Gastkommentar: "Lasst die Kinder wieder raus!"

Corona-Krise: Vier Wochen sind Kindergärten und Schulen bereits geschlossen, für mindestens weitere fünf Wochen wird das so bleiben. Wissenschafterin Marita Haas fragt: Bei aller gesundheitlichen Vorsicht - wer denkt dabei an die Kinder?

abgesperrtes Schulgelände mit Schild "Vorübergehend geschlossen wegen Coronavirus"

Ganz nebenbei wird in einer Pressekonferenz (am vergangenen Montag, 6.4., Anm.) erwähnt, dass „bis Mitte Mai“ Home Schooling fortgesetzt werde. Das lapidar hingeworfene Statement steht im krassen Gegensatz zur detaillierten Auseinandersetzung mit den Öffnungszeiten der Wirtschaftsbetriebe.

Fakt ist, der schulische Bereich hat für die Regierung keine Relevanz – er ist ohnehin in die Familie delegierbar. Der Kindergarten ist nicht einmal mehr eine Erwähnung wert (ja ich weiß, Ländersache) – es scheint völlig klar, dass Kinder die „nur“ betreut und nicht „gebildet“ werden müssen, zuhause bleiben sollen. Und sich damit vorwiegend Mütter um sie kümmern.

Wichtig ist also das kapitalistische Konstrukt und die Wirtschaft.

Wen trifft es? Überdimensional trifft es Mütter. Alleinerziehende Personen. Personen, die ohnehin schon Mehrfach-Belastungen zu tragen haben. Die Ökonomin Katharina Mader von der WU Wien nennt Frauen in diesem Zusammenhang den „sozialen Airbag“ : was von der Gesellschaft erwartet wird ist eine sofortige und logische Übernahme der – ohnehin der weiblichen Spähre zugeordneten – Betreuungs- und Bildungsarbeit.

Das hier ist übrigens KEIN Männer-Bashing; im Gegenteil - es ist ein Kapitalismus-Bashing. Hier kommen nämlich die traditionellen Vorstellungen unserer Gesellschaft zum Vorschein: Wenn es hart auf hart kommt, ist die Arbeitskraft der Frauen austausch- und in den privaten Raum abschiebbar. Den Unternehmen bleiben zwei Möglichkeiten um mit diesen Anforderungen an „Home Schooling“ umzugehen: Entweder: Frauen „nach Hause schicken“ damit sie sich um die Kinder kümmern; ihnen mehr Raum, Freiheit, Zeit zur Gestaltung der Betreuungsarbeit zu bieten. Oder: Ihnen weiterhin die Mehrfach-Belastung zumuten und sehen wie sie dann irgendwann die Entscheidung treffen das Unternehmen zu verlassen oder Zeit zu reduzieren, weil sie es „nicht mehr schaffen“.

Mit ersterem wird die Re-Traditionalisierung weiter fortgeführt, mit zweiterem eine scheinbar individuelle Entscheidung herbeigeführt, die auf nichts anderem fußt als auf einer alten Idee von Teilung in öffentliche und private Sphäre.

Spätestens jetzt wird klar, dass die so beliebten humankapitalistischen Argumente zum Thema „wir brauchen auch die Frauen am Arbeitsmarkt, weil sie.... so empathisch und daher wichtig fürs Team sind; ...weibliche Kund*innengruppen erschließen“ etc. überflüssig sind. In Krisenzeiten bricht der alte Gender – Divide wieder auf. Sobald der ökonomische Druck steigt und keine Betreuungsmöglichkeiten da sind, geht weiterhin arbeiten, wer mehr verdient; wer weniger verdient, übernimmt die Kinderbetreuung und das „Home Schooling“.

Es braucht Austausch mit anderen, es braucht den Sportverein, es braucht das gemeinsame Lachen, nicht die 25. Zoom-Konferenz oder die zusätzliche Plattform.

Noch weniger Lobby als Frauen*, Eltern und Erziehungsberechtigte haben übrigens die Kinder selbst, denn ansonsten würde man sich Gedanken machen über ihre körperliche und geistige Gesundheit. Man würde Settings überlegen, die es ihnen möglich machen, sich weiterhin zu entwickeln und ihren Platz in der Gesellschaft zu erhalten. Es geht hier nicht nur um Leistungserbringung und Leistungsbeurteilung (dafür wird ja nun rasch eine Lösung gefunden, die von e-Learning über Ersatz-Matura bis hin zu gar nicht mehr benoten reicht) – es geht um den Sozialraum Schule; um das Thema der sozialen und körperlichen Entwicklung, um Freunde, Peer-Group, gemeinsames Lernen. Die Öffnung der Wiener Bundesgärten sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer Kinder hat, weiß dass es nicht darum geht, sich mit ihnen „die Beine zu vertreten“; es braucht Platz zum Laufen, Klettern, Herumkugeln. Es braucht Austausch mit anderen, es braucht den Sportverein, es braucht das gemeinsame Lachen, nicht die 25. Zoom-Konferenz oder die zusätzliche Plattform.

Mir ist bewusst, dass es um die Eindämmung einer Pandemie geht. Und mir ist bewusst, dass datenbasiert Entscheidungen getroffen werden. Welche Daten frage ich mich jedoch, liefern Evidenz dafür, dass man eine ganze Generation weitere 5 Wochen einsperren darf?

Ich spreche hier als Mutter.

Ich spreche als Wissenschaftlerin mit mehr als einem Jahrzehnt Forschungserfahrung im Bereich Gender.

Ich spreche als Feministin.

Ich spreche auch als Unternehmerin.

Und ich spreche als Dozentin des Instituts für Bildungswissenschaften.

Lasst die Kinder wieder raus!

Marita Haas sitzend, Hand am Kinn

Dr. Marita Haas ist Gender-Expertin und Unternehmensberaterin in Wien.

 

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