Gastkommentar: "Es ist nicht mein Job, meine Kinder zu unterrichten"

Pamela Rath hat einen Job und zwei schulpflichtige Kinder. Die aktuelle Herausforderung zwischen Home Office und Home Schooling während der Corona-Krise ist ihrer Meinung nach nicht zu meistern - und sollte es für Eltern auch gar nicht sein.

Blick auf einen Schüler, der Arbeitsblätter ausfüllt

Heute ist Tag 2 in Woche 2 des Heimunterrichts. Ich habe gestern auf Facebook etwas zum Thema Home Schooling gepostet. Ich wollte für mich ein Stimmungsbild einfangen. Seit Tagen bin ich in Kontakt mit anderen Eltern, die Ansichten und Erfahrungen sind divers. Von „Alles super, besser als normaler Schulunterreicht“ bis „am Rande des Nervenzusammenbruchs“ war alles dabei. Die Erfahrungen sind so unterschiedlich wie die Familien selbst.
Ich halte kurz inne, und versuche die diversen Rückmeldung gedanklich einzuordnen und zu verstehen. Wir halten also alle den „normalen Betrieb“ der Schule mehr oder weniger gut aufrecht, in Zeiten des Ausnahmezustandes. Und jeder auf seine Art und Weise. Das ist nicht klug, das ist keine Systemerhaltung. Das ist Beschäftigungspolitik.

Wir sollten kein System aufrecht erhalten, das krank ist

Ja, es sind keine Ferien, ja die Kinder gehören während der Quarantäne auch kognitiv beschäftigt, ja wir brauchen eine Tagestruktur, um halbwegs normal zu funktionieren. Das sind sie, die Ziele, die wir verfolgen sollen. Einen konstruktiven Tagesrhythmus für Familien finden in dieser speziellen Situation. Wir sollten nicht den Druck der Lehrenden an die Eltern weitergeben lassen, den Lehrplan des Sommer-Semesters durchbringen zu wollen oder müssen. Dieses Sommersemester wird niemals wie alle anderen davor ablaufen!

Wir sollten unsere Energien also nicht damit vergeuden, ein System aufrecht zu erhalten, das bereits krank ist. Der Virus hat uns ausgebremst, uns alle. Die Wirtschaft, das öffentliche Leben stehen schon still. Nur die Schule macht wie bisher weiter? Warum? Weil die Uhren der Bundesbediensteten weiterlaufen? Schön für sie, sie müssen wohl auch nicht um ihre Jobs und Existenzen zittern.
Für den Rest der Bevölkerung hat sich alles verändert. Selbständige fürchten um Ihre Existenz, Angestellte um ihre Jobs. Natürlich ist es gerade dann auch Psychohygiene, wenn wir produktiv bleiben. Unsere Kinder sollen nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher/PC/Laptop/Tablet/Handy oder Konsole sitzen. Nein, genau, wir sollten jetzt die Zeit haben, miteinander zu spielen, singen und musizieren, sobald Mama und Papa mit dem Home Office und der zusätzlich aufkommenden Hausarbeit fertig sind. Also "Quality Time" als Ausgleich zur Krise. Aber gerade jetzt erleben wir Chaos. Am Vormittag, da wo alle produktiv sein soll(t)en, muss die Aufmerksamkeit bei den Kunden bleiben. Es ist ein nervlicher Drahtseilakt. Wenn man Kinder hat, die noch nicht alle Anforderungen selbständig stemmen, sowohl kognitiv als auch technologisch. Es gibt Haushalte, die haben nur einen PC, an dem sitzt eventuell der Vater, der selbständige, der gerade damit beschäftigt ist, sein kleines Unternehmen am Leben zu halten. Oder die Mutter, die selbst Lehrerin ist, und über Videokonferenz ihre Schüler unterrichtet.

Home Office und Home Schooling: So multitasking muss niemand sein

Mit welcher Priorität stellen wir also nun den PC unseren Kindern zu Verfügung? Ist es lebensnotwendig, dass jetzt eine bestimmte Aufgabe genau heute bis 12 Uhr Mittag auf Moodle übermittelt wird? Nein, ist es nicht. Die Rückmeldung aus der Schulde oder Ratschläge von anderen Eltern lauten oft wie folgt: „Machen Sie sich das doch bitte individuell mit der entsprechenden Lehrperson aus, sie hat sicher Verständnis.“. Das mag schon sein, dafür habe ich aber keine Zeit. Es ist nicht mein Job, meine Kinder zu unterrichten, das kann man mir nicht einfach unreflektiert delegieren. Ich habe eigene Pflichten, bin selbst angestellt und nebenberufliche Studentin. Ich unterstütze meine Kinder im normalen Unterricht gerne bei den Hausübungen, am Nachmittag, wenn ich meine eigene Arbeit erledigt habe, dann kann ich mich auch gut und gerne auf sie konzentrieren. Aber parallel Home Office und Home Schooling ist nicht produktiv, so multitasking muss keiner sein. Jeder Arbeitsmediziner rät davon ab, und für die Kinder ist die Anspannung der Eltern nicht positiv. Alleine die zusätzliche Zeit, die wir für ausdrucken, scannen, Zeitmanagement verbringen, müssen wir uns von unsere „Job-Zeit“ und „Freizeit“ wegnehmen. Dass gewisse Tools nicht durchgängig oder selbsterklärend funktionieren ist zusätzlich mühsam und belastend. Es gibt Eltern, die haben Spaß an der zusätzlichen Tätigkeit, die ereifern sich förmlich und erledigen teilweise auch die Aufgaben für die Kinder. „Damit es schneller geht!“ Oder wohl auch, damit das Kind gut beurteilt wird?

Für alle Familien, die „locker“ damit zurechtkommen, ich freue mich ehrlich für euch! Man kann auch sagen, ich beneide euch! Das hilft mir und anderen aber leider nichts. Es gibt auch Menschen in dieser Gesellschaft, die sich hier sichtlich mehr belastet fühlen, in einer Zeit, die ohnehin bereits belastend genug ist. Eventuell ist das nur das Problem von Familien mit jüngeren Kindern und von Kindern, die noch nicht vollständig selbstorganisiert arbeiten können. Mag sein, aber wir sind eben auch da. Und auch ich schreibe vom Elfenbeinturm aus, wir kommen nicht aus einer bildungsfernen Schicht, wir haben drei Laptops zuhause und genug Wohnraum, um uns auch mal aus dem Weg zu gehen, und keiner von uns ist krank. Stellt euch die Familien vor, die nicht diese optimalen Voraussetzungen erfüllen.
Deshalb ersuche ich, vielleicht im Namen all dieser betroffenen Familien alle Lehrenden und die Behörden dahinter um rasches Umdenken. Nehmen wir die Krise als Anlass und erarbeiten wir gemeinsam konstruktive Konzepte für eine Zukunft nach der Krise. Es kann/soll/darf nach der Krise nicht so weitergehen, wie bisher. Wenn nicht, haben wir nichts aus der Krise gelernt, das wäre sehr schade! Wie kommen wir gemeinsam von #runtervomgas zu #heimunterrichtmachtspass?Jede Familie ist anders, daher wird auch Heimunterricht unterschiedlich ablaufen. Er muss aber für alle gerecht „bewertet“ werden.

Home Schooling HOme Office

Pamela Rath ist in der IT-Branche angestellt und studiert nebenberuflich Arbeits- und Organisationspsychologie Sie ist Mutter von zwei Schulkindern im Alter von 11 und 7 Jahren, ihr Mann ist AHS-Lehrer. Die Familie lebt in Niederösterreich.

Wir freuen uns, dass wir Pamelas Text an dieser Stelle veröffentlichen dürfen.

 

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