"Gebt mir eine Stunde keine Schoki - ich zuck aus!"

Gebt mir eine Stunde keine Schoki - ich zuck aus! Renn nachts zur Tankstelle, schieb mir einen Löffel Kakaopulver in den Mund, bunkere Schoko an geheimen Orten. Ich bin süchtig und weiß: Das ist nicht gut!

Olivia Peter

Keine Ahnung, ob es stimmt. Aber ich behaupte: Meine Eltern sind schuld. Weil es sind doch immer die Eltern. Nach jedem Essen gab es früher eine kleine Nachspeise bei uns: ein Stück Kuchen. Ein Keks. Schokolade. Als Belohnung. Für mich ist ein Essen deshalb erst dann abgeschlossen, wenn ich etwas Süßes gegessen habe. Mit meinem Auszug aus dem Elternhaus wurde es dann mehr. Mit der Schokolade. Und dem Belohnen. Statt Gemüse kamen Doppelkekse in den Einkaufswagen. Statt Joghurt ein Schokopudding. Statt Aufstrich einfach Nutella aufs Brot. Dass das nicht gesund ist, weiß ich. Dass ich versucht habe, damit aufzuhören - auch klar. Dass mir keiner glaubt, ärgert mich. Nur weil ich verhältnismäßig schlank bin, nimmt niemand mein Schoko-Problem wirklich ernst. Nur mein Freund. Der ist nämlich dabei, wenn ich durchdrehe, weil kein Zucker in Reichweite ist.

Beziehungsstatus: In einer toxic relationship mit Schoko.

Schoko ist für mich wie der Freund, von dem alle sagen: Trenn dich! Er tut dir nicht gut! Ich weiß das. Aber ich kann es einfach nicht. Immer wieder versuche ich, mich von ihm, äh, ihr, der Schokolade, fernzuhalten. Aber spätestens kurz vor Mitternacht greife ich dann zum Handy, äh, zur Schokolade und knicke ein. Dann erzählt mir eine Freundin von ihrem Mann. Er hat eine Fettleber. Weil er so viel Schokolade isst. Wie ich. Er hat aufgehört. Sofort. Wiegt jetzt 15 Kilo weniger. Ich esse vor Schreck über diese Nachricht erst mal ein Stück Schokolade. Aber dann google ich. Stoße auf Schoko-Hypnose. Machst du, sag ich mir!

Jetzt liege ich auf einem Sofa, lang ausgestreckt, und höre einer Frau beim Sprechen zu. Sie sagt, dass ich in 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 gaaanz tiiief in meinem Unterbewusstsein bin. In Wahrheit bin ich gaaanz hoooch in meinem vollen Bewusstsein. Sie rahmt die böse Schokolade, die meinem Körper ganz schlecht tut, in einen imaginären Bilderrahmen ein. Den schiebt sie weg und ersetzt ihn durch ein anderes Bild: eines mit gesunden, frischen Beeren. Sonnenschein. Gesundheit. Strahlende Haut. Wie in der Frühstücksflockenwerbung. Dann steige ich wieder aus den Untiefen meines Unterbewusstseins herauf. In 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1. Wie ich mich fühle? Ja. Eh. Ob ich noch Verlangen nach Schokolade habe? Ich schwindle. Neiiin. Gaaar nicht. Ich kann ja die gute Frau nicht völlig deprimieren. Dafür bin ich zu gut erzogen. Außerdem: Vielleicht brauche ich einfach mehr Sitzungen. Man muss der Sache Zeit geben.

Zwei Tage halte ich durch. Ohne Schokolade. Sage mir immer "Ich brauch das nicht!" und mache eine wegwischende Handbewegung. So, wie es mir die Hypnotiseurin gezeigt hat. Sie sagt, das wirkt. Möglich. Was bei mir aber hauptsächlich wirkt: dass ich für die Sitzung 50 Euro hingeblättert habe. In Schokolade umgerechnet wären das 25 Tafeln. Und eine Liebe ist bei mir größer als die zu Schokolade: die zum Sparefroh!

 

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