Minuten später) Tanzen war eine dumme Idee.
  • Uhhh, ich seh diesen Typen meine Freundin antanzen. Seltsame Tanzsequenz um sie aus der Schusslinie zu bewegen. Paar Drehungen, und schon steht sie auf der anderen Seite des Kreises.
  • Okay, nochmal gut gegangen. I got you sister 😉
  • Traurig, dass wirklich jede Frau diesen Move beherrscht.
  • Hab ich jetzt zu sehr meine Hüften zu Whenever, Whenever bewegt und irgendjemand auf blöde Ideen gebracht? Dieser Typ könnte auch mal jemand anders anstarren.
  • Huch, was soll das jetzt. Irgendein Typ drückt seine Vorderseite gegen meine Hinterseite. PLEASE JUST DON‘T.
  • Jetzt hat meine Freundin mich gerettet. Genug getanzt, gehen wir heim. Ich hab keinen Bock mehr.
  • Nehmen wir den kürzeren Weg oder den beleuchteten Weg?
  • Wären wir in einem Taxi sicherer? Puh, aber ich habe einige wilde Geschichten von Taxi-Fahrten gehört … Nein besser zu Fuß. Wird schon passen.
  • Yes, da wechseln wir lieber die Straßenseite und biegen nochmal ab. Uns kommt eine größere Gruppe betrunkener Männer beim Junggesellen-Abend entgegen.
  • Warum muss ich jetzt an diese extrem verstörende Gruppen-Rape-Szene aus einer Folge von Soko Donau denken? Nicht hilfreich, was mein Angst-Management angeht.
  • Warum zeigen sie so etwas eigentlich im Fernsehen?
  • War der Plot davon nicht, dass die Frau diese Männer dann nacheinander umgebracht hat? Hmmm, egal.
  • Hier trennen sich die Wege von mir und meiner Freundin. Schnelle Umarmung und das Versprechen, zu schreiben, wenn wir sicher zuhause sind.
  • Kein Grund gleich einen höheren Puls zu kriegen, nur weil ich allein bin.
  • Warum geht dieser Typ hinter mir her?
  • Ich nehm mal meinen Schlüssel aus meiner Tasche. Sicher ist sicher. Warum geht der immer noch hinter mir??
  • Ich sollte schneller gehen, aber nicht rennen. Auf National Geographic hab ich mal gesehen, dass Raubtiere angreifen wenn die Opfer davon laufen.
  • Eigentlich unfair von mir. Vielleicht ist das ein sehr, sehr netter Mann hinter mir, der nur zufällig in dieselbe Richtung will.
  • Vielleicht aber auch nicht.
  • "Da ist ein Typ hinter mir", schreib ich meiner Freundin und gehe schneller. "Bieg ab", ist ihre Antwort.
  • Zum x-ten Mal schau ich über meine Schulter, ob er näherkommt. Gott sei Dank hab ich nicht die hohen Schuhe angezogen.
  • Das Kleid war auch eine dumme Idee.
  • Soll ich einen Anruf vortäuschen? Dann glaubt er, dass jemand auf mich wartet, der weiß, dass ich unterwegs bin.
  • Bin ich so eine gute Schauspielerin? Egal. Probieren wirs. "Hallo Schatz, was du bist noch wach? ... Wie war's im Fitnessstudio? ... Mah cool, ja ich bin jeden Moment daheim, bin grad in der Jahngasse eingebogen . Ja, voll . Nein, war lustig heute."
  • Das glaubt mir doch kein Mensch. Das Fitnessstudio-Detail war zu viel. Aber er soll ruhig glauben dass mein fiktiver Freund 1,90 m ist und gebaut wie Arnold Schwarzenegger.
  • Ist er noch da?
  • Okay, er ist weg. Scheint wo abgebogen zu sein.
  • Tief durchatmen. Wie es so schön heißt. Not all men. Oder so.
  • Und jetzt rein ins Haus und schnell die Treppe rauf. Schlüssel hab ich eh schon in der Hand. Die letzten 15 Minuten eigentlich schon, wenn wir ehrlich sind.
  • So endlich in der Wohnung. Ich muss mich endlich für den Selbstverteidigungskurs anmelden.
  • Who are we kidding. Ich bin 1,65 m groß. Was würde ein Selbstverteidigungskurs ändern?
  • Ich schreib meiner Freundin, dass ich gut daheim angekommen bin und verbuche den Abend als Erfolg.
 

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