Gebildete Frau geht Beziehung mit Arbeiter ein

Weiblich, heterosexuell, gut gebildet. Glaubt man den Beiträgen in Partnervermittlungsforen, bezeichnen diese Merkmale beziehungstechnisch eine Risikogruppe. Denn die statusgleichen Männer sind rar. Aber da Akademikerinnen bekanntlich klug sind, finden sie darauf eine Lösung: Ein Flirt am Arbeiter-Strand.

Eine Liebesgeschichte aus den 80er Jahren macht es vor. In Salz auf unserer Haut trifft George, Studentin aus gutem Haus, auf den einfachen Bauernbub Gauvain. Es entwickelt sich eine Fernbeziehung, die trotz Klassenunterschied viele Jahre anhält. „Romantisch!“ werden Sie denken. Nicht nur das: Feministinnen feierten diese Partnerschaft ihrerzeit als Mittel der Emanzipation. Denn die gebildete Frau ist sozial wie finanziell höher gestellt – und bleibt vom Mann unabhängig.

Was reizt die Akademikerin am „Hackler“?


Soziologin Jessi Streib hat 42 klassenungleiche Ehepaare interviewt und bemerkt: „Häufig herrscht in den Familien von Arbeitern ein stärkerer Zusammenhalt. Das macht Eindruck auf die Partnerin“. Umgekehrt können Frauen der Mittel- oder Oberschicht mit ihrer Selbstsicherheit imponieren.


Machen verschiedene soziale Hintergründe Probleme?


Natürlich gibt es auch in dieser Konstellation Schwierigkeiten. Die unterschiedliche Art, über Emotionen zu sprechen, ist laut Streib die wesentlichste. „Höher Gebildete sind oft wahre Managerinnen ihrer Emotionen. Sie interpretieren ihre Gefühle und überlegen genau, wie sie diese dem Partner zeigen“. Bei sogenannten Arbeiterkindern läuft es eher in dem Stil: „Wie ich es fühle, drücke ich es aus“. Dazu die Soziologin: „Das ist nicht unbedingt netter, aber ehrlicher.“


Wie kommen die Paare miteinander aus? Drei Erfahrungsberichte:


Laura (25) steht kurz vor dem Abschluss ihres Pädagogik-Studiums. Dann ist sie hochoffiziell „Master“. Dass sie mit Licht- und Tontechniker Luki (25) sozusagen einen „Hackler“ als Freund hat, liegt sicher an seinem hilfsbereiten Wesen. „Er hat mich nach einer Trennung getröstet.“

Mit einem Grinsen im Gesicht denkt Laura über ihre bereits mehr als sechsjährige Beziehung nach. Und gibt schließlich preis: „Wir ergänzen uns ganz gut. Ich hab einen sachlichen Zugang zu Themen und er ist mehr der praktische Typ. So wird bei uns viel diskutiert“.


„Er gibt mir Tipps, auf die ich nicht gekommen wäre.“


Luki steht Laura oft als wertvoller Berater zu Seite. Auch Streibs Interviews bestätigen, dass die Unterschiedlichkeit von Paaren helfen kann, kreative Lösungen für Probleme zu finden. Allerdings machen es die Differenzen manchmal schwer, sich in die Arbeitswelt des anderen hineinzuversetzen: Luki kann die Herausforderungen, die sich Laura in ihrer Forschung stellen, nicht ganz nachvollziehen. Aber auch Lukis Versuche, seiner Freundin etwas über die Steuerung von Scheinwerfern zu erklären, scheitern oft an ihrer technischen Unkenntnis.

Meine Oma hat mich schon gefragt, warum ich mir keinen 'G'Studierten' suche. Aber für mich ist das kein Auswahlkriterium.
von Laura

Relativ gleich aufgeteilt sind die Aufgaben im Haushalt. Da die Studentin von daheim aus arbeitet, ist sie es, die öfter mal den Besen schwingt. Aber Küchenchef ist eindeutig ihr Freund. Wie die Familie über ihre Beziehung zu einem „Hackler“ denkt? „Meine Oma hat mich schon gefragt, warum ich mir keinen 'G'Studierten' suche. Aber für mich ist das kein Auswahlkriterium."


Der perfekte Schwiegersohn?


Ines (24) studiert Industriedesign und kann in der Frage „Akademiker oder Arbeiter“ einen direkten Vergleich ziehen. „Meine Eltern würden es nicht zugeben, aber sie haben meinen Ex als perfekten Mann gesehen.“ Gutes Elternhaus, Hochschulabschluss – aber was nützt das, wenn er ein Macho ist? Jetzt ist sie mit dem Webdesigner Christian (28) zusammen. Der ist in Sachen Hausarbeit „fortschrittlich und einsichtig. Aber auch faul!“ Ines muss lachen.


Offen für Neues?


Die Studentin hat bereits ein Diplomstudium abgeschlossen. Sie kann daher aus Erfahrung behaupten: „Durch Bildung erlangt man ein offeneres Verhalten der Welt gegenüber.“ Das ist es, was ihr an Christian manchmal fehlt: Die Neugierde auf Fremdes. Das fängt beim Essen an - „Er könnte sich rein von Leberkässemmerl ernähren“ - und hört beim Reisen auf - „für ihn ist das Geldverschwendung“.

Interessen wie Politik, Literatur und Theater kann Ines kaum mit ihrem Freund teilen. Dennoch erkennt sie den Wert ihrer Beziehung: „Mein Alltag mit einem „Hackler“ ist um einiges schöner“. Mit dieser Einstellung liegt sie goldrichtig, wie Expertin Streib meint. Diese rät: „Das wichtigste ist, dass man nicht versucht, den anderen zu ändern.“


Nina (22) hat viele Arbeiter in ihrem Freundeskreis. Sie selbst studiert Sozialanthropologie im Bachelor. Dass ihr Freund Hans (28) als Elektriker die Uni höchstens von außen kennt, stört sie nicht. Im Gegenteil: „Die verschiedenen Einflüsse machen unsere Gespräche spannend!“


„Mein Freund beschäftigt sich mit vielen Themen. Dazu braucht er keine Uni“


Niemals würde sie bei Hans deshalb von einem niedrigeren Bildungsniveau sprechen. Für sie stehen die Gemeinsamkeiten im Zentrum. Die Leidenschaft für Partys und Musik zum Beispiel. Kein Zufall also, dass die beiden sich – vor etwas mehr als einem Jahr – bei einem Konzert kennengelernt haben.


Wer bezahlt?


Damals hat Hans Nina öfter zum Essen oder auf ein Getränk eingeladen – ganz gentlemanlike. Aber das mochte sie auf Dauer nicht. Alten Mann-Frau Klischees steht sie sehr kritisch gegenüber. Und weil ihr Ausgewogenheit in der Beziehung wichtig ist, übernimmt selbstverständlich hin und wieder sie die Rechnung.

Wenn gemeinsame Urlaube mit dem VW-Bus geplant werden, lässt sich Nina aber auch auf die Vorschläge ihres Liebsten ein. „Er weiß meistens genau, wo er hin will. Da schließe ich mich gern an.“

Klingt ziemlich glücklich. Nicht umsonst empfiehlt Nina daher anderen gebildeten, heterosexuellen Frauen: „Gebt auch Männern eine Chance, die nicht studiert haben!“ Die emanzipierte George ist in Salz auf unserer Haut mit gutem Beispiel vorangegangen.

Warum also nicht mal am Arbeiterstrand die Netze auswerfen?

 

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