Frozen 2: Eine Königin für die Selbstermächtigung

Die Eiskönigin ist in der Fortsetzung des Disney-Filmhits ein bisserl erwachsener geworden – und das steht ihr gut. Eine Rezension zum Start von "Die Eiskönigin 2".

Eine Königin für die Selbstermächtigung - Wir haben "Frozen 2" geschaut

Was passiert, wenn alles passiert ist? Im Fall von Königin Elsa und Prinzessin Anna von Arendelle: nicht viel. Die royalen Schwestern führen nach den Aufregungen in "Die Eiskönigin - Völlig Unverfroren" ein ruhiges Leben im Königreich, die Regierungsarbeit unterbrochen von heiteren Spieleabenden mit Boyfriend und magischem Schneemann, um am Boden zu bleiben. So plätschert das Leben dahin bis... ja, bis Dinge geschehen, die Elsa in innere Unruhe versetzen und das nächste Abenteuer ankündigen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Da gibt es eine geheimnisvolle Stimme, die nach der magischen Königin ruft. Einen verwunschenen Wald mit Geheimnis und allerlei nordischer Mythologie, eine verborgene Vergangenheit und den Mut zweier Schwestern, die erneut beherzt ihre Welt retten. (Nicht schimpfen: Das ist bestenfalls ein leichter Spoiler, immerhin ist das ein Disney-Kinderfilm und da werden Welten nun mal gerettet!)

Modernes Märchen

Ansonst ist vieles beim Alten geblieben. Anna und Elsa sind in Persönlichkeit und Lebensentwurf immer noch unterschiedlich, dabei aber trotzdem wertschätzend und liebevoll zueinander. Das war schon, wie der Film gleich zu Beginn zeigt, im Kleinkind-Alter so: Während Romantikerin Anna ihre Puppen im Spiel rumschmusen lässt, urteilt Mini-Elsa lakonisch: "Küssen wird den Wald nicht retten!". So schaut’s aus.

Die Fortsetzung macht da weiter, wo schon der (Kino-)Kassenschlager "Die Eiskönigin" überzeugen konnte: eine innige Beziehung zweier Schwestern und ein Handlungsstrang abseits der typischen Märchengeschichten. Weder Prinzessinnen noch Königinnen müssen in dieser Dekade von beherzten Prinzen gerettet werden. Das erledigen sie inzwischen selbst, dankeschön.

Frozen 2 verzichtet sogar gänzlich auf eine*n stereotype*n Bösewicht*in und bleibt in den zu bewältigenden Bedrohungen vage genug, dass man diese recht mühelos auf die Realität umlegen kann, ohne dabei zu beklemmend zu sein (weil: Kinderfilm!). Das Skript greift subtil große Themen auf: Ausbeutung und Klimakatastrophe, die Schrecken eines Krieges und nötige Rekonstruktionsleistungen, schwierige Familiengeschichten, Identitätskonflikte und (again!) den eigenen Weg zur Selbstermächtigung.

Frozen 2: So geht Fortsetzung

Ganz neu ist das natürlich nicht: Zweite Teile sind dafür geschaffen, dass Hauptfiguren ihre Hintergrundgeschichte genauer erkunden dürfen, und Elsa ist halt noch lang nicht fertig in ihrer Entwicklung. Am Ende ihres ersten Abenteuers hat sich die Königin von Arendelle mit ihren Kräften arrangiert und ihren Platz in der Gesellschaft trotz aller Widrigkeiten eingenommen. Der (schwesterlichen) Liebe sei Dank! Jetzt geht es darum, diesen Platz mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen in Einklang zu bringen – und ihn, wenn nötig, auch anzupassen. So gehen Geschichten der Emanzipation.

"Die Eiskönigin 2" ist also eine recht typische Fortsetzung, aber abwechslungsreich genug, um nicht fad und nur ein kleines bisserl vorhersehbar zu sein. Die "Frozen"-Buben bleiben in der Geschichte die Nebendarsteller. Das ist (leider) immer noch erfrischend, weil im Film und Fernsehen sonst ja vor allem Männer zu Wort kommen und zur Tat schreiten. Ein Versäumnis, denn Elsa und Anna führen ganz mühelos auch durch einen zweiten Blockbuster. Alexander Van der Bellens Worte zur österreichischen Politiklandschaft gelten auch für Disneyfilme: Jetzt kann keiner mehr sagen, dass es nicht geht.

Für die Playlist der Selbstermächtigung

Disney hat in den letzten Jahren also gelernt, wie zweite Teile gehen (im Gegensatz zu unseligen TV-only Folgefilmen der Vergangenheit, looking at you "Arielle 2") und dass man eine Cashcow echt noch ein zweites Mal melken kann. Den Kinobesucher*innen, groß wie klein, soll’s recht sein, wenn man dafür mit so einem runden Spektakel belohnt wird. Regisseurin Jennifer Lee und Regisseur Chris Buck beeindrucken mit einer abgestimmten Cinematographie, jede Einstellung detailliert und farbenfroh - von irisierenden Eiskristallen zu pink glühenden Feuern bis zur graublauen Gischt der Meereswogen.

Und: Sogar die Songs sind gut! Elsas neue Hymne "Into the Unknown" kommt in einer Playlist der Selbstermächtigung ab jetzt gleich nach "Let it Go", kann vom Rhythmus her aber nicht so leicht in Endlosschleife von Kinderstimmen mitgegröhlt werden – das ist übrigens ein Vorteil. Bei Freund*innen des gepflegten 80ies-Glamrock sorgt Kristoffs Solo-Ballade für wohlwollendes Herzklopfen, inklusive dramatischem Gitarrenriff und sanften Doppelbild-Überblendungen in der Musikvideo-Sequenz. Den Chorus im Hintergrund singen Rentiere.

Olaf, der lebendige Schneemann, ist so nervig oder liebenswert, wie im ersten Teil – das bleibt eine Sache der persönlichen Perspektive. In einem wachen Moment der existentiellen Krise offenbart er mit quäkender Stimme Weisheiten, die für Kinder in ihrer Nonchalance beruhigend sein mögen, Millennials und ähnlichen Erwachsenen wohl eher ein halbgequältes Lächeln entlockt. "When you’re older, absolutely everything makes sense", singt er, während um ihn herum sämtliche Naturgesetze verrückt spielen. Jenseits der Kindheit ist das in seiner Ironie fast a little too close to home - aber das sind Wahrheiten am Ende wohl immer.

YASSS QUEEN: Wir lieben Elsa noch immer

Und auch ein bisserl Pathos darf nicht fehlen. Wenn Elsa zum Schluss das Element Wasser zähmt, und damit auch irgendwie die Essenz ihrer selbst, um mit wehendem blonden Haar (offen, weil befreit vom eigenen Erwartungsdruck) durchs Leben zu galoppieren, dann kann es sein, dass einem*r die Augen ein bisserl feucht werden, während man mit tränenerstickter Stimme "YASSS QUEEN!" brüllen will.

Auch wenn sich Disney die gemunkelte LGBTIQ-Geschichte am Ende doch nicht getraut hat: Mit Elsa kann und konnte sich jedes Kind identifizieren, das nicht so ganz in gesellschaftliche Muster passen will - und wer tut das letztlich schon immer? Ja, "Frozen 2" ist ein bisserl erwachsener geworden – so, wie es auch die Fans des Franchises geworden sind. Gut so: Auch, wenn im Erwachsenenleben nicht "absolutely everything" Sinn macht (sorry, Olaf!), funktioniert das mit der Selbstfindung im Alter eben immer besser.

"Die Eiskönign 2" startet am 20. November in den österreichischen Kinos.

 

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