Gastkommentar: "In Liebe, Wien"

"Ich muss mich wieder von einer Tat distanzieren, die ich nicht begangen habe": Die gebürtige Österreicherin Menerva Hammad erlebte den Terroranschlag in Wien aus der Ferne. In diesem Gastbeitrag teilt sie, als sichtbare Muslima und Wienerin, ihre Gedanken zu den Geschehnissen und hat einen wichtigen Appell.

Blick bei Sonnenuntergang auf die Donau und Wien

Es war gestern Abend, als ich mit einer Freundin telefonierte. Corona hält uns auseinander, viele Länder liegen zwischen uns. Sie ist momentan im kalten Wien, meiner Heimatstadt, ich lebe momentan in den arabischen Emiraten. Dann legte sie plötzlich auf, es soll Schüsse in der Wiener Innenstadt gegeben haben. „Wo? In Wien? Nein, so etwas passiert doch nicht in Wien!“, denke ich mir. Mein Herz rast, ich suche nach Nachrichten. Mir fällt ein, dass ich erst vor kurzem einer anderen Freundin vom Leben in den Emiraten vorgeschwärmt hatte, der Umzug hierher sei eine der richtigsten Entscheidungen meines Lebens gewesen, denn hier gäbe es keinen antimuslimischen Rassismus. In Wien war dieser Rassimus gegen Muslime seit meiner Geburt ein fester Bestandteil meines Lebens gewesen.
Ich spüre, wie sich ein Loch in meinem Herzen vergrößert, aus Angst um Wien, diese Stadt, die ich trotzdem so sehr liebe.

Ein terroristisches Attentat in der Nähe einer Synagoge in der Wiener Innenstadt, mehrere Tote, (einer) der Täter ist jung, in Wien geboren. Als Wiener Muslima suchte ich nach einem Detail, das ich nicht zu finden hoffe: "Lass ihn bitte kein Muslim sein, ich möchte mich nicht wieder für eine Tat distanzieren müssen, die ich nicht begangen habe, um die Akzeptanz einer Gesellschaft zu erlangen, die wir nie erlangen werden."

"Es werden Frauen mit Kopftuch sein, die den Frust dieser Tat in der Öffentlichkeit spüren werden"

Karim El-Gawhary, ORF-Korrespondent in Kairo, warnt vor einer Falle, die zur Gesellschaftsspaltung führen soll. Jeder islamistische Anschlag in Europa soll einen größeren Keil zwischen uns treiben – was seit 9/11 ausgezeichnet funktioniert.

(Einer, laufende Infos hier) Der Täter ist gestorben, was bleibt, ist sein Scherbenhaufen, den wir anderen Musliminnen aufheben dürfen. Ich verwende hier bewusst die weibliche Form, denn es werden Frauen mit Kopftuch sein, die den Frust dieser Tat verbal und körperlich in der Öffentlichkeit spüren werden, denn sie sind es, die sichtbar muslimisch sind.
Und es bleibt der Schock, der Schrecken, das Entsetzen, die Wut, die eigentlich endlose Trauer ist und die Angst. Angst, dass es sich wiederholt. Angst, dass die Gesellschaft noch gespaltener wird. Angst, dass der Rassismus wächst. Angst, dass noch mehr Menschen sterben. Angst, die einfach da ist und nicht mehr weggeht.

Es haben mich dutzende Nachrichten erreicht, die meisten fragen, wie es mir geht, aber auch einige mit dem Inhalt „Bitte distanziert euch, selbst die linke Blase argumentiert schon rechtsextrem“. Ich liege zusammengekugelt am Boden und weine.
Ich will nach Hause. Ich will zu meinen Eltern. Ich will in die Wiener Innenstadt. Ich will nach Wien. Ich will mein Wien. Und dort, in jener Ecke, wo ich nicht mal mehr auf meinen Beinen stehen kann, liege ich am Boden und die Erinnerungen meines Lebens in Wien ziehen an mir vorbei. Wird es jemals wieder so sein, wie es einmal war? Hat mich Wien im Herzen, so wie ich es auch?

"Auch wir sind verletzt, auch wir sind Wien"

Auch wir Muslim*innen sind verletzt. Auch uns hat dieses Attentat tief getroffen. Auch wir sind Wien. Und auch wir sind nun in tiefer Trauer, denn dies ist auch unser Zuhause. Und wer unser Zuhause mit dieser Boshaftigkeit angreift und eine solch tiefe Wunde in das Herz unserer Heimat verursacht, hat in unserer Mitte nichts verloren. Wir gehören nicht zu ihm und er gehört nicht zu uns.

Mein Appell an alle Menschen, die sich als Wiener*innen verstehen oder Wien lieben, ist:
Lasst uns enger zusammenrücken. Ja! Ausgerechnet jetzt! Lasst keine Spaltung zu. Die Wunde muss heilen, sie braucht Hände, die zusammenhalten und keine, die gegeneinanderschlagen, nicht noch mehr. Jetzt gilt es stark zu sein und zwar im Zusammenhalt. Jetzt gilt es als Einheit gegen jegliche Form von Hass und Terrorismus anzukämpfen. Als eine Gesellschaft. Wir mögen in vielen Dingen unterschiedlicher Meinungen sein, aber vielleicht haben wir es bisher einfach falsch gemacht. Vielleicht müssen wir endlich lernen, als Einheit zu agieren, die eben nicht derselben Ansicht in allem ist, aber wenn es um den Schutz unserer Heimat geht, dann trennt uns nichts. Für Wien.

Autorin und Journalistin Menerva Hammad erzählt auf wienerin.at in unregelmäßigen Abständen aus ihrem Leben als Muslimin, Feministin, Wienerin und Mama – vier Themen, die jedes für sich schon viel Stoff für Geschichten bieten. Menerva verbindet alle vier zu humorvollen, nachdenklich stimmenden und kämpferischen Texten. Menerva stammt aus Wien und lebt aktuell in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Neben ihren Beiträgen für die WIENERIN bloggt sie auf Hotel Mama und hat 2019 ihr erstes Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt" veröffentlicht. Hier geht es zu ihrem Instagram-Profil.

Zu allen bisher erschienenen Texten von Menerva.

 

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