Fühlt ihr euch schlecht, nachdem ihr Zeit in eurem Heimatdorf verbracht habt?

Ein schneller Besuch im Heimatdorf könnte so schön sein. Wenn da nur dieses nagende Gefühl bei der Heimatfahrt nicht wäre, dass man falsch ist und versagt hat. Was hat es damit auf sich?

Fühlt ihr euch schlecht, nachdem ihr Zeit in eurem Heimatdorf verbracht habt?

Ihr seid weggezogen, habt euer eigenes Leben begonnen und dann kommt ihr zurück nach Hause, vielleicht für eine Woche, vielleicht nur für ein paar Tage. Euer Leben passt nicht mehr zu den Werten, die ihr dort mitbekommen habt, ihr seid stolz darauf, was ihr erreicht habt. Ihr seid zufrieden. Doch dann, unter dem alten Backstreet-Boys-Poster in eurem alten Kinderzimmer, fühlt sich alles anders an.

Die Entscheidung nicht zu heiraten, fühlt sich plötzlich wie eine Niederlage an. Ich meine ja, wieso wollte mich eigentlich bisher niemand zu seiner*ihrer Frau machen? Der Job ist eigentlich gar nicht so toll oder unwichtig. Tante Agnes hat schon recht, ich bin nur in einem Büro. Die Wohnung in Wien, die eigentlich der Safe Space ist, wirkt jetzt zu klein, zu ranzig, sollte eigentlich einen Balkon haben. Mama hat gesagt, ich entfremde mich komplett von der Natur. All das wird euch bewusst, während ihr mit euren Eltern, Tanten, alten Freund*innen eines früheren Lebens sprecht. Es gibt Unmengen Filme darüber. Das Heimkommen.

Heimkommen und Versagen

Wenn ihr euch nach oder während Besuchen in der Heimat oft ziemlich scheiße fühlt, seid ihr nicht allein. Viele Menschen kämpfen damit, dass sie sich zwar von den traditionellen Werten losgesagt haben, sich zurück in ihrem Heimatdorf aber wie ein*e Versager*in fühlen. Denn dieser Besuch führt zu einer innerlichen Zeitreise zurück in die Kindheit. Und all die Werte, die man in dieser Zeit vermittelt bekam, sind plötzlich wieder da.

Wie ein Kind

Autorin Dorothee Döring hat ein Buch über Scham geschrieben und kann uns erklären, was in diesen Moment passiert: "Im Heimatdorf und Haus der Kindheit gelten bestimmte Werte. Besonders in kleinen Dörfern ist man oft traditionell erzogen worden und man kann sich dort keinen Ausreißer erlauben. In der Stadt ist man anonymer, dort wird weniger verurteilt. Sobald man in diesen traditionellen Kreis zurückkehrt, fühlt man sich wieder wie damals als Kind."

In welches Alter man dabei zurück versetzt wird, ist abhängig von den Erfahrungen, die man gemacht hat. Dieses Problem passiert übrigens nicht nur, wenn man Mitte 20 ist. Auch Menschen mit 40 sind noch dieser emotionalen Zeitreise ausgesetzt. Dorothee Döring erklärt: "Das ist ein spannendes Phänomen, von dem sogar Frauen mit eigenen Familien berichten. Beim Besuch zu Weihnachten fühlen sie sich wieder unmündig, fehl am Platz und nicht wie eine erwachsene Frau. Und das obwohl sie ein Leben als Frau und Mutter managen. Aber in solchen Momenten werden sie das kleine Mädchen von früher."

Im Heimatdorf und Haus der Kindheit gelten bestimmte Werte. Sobald man in diesen traditionellen Kreis zurückkehrt, fühlt man sich wieder wie damals als Kind.

von Dorothee Döring

Scham und Schuld

Es ist also unser inneres Kind, das dazu führt, dass wir uns schlechter fühlen. Alte Werte werden wieder wichtig und oft passen diese nicht mehr zu unserem aktuellen Leben. Und obwohl wir uns bewusst für das Leben entschieden haben, das wir fernab von unserem Heimatdorf leben, können wir uns trotzdem schuldig dafür fühlen, nicht mehr da zu sein, noch keine Kinder zu haben, nicht im Dorf geblieben zu haben, zu selten zu Besuch zu bekommen oder enttäuscht zu haben. Dann manifestiert sich Scham. Aber wie werden wir diese Scham los?

Seelische Festplatte

Leider ist das gar nicht so einfach, wie Dorothee Döring weiß: "Diese Bindungen und frühen Prägungen kriegt man höchstwahrscheinlich nicht weg. Muss man aber auch nicht unbedingt. Man muss sich nur bewusst machen, warum man sich so fühlt. Ich habe mich das früher oft beim Heimfahren gefragt, wenn ich meine Mutter besucht hab: Warum fühl ich mich eigentlich so schlecht? Das hing damit zusammen, dass diese Gefühle unbewusst getriggert wurden. Es waren nicht nur schöne Erlebnisse in diesem Umfeld und die waren weg, wenn ich im anderen Umfeld war."

"Komm ich zurück in dieses Umfeld, das Haus oder mein Kinderzimmer kommen die Erinnerungen automatisch zurück. Schon der Geruch kann auslösen, dass man sich an Situationen erinnert, die ziemlich belastend waren. Dann fühlt man sich schlecht. Auch wenn man nicht mehr aktiv daran denkt, im Unterbewusstsein ist alles das, was wir als Kinder erlebt haben. Wie auf einer seelischen Festplatte gespeichert."

Warum fühle ich das?

Um die Scham zu lösen, muss man sich bewusst machen, woher die Scham kommt. Warum schäme ich mich in diesem Moment? Ist das noch gerechtfertigt? Wann habe ich gelernt, dass ich mich dafür schämen sollte? Und ist das Gefühl heute noch relevant oder ein alter Bekannter von früher, den ich nicht mehr brauche? Wen ich mich mit diesen Fragen konfrontiere ist das ein erster Schritt, um Scham und schlechte Gefühle abzubauen. Vielleicht kann dann irgendwann eine nette Familienfeier auch einfach das sein. Nett.

 

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