Ganz im Stillen

Feministinnen werfen Müttern, die ihrem Kind die Brust geben, gern vor, damit das überholte „Zurück an den Herd“-Credo zu unterstützen. Befürworterinnen des Stillens halten dagegen, dass es das Natürlichste der Welt sei. Und einige Hardliner sagen sogar: Wer seinem Kind Muttermilch vorenthält, schadet ihm.

Eigentlich ist Stillen ja kein großes Ding. Wir sind „Säufetiere", tun es seit Anbeginn der Zeit. Und es ist ja auch praktisch: Mutter führt perfekt auf die Bedürfnisse des Babys abgestimmte Nahrung kostenlos und sauber verpackt mit sich herum. Das Kind dockt an. Und die Quelle versiegt erst, wenn kein Bedarf mehr gemeldet wird. Die Realität erweist sich mitunter aber als etwas komplizierter. Erstens brauchen fast alle Frauen anfangs Stillberatung, bevor sich alles eingespielt hat (und bei manchen Müttern klappt es trotzdem nicht). Und zweitens gibt es nur wenige Themen rund um Ernährung und Erziehung, die ähnlich kontrovers diskutiert werden wie das Brustgeben.

Das grosse Stillen

Geht es um Muttermilch versus Fläschchen, dann prallen noch dazu nicht einfach nur Meinungen aufeinander. Es gibt kein „Ich mach das so. Und du machst es anders. Alles gut". Vielmehr entfacht sich oft ein Krieg zwischen Vertretern zweier Weltanschauungen. Es geht plötzlich nicht mehr (nur) um die Sache, die gesunde Ernährung des Kindes während der ersten Lebensmonate. Sondern um Liebe versus Vernachlässigung, um Aufopferung versus Selbstbestimmung - wie zuletzt der Wirbel um die französische Feministin Elisabeth Badinter und ihr Buch Der Konflikt. Die Frau und die Mutter (€ 18,50, C. H. Beck, ab Jänner bei dtv um € 9,99) bewies. Sie meint darin: Wenn Frauen stillen, statt arbeiten zu gehen, sei dies ein Rückschritt für die Emanzipation. Sie kritisiert „gewisse Kreise", die Stillen als einzig wahres Ideal propagieren.

Grabenkämpfe

Mit den „gewissen Kreisen" meint die Französin etwa die vor allem in den USA mächtige La Leche Liga (LLL), 1956 als Stillverband gegründet und längst weltweit aktiv. Kritiker wie Badinter werfen LLL ein einseitiges Frauenbild vor, das berufstätige Frauen, die sich monate- oder jahrelanges Stillen selten erlauben können, nieder- und ein schlechtes Gewissen mache. Stimmt das? Wir fragten Maria Wiener, Präsidentin von La Leche Liga Österreich (lalecheliga.at). Sie sagt: „Wir verdonnern niemanden zum Stillen. Zu uns kommen eh nur die Frauen, die uns brauchen." Sprich: Mütter, die gern (lange) stillen möchten und entweder Probleme haben, noch unsicher sind oder sich mit Gleichgesinnten austauschen wollen. Dennoch schimmern durch die „10 Grundsätze von LLL" Werturteile durch: „Im Idealfall wird die Stillbeziehung fortgesetzt, bis das Kind ihr entwachsen ist", liest man dort etwa.Gut möglich also, dass die Frauen, die nicht zur Liga kommen, weltanschauliche Grabenkämpfe in Sachen Muttermilch scheuen und sich lieber an „wertfreiere" Mediziner halten. Tatsächlich hat laut der Studie Säuglingsernährung heute 2006 die Kinderärztin / der Kinderarzt den „signifikant höchsten Einfluss" als Informationsquelle beim Stillen.

Weiter geht's auf Seite 2 ...

In Schieflage
Unterschiedlich große Brüste hat fast jede Frau, bloß sind die Unterschiede meist so minimal, dass diese nicht auffallen. Und: Die Brüste nähern sich mit der Zeit einander an.

Groß und knackig
Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld über universale Brust-Ideale.
„Auch wenn man in der westlichen Welt schon immer auf den Busen fixiert war, herrschten früher überall andere Standards in Sachen Brust. In Japan zum Beispiel war es unüblich, den Busen zu unterstreichen. Japanerinnen haben andere Brüste und sehr stark ausgebildete Brustwarzen – es galt sie zu verbergen. In Europa war noch in den 1970ern ,eine Hand voll‘ das Maß aller Dinge. Heute setzt sich das Brüste-­Ideal der USA – ,big tits‘ – aber immer mehr durch, die meisten Völker passen sich an. Mit diesem Bild der idealen Brust setzen wir uns unter Druck: Wir wollen immer nur jung sein – ,standfeste‘ Brüste sind ein wichtiges Indiz für Jugendlichkeit!“

Zeitenwandel

Vor manch innerem Auge steigen ob der LLL-Ratschläge nämlich Bilder von Sechsjährigen auf, die ihrer Mutter auf der Straße die Bluse öffnen, um anzudocken. Wiener hält dagegen: „‚Entwachsen‘ heißt, bis das Kind sagt, es will nicht mehr. Aber natürlich gehören da immer zwei dazu." Ein wichtiger Nachsatz - der zeigt: „LLL hat sich gewandelt. Und mich ärgert, wenn wir so dargestellt werden, als würden wir dafür plädieren, dass stillende Frauen zu Hause bleiben und sich aufopfern." Klar befürwortet Wiener das Stillen und führt die (allerdings kontrovers diskutierten) Studien an, laut denen Muttermilch langfristig allerlei Risiken senkt, wie die für Allergien oder Neurodermitis. Mit berufstätigen Frauen, die zu ihr kommen, sucht sie daher „nach einem gemeinsamen Weg. Denn Arbeitengehen muss nicht automatisch Abstillen bedeuten. Der Arbeitgeber muss Müttern geeignete Räume zum Abpumpen oder Stillen bieten."

Erfahrung weitergeben

Auch in anderen Bereichen versorgen die Stillberaterinnen Neo-Mütter mit Informationen, nehmen Ängste: „Es ist zum Beispiel ein Irrglaube, dass Frauen, die Antibiotika schlucken, abstillen müssen", sagt Wiener, selbst Gesundheits- und Krankenschwester. Bei La Leche Liga müssen angehende Beraterinnen mindestens neun Monate lang gestillt haben. „Das hat mit Glaubwürdigkeit zu tun", erklärt Wiener. „Riete eine Beraterin mit sechs Monaten Stillerfahrung einer Frau etwas, die ihr einjähriges Kind stillt, wäre das so, als wenn Menschen ohne Kinder Leuten mit Kindern etwas erzählen."

Erfahrung hin oder her - manchmal sei es für sie durchaus eine Gratwanderung, zum (Weiter-)Stillen zu raten, ohne Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen, sagt Wiener. „LLL will das Beste fürs Kind, aber die Gesellschaft hat sich nun einmal gewandelt und damit die Anforderungen an uns Frauen. Als Stillberaterin will ich für die Frau da sein."
Auch wenn andere LLL-Anhängerinnen ein weitaus tradierteres Frauenbild verkünden mögen: Sorge vor einer übermächtigen stillenden Mütter-Phalanx muss die österreichische Gesellschaft nicht haben. In Österreich beginnen zwar 93,2 % der Frauen mit Stillen. Drei Monate später aber geben nur mehr 60 % der Mütter noch voll die Brust, nach sechs Monaten sinkt deren Zahl sogar auf 10 %.

Gretchenfrage

Und wie verhält es sich nun mit Madame Badinters Feminismuskritik? „LLL Österreich sieht das nicht so", sagt die Stillberaterin. „Jede Frau versteht unter Emanzipation doch Unterschiedliches. Aber ganz ehrlich: Die, die zu uns kommen, haben eh andere Probleme ..."

Aktuell