"Früher haben Kinder noch aus Spaß Sport gemacht"

Warum schleifen Eltern ihre Kinder über die Ziellinie? Wir haben beim Profi-Coach Roman Braun nachgefragt.

Seit einigen Wochen kursieren Fotos von Eltern im Netz, die ihre Kinder beim Linzer Marathon über die Ziellinie schleifen (die WIENERIN hat berichtet). Gewinnen um jeden Preis, lautet da die Devise. Warum machen Eltern so etwas?

ROMAN BRAUN: Es gibt mehrere Verstrickungsformen zwischen Eltern und Kindern. Dazu gehört auch die sogenannte Symbiose. Darunter versteht man Eltern, die sich in außergewöhnlichen Maßen mit ihren Kindern identifizieren. Erfolge oder Misserfolge ihrer Kinder führen diese Eltern direkt auf sich zurück. Ein klassischer Satz von Eltern ist in solchen Beziehungen „dann gewinnen WIR“.

Wo ist die Grenze zwischen der Förderung eines gesunden Ehrgeizes und Übertreibung?

Man unterscheidet klar zwischen intrinsisch motiviertem, gesundem Ehrgeiz von Kindern sowie von außen projiziertem Ehrgeiz der Eltern. Beim gesunden Ehrgeiz steht die Entwicklung von Fähig- und Fertigkeiten im Vordergrund. Das Kind lernt, dass es sich lohnt, mit Ausdauer an einer Sache zu bleiben, weil sich dadurch Fortschritte einstellen. Es bemerkt durch die Beobachtung seiner Leistungen, dass man sich verändern kann. So nimmt es sich als dynamisches Selbst wahr. Dieses Beobachten der Erfolge ist viel wichtiger als das Endergebnis. Beim übermotivierten Ehrgeiz steht das Ziel bzw. der Wettkampf im Fokus. Anstatt dass das Können an sich zählt, wird die Leistung des Kindes nach dem Ergebnis beurteilt.

Welche gesellschaftlichen Trends führen zu „übermotivierten“ Eltern?

Erwachsene in unserer Gesellschaft sind oftmals überfordert. Das geht auf zahlreiche Trends wie die steigende Informationsflut oder die vielseitigen Rollenerwartungen zurück. Das führt zu Frustration und dem Denken, dass die eigenen Kinder glücklich und erfolgreich sein sollen. Sie projizieren ihre Emotionswelt und ihre Ziele auf die Kinder und übersehen dabei gleichzeitig, dass diese andere Wünsche und Bedürfnisse haben.

Ist der Konkurrenzkampf – bereits unter Kindern – heute größer als etwa noch vor 40 Jahren? Vor allem im sportlichen Bereich?

Ja, er ist größer geworden, seitdem die Eltern mitmischen – vor allem, was den sportlichen Bereich angeht. Früher ist man als Kind aus reiner Freude am Spiel bis zum Abend am Platz gewesen und hat beispielsweise Fußball gespielt. Hier haben einen die Eltern zurückholen müssen und zu „vernünftigen“ Dingen, wie Schule, motiviert. Heute kommt zu dieser, für Kinder selbstverständlichen, Motivation und dem Spaß am Sport der elterliche Ehrgeiz hinzu. Das gilt übrigens nicht nur für den Sport. Die „Überpädagogisierung“ reicht in alle Bereiche. Kinder müssen früh lernen, Geige zu spielen, im Chor zu singen, eine zweite Sprache zu lernen, im Judo-Verein aktiv zu sein….

Wie gehen die Kinder selbst damit um?

Kinder versuchen den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden und tun alles Mögliche dafür. Daher haben sie erst in der Pubertät, wenn der Abnabelungsprozess einsetzt, wirklich die Chance sich gegen übermäßigen Ehrgeiz zu „wehren“. In den härtesten Fällen führt eine permanente Überforderung der Kinder zu psychosomatischen Symptomen und Krankheiten wie ADHS und Burnout. Studien zeigen: Immer mehr Volkschüler erkranken bereits daran.

Was können Eltern tun, damit sie nicht in die Übermotivations-Falle tappen?

Ganz nach dem Zitat von Karl Valentin „Die ganze Erziehung hilft nix, die Kinder machen einem dann doch alles nach.“, liegt der Schlüssel in der Vorbildfunktion. Der beste Weg um glückliche und gesunde Kinder heranzuziehen, ist selbst für sein Glück und seine Gesundheit zu sorgen. Wer sein Kind eine positive Beziehung zu Sport lehren möchte, zeigt am besten selbst vor, wie positiv Sport auf einen wirkt. Einfach zu sagen „mache das“ und dann selbst auf der Couch lungern, führt nur zu äußerer, kurzfristiger Motivation, nicht aber zu innerer Motivation und Spaß am Tun.

Roman Braun M.Ed. ist Geschäftsführer von Trinergy International, Master-Coach der ICF und offizieller Rhetorik-Coach der österreichischen Olympia-Sportler und Bestseller-Autor. Er leitet akademische Coaching-Ausbildungen und zu seinen Klienten zählen Weltmeister, Top-Führungskräfte und Spitzenpolitiker.

 

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