Gastbeitrag: Appell eines Kindes an die Erwachsenen

Kinder sollen alleine spielen können - und werden doch immer bespaßt. Sie sollen mithelfen - bekommen aber nie die Zeit, das auch in ihrem Tempo zu tun. Barbara arbeitet als Ergotherapeutin mit Kindern und richtet in deren Namen eine wichtige Bitte an alle Eltern.

Kleinkind im Grünen

Konzentrier' dich mal! sagen sie und wundern sich, warum ich so viele Dinge anfange und nicht zu Ende bringe.
Dabei erinnere ich mich noch gut daran, wie sie mich damals selber dauernd unterbrochen haben: wenn ich total im Flow war, weil sich das Joghurt so wunderbar mit den Händen auf der Tischplatte verstreichen ließ, nahmen sie mir den halbleeren Becher trotz lautstarkem Protest weg – eine Frechheit, ich war ja noch mitten dabei! Wenn ich versunken mit meiner Eisenbahn spielte, verstand ich nicht warum ich partout in diesem Moment Jacke und Schuhe anziehen und weggehen sollte. Malte ich eben ein buntes Bild, wurden mir plötzlich wütend die Stifte entrissen, weil die Badezimmertür nicht zum Malen da sei. Hatte ich gerade entdeckt, dass man auf der Mauer im Park balancieren konnte, musste ich schon wieder runter – zu gefährlich! Wie sie sich immer eingemischt haben, wenn ich ein Spiel in ihren Augen „falsch“ gespielt, einen Gegenstand zweckenfremdet, etwas nicht nach Anleitung zusammengebaut habe oder nicht ihren Vorstellungen entsprechend gezeichnet habe. Wenn ich eifrig damit beschäftigt war mich selber anzuziehen, haben sie mir lieber alle Arbeit abgenommen, denn eilig haben sie es eigentlich immer, und aushalten tun sie's auch nicht, wenn ich das Leiberl verkehrt rum anhabe. Als wenn's nicht wurscht wär, dafür hab ich's selber angezogen!

 

Warum kannst du nicht auch mal alleine spielen? fragen sie und schütteln den Kopf über meine Unselbstständigkeit.
Dabei erinnere ich mich noch gut daran, wie alles begonnen hat: wie gern wäre ich als Baby einfach mal nur auf einer Decke gelegen und hätte mir eine Stunde lang in Ruhe das schöne Licht der Stehlampe angesehen – stattdessen wurde mir ständig mit irgendeiner Rassel vor dem Gesicht herumgewedelt. Wenn ich geweint habe, wurde ich sofort bespaßt – dabei hätte ich vielleicht einfach gern ein bisschen in ihrem Arm geweint, weil alles so aufregend war.

Permanent wollten alle mit mir spielen, weil ich ja so süß war und sie es gar nicht aushielten mich einfach mal in Ruhe zu lassen. Wurde es mir zuviel und ich wendete die Augen ab oder begann zu jammern, wurde mir sofort ein neues Spielzeug in die Hand gedrückt. Klar, hat mir dann schon wieder eine Zeit lang gefallen, es gibt ja so viele interessante Sachen. In Wirklichkeit hätte ich aber dringend ab und zu eine Pause gebraucht!
Starrte ich gemütlich auf die Wand neben mir, wurde ich in die Wippe und vor das Fenster gesetzt, damit ich auch was zu sehen habe – dabei war das Muster der Tapete grad so schön! Ständig schienen sie zu denken, mir wäre langweilig – dabei ist das Leben als Baby alles andere als fad, glaubt mir…
Als ich älter wurde, wurde es immer ärger mit dem  Programm – vom Schwimmkurs zur Spielgruppe, vom Kindergarten zum Playdate, von tollen Bastelarbeiten mit Mama zu Ausflügen in den Zoo, dauernd was los. Das kann ganz schön anstrengend sein, ich sag`s euch. Aber natürlich gewöhnt man sich dran. Und irgendwann wundern sie sich dann, warum mir schnell langweilig wird und ich dauernd unterhalten werden will.

 

Warum hilfst du nie im Haushalt?! fragen sie und scheinen ganz vergessen zu haben, dass sie selbst früher nie wollten, dass ich ihnen helfe. Egal ob ich bei der Wäsche geholfen habe, indem ich die sauberen Socken wieder in die Waschmaschine gestopft habe, die noch nassen Hosen vom Kleiderständer zurück in den Wäschekorb geworfen oder die Schmutzwäsche zu den sauberen T-Shirts im Kasten gelegt habe – NICHTS hat ihnen gepasst. Egal ob ich in der Küche geholfen habe, indem ich die schmutzigen Löffel in die Besteckschublade gesteckt, das saubere Geschirr in den Geschirrspüler gestellt oder die Vorratsdosen geleert habe um damit zu kochen – NICHTS durfte ich!
Ganz ehrlich: wen wundert's, dass ich irgendwann gar nicht mehr helfen wollte.

Klar, ich kann schon verstehen, dass ihr Leben bzw. euer Leben nicht immer einfach ist. Dass ihr mal dringend weg müsst und keine Zeit habt für meine Spompernadeln. Dass auch Mama und Papa nicht immer geduldig sind. Dass ihr mich schützen müsst, weil ich selbst es noch nicht besser weiß. Dass manche Dinge sein müssen, auch wenn ihr selbst genausowenig begeistert davon seid wie ich. Und dass – ja, ich geb's ja zu – ich es euch auch nicht immer ganz leicht mache, weil ich manchmal einfach eine Nervensäge sein kann.

Das ist auch alles gar nicht so schlimm – wenn ihr mir dafür in den vielen anderen Momenten das Gefühl gebt, dass ich auch einfach mal mein Ding machen kann. Wenn ihr mir Zeit lasst. Wenn ihr mir die Chance gebt, mich auszuprobieren. Wenn ihr mir die Möglichkeit lasst, selber die Welt zu entdecken, in meinem Tempo und mit meinem mir ganz eigenen Fokus.
Ich verbringe sehr gern meine Zeit mit euch, wirklich – es ist toll mit euch zu spielen, zu kochen, zu basteln, Ausflüge zu machen.

Aber ganz ehrlich: manchmal müsst ihr mich auch einfach mal in Ruhe lassen. Mich einfach MACHEN lassen. Mich einfach SEIN lassen.

Barbara Chalupny-Rainer lebt und arbeitet in Wien. Als Ergotherapeutin begegnen ihr seit über zehn Jahren täglich "Springinkerl und Zornbinkerl, Schussel und Tollpatsche, Träumerinnen und Trödler, Lauser und Frechdachse" - und das findet sie ganz wunderbar!

Auf die-ergotherapeutin.com schreibt sie über ihre Erfahrungen im Umgang mit kleinen Menschen. Ihre Praxis ist über praxis-belvedere.at und auf Facebook zu finden, ebenso ihr zweiter Blog diegutehaut.com

Aktuell