Gastkommentar: Laut sein statt stillen!

"Stillen ist das Natürlichste auf der Welt", hören Schwangere tagtäglich. Wenn es dann anders kommt, kämpfen Frauen mit Vorwürfen - von sich selbst und anderen. WIENERIN-Leserin Natascha erzählt offen von ihrer persönlichen Still-Geschichte.

Sätze wie „Stillen ist das Beste für das Kind“ oder „Jede Frau kann stillen“ bekam ich in der Schwangerschaft sehr oft zu hören. Doch was passiert, wenn diese scheinbar natürlichste Sache der Welt völlig unerwartet zum Problem wird? Welche Welle an guten und gut gemeinten Ratschlägen, Vorurteilen und angriffigen Vorwürfen bricht auf Frauen herein, die ihr Kind nicht stillen? Ein Erfahrungsbericht, der die Vorteile des Stillens keinesfalls leugnen möchte, aber aufzeigen soll, dass hinter jedem „Stillproblem“ eine ganz persönliche Geschichte steht, die nur zwei Akteure hat: eine Mutter und ihr Kind.

stillen-pre-nahrung-erfahrungsbericht

Die Frage, ob ich mein Kind stillen werde oder nicht, stellte sich für mich nicht. Im Geburtsvorbereitungskurs und in der Stillberatung, welche die Geburtsklinik meiner Wahl angeboten hatte, wurden die Vorteile des Stillens für Kind und Mutter ausführlich dargelegt. Ich wage zu behaupten, dass jede gesunde Mutter das Beste für ihr Kind möchte und nicht mutwillig plant, dem Neugeborenen Muttermilch vorzuenthalten. So war auch für mich klar, dass ich meinem Sohn den idealen Nährstoffmix bieten möchte, der noch dazu völlig kostenlos und immer perfekt temperiert zur Verfügung steht. Soweit der Plan.
Gekommen ist alles anders.

Ein niedriges Geburtsgewicht und stark erhöhte Bilirubin-Werte erschwerten meinem Sohn den Start ins Leben. Geschwächt von der für uns beide anstrengenden Geburt und durch die Gelbsucht dauermüde, schaffte es mein Sohn nicht, kräftig genug an der Brust zu saugen, um das „weiße Gold“ richtig zum Fließen zu bringen. Was folgte, war für Mutter und Kind – im Nachhinein betrachtet – bestimmt nicht das Beste. Da mein Sohn durch die Gelbsucht immer wieder wegdämmerte, musste er Tag und Nacht alle zwei Stunden geweckt, gewickelt und gestillt werden. Mehr als nuckeln war aber nicht drin. Es müsse wohl an der Anlegetechnik liegen und so zeigte mir die jeweils diensthabende Krankenschwester ihre ganz persönliche Technik. Um das Kind zum Trinken zu motivieren, sollte ich ihm über den Rücken streichen, an den Ohren massieren, mit der Hand sanft übers Gesicht fahren. Das Ergebnis der vielen, sehr unterschiedlichen Tipps war zermürbend: Ich war völlig verunsichert, welcher Expertin ich nun folgen sollte und mein Kind brüllte trotz Stillmarathons wie am Spieß. „Blähungen“ lautete dann meist die Diagnose der Krankenschwestern und so gaben sie meinem Sohn einen Saft, der die Bauchschmerzen lindern sollte. Sie waren zwar erstaunt, dass er die süßliche Flüssigkeit wie wild aus der Spritze saugte, auf die Idee, dass er einfach nur aus Hunger schreien könnte, kam aber niemand. Und so ging ich mit dem verzweifelt brüllenden kleinen Bündel am Arm in der Nacht den Gang der Geburtenstation auf und ab. Mein Sohn nahm weiter ab, die Gelbsucht schwächte ihn zusätzlich. An Tag drei oder vier nach der Geburt wurde dann mit dem Zufüttern begonnen. Mittels Fingerfeeding trank mein Sohn aus der Spritze kleinste Mengen an Pre-Nahrung. Wenn er 20 Milliliter schaffte, waren wir happy. Dazwischen anlegen, stillwiegen, abpumpen. Mit sehr mäßigem Erfolg.

Ein Kampf um jeden Milliliter

Für meinen Sohn war die Versorgung mit Anfangsnahrung essentiell. Der Umgang mit industriell gefertigter Säuglingsnahrung war in diesem „stillfreundlichen“ Krankenhaus aufgrund von Vorschriften sehr „speziell“. Um sich als „Baby-friendly Hospital“ zertifizieren zu lassen, müssen Krankenhäuser unter anderem die Bestimmungen des „Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten“ der WHO umsetzen. Da Werbung für Säuglingsanfangsnahrung verboten ist, man Babys, die zu wenig Muttermilch bekommen, aber zum Glück auch in einem stillfreundlichen Krankenhaus nicht ganz verhungern lässt, wurde auf der Station eine ganz eigenwillige Methode praktiziert: Auf jedem einzelnen der kleinen Fläschchen, in denen sich 70 Milliliter verzehrfertige Pre-Nahrung eines bekannten Säuglingsnahrungsherstellers befand, wurde das Firmenlogo vom Pflegepersonal feinsäuberlich mit einem schwarzen Lackstift übermalt, um es unkenntlich zu machen. Schließlich würde das Werbung gleichkommen und könnte Frauen dazu verleiten, lieber zur Fertignahrung als zur eigenen Brust zu greifen.

An Tag sechs nach der Geburt wurde mein Sohn mit 2810 Gramm entlassen. Bezüglich Ernährung lautete die Empfehlung zu stillen und ein Mal am Tag zuzufüttern. Meine Hoffnung, dass sich das mit dem Stillen in der Geborgenheit der eigenen vier Wände einpendeln und mein Sohn nach der überstandenen Gelbsucht stark genug für effektives Saugen sein würde, erfüllte sich nicht. Mein Leben spielte sich vorwiegend auf dem Sofa ab, mit nackter Brust. Entweder nuckelte mein Sohn stundenlang, um dann schreiend aufzugeben, oder aber ich versuchte mit der Milchpumpe den Milchfluss doch irgendwie in Gang zu setzen. „Die Nachfrage steuert das Angebot“, heißt es so schön beim Stillen. Meine Milchdrüsen mussten also stimuliert werden. Dazwischen ein Besuch bei der Stillberaterin meiner Geburtsklinik. Sie kontrollierte nochmals die Anlegetechnik und meinte, dass er durchaus was erwischen würde. Wir schafften eine digitale Babywaage an, um den Gewichtsverlauf auch daheim regelmäßig kontrollieren zu können.

Zu Pfingsten, vier Wochen nach der Geburt, die erfüllt waren vom verzweifelten Versuch, mein Kind vorwiegend mit Muttermilch zu ernähren und, wie vom Krankenhaus empfohlen, nur eine Mahlzeit am Tag durch Säuglingsnahrung zu ersetzen, war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich kontaktierte eine Stillberaterin des Familienstützpunktes der MA 15, die mir im Geburtsvorbereitungskurs empfohlen worden war. Sie kam zu uns nachhause und erkannte das Ausmaß meiner Verzweiflung und der meines Sohnes sofort. Auch sie kontrollierte meine Anlegetechnik, kam aber sehr schnell zum Schluss, dass wir dem Kleinen nicht ein, sondern fünf! Mal am Tag das Fläschchen geben müssen, um seine Versorgung zu garantieren. Um die Muttermilchproduktion weiter zu stimulieren und die Mutter-Kind-Bindung zu stärken, empfahl sie weiterhin regelmäßiges Anlegen. Eine Chance, doch noch voll stillen zu können, würde das so genannte Brusternährungsset bieten. Es ermöglicht dem Säugling quasi an der Brust zu trinken, auch wenn kaum Muttermilch produziert wird. Während das Kind angelegt ist, erhält es durch einen dünnen Schlauch, der an der Brustwarze der Mutter befestigt wird, zusätzliche Nahrung. Dafür wird die Fertignahrung in einen Beutel, ähnlich einer Infusion, gefüllt. So soll das richtige Saugverhalten des Babys trainiert und die Milchproduktion angeregt werden. Unter dem Motto „nichts unversucht lassen“ fuhr ich los, um das Brusternährungsset zu besorgen.

Tränen der Erlösung und Kränkung durch die Familie

Allein schon beim Anblick der Schläuche drehte sich mir der Magen um. Mit Hilfe meines Mannes schaffte ich es, das Set richtig anzulegen, die Schläuche an meinen Brustwarzen anzukleben und meinen Sohn trinken zu lassen. Als endlich alles trinkbereit war, brach ich in Tränen aus. Ich schaffe das nicht! Die angeblich „natürlichste Sache der Welt“ wurde für mich zum Albtraum mit Plastikschläuchen, die an meinen Brustwarzen pickten. In drei Tagen wollte die Stillberaterin nach uns sehen, um die Fortschritte zu besprechen. Mir schoss durch den Kopf: „So lange halte ich das nicht durch!“ Ich griff zum Telefon, um der Stillberaterin zu sagen, dass ich aufgebe. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion. Dass sie mich zumindest indirekt als Rabenmutter hinstellen würde, die kein Durchhaltevermögen hat und nicht das Beste für ihr Kind will. Zum Glück kam es anders. Sie erkannte meine Verzweiflung beim ersten Satz, akzeptiere meine Entscheidung sofort, sprach mir Mut zu. Wir leben Gott sei Dank in einem Land, in dem Kinder nicht verhungern müssen, wenn sie nicht gestillt werden können. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen.

Ich brachte die geliehene Milchpumpe zurück, packte das Brusternährungsset weg und ernährte meinen Sohn mit dem Fläschchen. Dazwischen nuckelte er an meiner Brust, ohne den Druck, davon satt werden zu müssen. Zum ersten Mal in seinem jungen Leben war er ein zufriedenes, sattes Kind. Mein Mann übernahm die letzte Mahlzeit am späten Abend, sodass ich ein paar Stunden erholsam schlafen konnte. Mein Sohn begann zuzunehmen und für uns war klar, dass dieser Weg für uns Drei der richtige war.

Nicht so für Teile der Familie. Sätze wie „Diese Oma gibt dir nicht das Flascherl“ bis zu „Flascherlkinder kriegen riesige Köpfe und werden dick“ reichten die Kommentare aus den eigenen Reihen, von denen man sich als Mutter doch am meisten Verständnis erhofft. Ich unterstelle niemandem, der solche Aussagen getroffen hat, dass ihm in diesem Moment bewusst war, was er damit in mir auslösen würde. Fest steht, sie erklärten mich damit zu einer Mutter, die ihr Kind nicht aus eigener Kraft ernähren konnte und die ihm das Wertvollste verwehrte, die Muttermilch. Die Kränkung, die ich damals erfahren habe, sitzt auch heute, drei Jahre danach, noch tief.

Traut den Müttern doch zu, selbst zu entscheiden!

Immer, wenn ich Rabattaktionen von Drogeriemärkten für Babyprodukte sehe, fällt mein Blick auf das Kleingedruckte. Auch wenn es bis zu minus 25 Prozent auf sämtliche Produkte rund ums Kind gibt, ist Anfangsnahrung davon ausgeschlossen. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Zum Schutze des Stillens, nicht zum (finanziellen) Wohle jener Mütter, die auf industriell erzeugten Muttermilchersatz angewiesen sind. Wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich alle Mütter zu stillen aufhören würden, weil Anfangsnahrung in Aktion ist? - Nicht auszudenken! Für wie blöd halten jene (ich vermute vorwiegend männlichen) Verantwortlichen die Frauen, dass sie solche Rabattverbote festlegen? Qualitativ hochwertige Anfangsnahrung hat ihren Preis. 100 Euro für einen Monatsbedarf sind hier eher die Untergrenze. Muttermilch ist gratis, immer verfügbar, immer mit dabei und immer in idealer Trinktemperatur. Hat der Gesetzgeber Angst, dass Frauen auf diese Vorteile aufgrund von ab und zu vergünstigten Ersatzprodukten verzichten und künftig mit Milchpulver, abgekochtem Wasser und desinfizierten Fläschchen ihren Alltag bestreiten? Klingt schließlich wahnsinnig verlockend, in der U-Bahn mit Thermoskanne, heißem Wasser und Milchportionierer zu hantieren und noch dazu für vergünstigte 75 statt 100 Euro im Monat! Da packt jede vernünftige Frau die Brüste ein und greift zum Fertigprodukt.
Müttern darf durchaus ein bisschen mehr Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein und Hausverstand zugetraut werden. Und jenen Frauen, die aus unterschiedlichen, sehr persönlichen Gründen ihr Kind nicht mit Muttermilch ernähren können, würde mit dem einen oder anderen Rabatt ein klein bisschen geholfen. Dies ist kein Text gegen das Stillen und auch nicht für Ersatzprodukte. Es ist ein Text für Toleranz und Akzeptanz. Für Toleranz gegenüber Frauen, die nur das Beste für ihr Kind wollen. Und das Beste kann, muss aber nicht ausschließlich Muttermilch sein.

Natascha Gazzari ist Journalistin und Mutter eines bald dreijährigen Sohns. Sie lebt in Wien.

 

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