Fridays For Future: "Von meiner Tochter könnt ihr alle etwas lernen!"

Laut sind die Stimmen, die über die "faulen Jugendlichen" schimpfen. Auf Twitter erzählt eine Mutter jetzt, wie die Jugend-Demo das Leben ihrer Tochter verändert hat - und ihr eigenes gleich dazu!

Fridays For Future

Die wollen doch nur Schule schwänzen! Das sei schlecht für die Wirtschaft. Außerdem hätten sie alle iPhones und H&M-Shirts, mit denen man ohnehin nicht für den Klimaschutz demonstrieren darf. Und überhaupt und sowieso: PR-Maschinerie! Steuergeldverschwendung! Skandal!

So oder so ähnlich unken KritikerInnen gegen die "Fridays For Future"-Demonstrationen. Hunderttausende Jugendliche demonstrierten am 15. März weltweit für einen radikalen Kurswechsel in der Klimapolitik. Weitere Streiks an weiteren Freitag sind angemeldet. Die Bewegung, deren Symbolfigur die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg ist, muss sich seitdem viel Kritik gefallen lassen. Der allgemeine Tenor: Die Jugendlichen wüssten gar nicht, wofür sie demonstrieren würden, sondern wöllten nur nicht in die Schule gehen.

Tochter gibt Anstoß: "Wo können wir uns umweltbewusster verhalten?"

Helena* malt ein anderes Bild der jungen Demonstrationen. Das Leben der 40-Jährigen und ihrer Familie hat sich in den letzten Tagen ziemlich verändert - weil sich die 12-jährige Tochter seit dem Demobesuch plötzlich intensiv mit Klimaschutz beschäftigt. Und das hat auch ihre Mutter zum Nachdenken gebracht, wie sie auf Twitter berichtet.

Letzten Freitag auf der Demo, am Montag Vegetarierin. Seit Beginn der Woche verzichtet Helenas Tochter auf Fleisch. Aus eigenem Antrieb, wenn auch mit greifbarem Vorbild: "Ich selbst esse schon seit ein paar Jahren kein Fleisch mehr und wir versuchen, bio einzukaufen. Aber wir sind kein Vorzeigehaushalt," erzählt ihre Mutter im Gespräch mit der WIENERIN. Den neuen Vegetarismus ihrer Tochter wollte sie am Anfang ein bisschen entschärfen, damit es leichter geht. "Ich hab ihr gesagt, dass sie nicht gleich so streng sein muss und bei Heißhunger ruhig auch mal Fleisch essen kann." Aber nichts da! Die 12-Jährige ist gut informiert und vor allem motiviert: "Dann meinte sie: 'Mama, wenn ich Heißhunger hab, dann fehlt mir was. Wahrscheinlich ist es Eisen, dann trink ich einen Eisensaft und dann ist das auch gut.' Da war ich ziemlich platt."

Es ist nur eine der paar kleinen Veränderungen, die die Familie jetzt zum Wohle der Umwelt auf sich nimmt. "Wir haben jetzt das Rad nicht neu erfunden", wie Helena der WIENERIN sagt. Nein, was sie jetzt tun, kennt man aus unzähligen Tipps zum umweltbewussteren Leben: Eine neue Ernährung, ein bewussterer Umgang mit Müll und Plastik, eine klimafreundlichere Wahl der Verkehrsmittel. Dinge, die man prinzipiell weiß, aber doch nicht in den Alltag integriert. Helena selbst fährt aus Jobgründen einmal im Monat die 500 Kilometer nach München - ab jetzt wird sie das mit dem Zug tun. "Ich war bei vielem einfach auch bequem, wie alle Erwachsenen zwischen Job und Verpflichtungen," gibt Helena zu. Der Enthusiasmus ihrer Tochter hat sie angespornt, auch weil es ihr die eigene Nachlässigkeit bewusst gemacht hätte. Und das sei auch ein bisserl peinlich: "Ganz ehrlich? Ich hätte ja auch vorher schon Mal gucken können, ob ich auch mit der Bahn fahren kann", gibt Helena zu. "Wenn mein Kind es hinbekommt, sich so einzuschränken, dann kann ich mich auch ein bisschen mehr am Riemen reißen!"

Man kann auch mit iPhone für Klimaschutz demonstrieren

Helena und ihre Tochter leben in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Mit drei anderen Mädchen sind Mutter und Tochter extra nach Bonn angereist. Für Helena war es auch die erste Demo: "Zuerst waren die Mädchen noch zögerlich, aber dann haben sie mit skandiert. So viele junge Menschen gemeinsam! Es war sehr bewegend."

Auch deswegen kann die 40-Jährige der harschen Kritik an "Fridays For Future" nichts abgewinnen: "Ich finde es unmöglich, wie erwachsene Menschen Greta und andere Jugendliche persönlich angreifen und diffamieren. Wenn man so mit jedem umgeht, der sich, wie die Konservativen sagen würden, 'erdreistet' und sich über Klimapolitik äußert, dann darf keiner mehr was sagen." Denn: Keiner von uns lebe wirklich klimaneutral. iPhones hin, Urlaubsreisen her: "Es ist menschlich, dass man widersprüchlich lebt. Es ist menschlich, dass man Dinge tut, von denen man sogar weiß, dass sie kacke sind. Man rechtfertigt sich auch vor sich selbst. Die Erwachsenen wie die Jugendlichen. Aber dieses Engagement der Jungen, dieser Wille - davon können sich die Erwachsene ein paar Scheiben abschneiden."

Fridays For Future sensibilisiert für den Klimaschutz

Wie wird es jetzt weitergehen? Ist das Interesse nachhaltig? Helena sieht das pragmatisch: "Die Große ist motiviert. Ich weiß nicht, ob sie jetzt für immer Vegetarierin bleiben wird, aber das Thema ist auf jeden Fall da." Sei man erstmal sensibilisiert, falle man nicht mehr so leicht in alte Muster zurück. Und Helenas Tochter nimmt die Sache ziemlich ernst: "Sie hat gestern recherchiert, wieviel Liter Wasser pro Kilogramm Avocado verbraucht wird und sich Argumente zurecht gelegt, damit sie belegen kann, dass selbst wenn sie eine Avocado isst, dass das nicht so schlimm ist wie ein Steak zu essen."

Auch wenn die Beiden nicht jeden Freitag dabei sein werden, sind zukünftige Demobesuche fix eingeplant: "Ich finde es unterstützenswert, wenn sich junge Leute Gedanken machen und sich politisch engagieren", sagt Helena. "Wie lange hat man sich darüber aufgeregt, dass die Jugend zu unpolitisch, zu hedonistisch und konsumversessen sei? Jetzt gibt es eine andere Bewegung und das ist auch wieder falsch. Das ist scheinheilig."

*Helena lebt mit Mann und drei Kindern als Patchwork-Familie in Nordrhein-Westfalen. Ihr vollständiger Name ist der Redaktion bekannt.

Unter dem Titel "Fridays For Future" demonstrieren Jugendliche für "eine radikale Umweltschutzpolitik in Übereinstimmung mit dem 1,5°C-Ziel und globale Klimagerechtigkeit". Mehr als 2.000 Kundgebungen in mehr als 120 Städten, von London über Warschau bis Rom. In Wien zählte die Polizei 10.500, die Veranstalter gar 25.000 TeilnehmerInnen. Protestiert wurde auch in Bregenz, Innsbruck, Graz, Klagenfurt, Salzburg und Linz.

Weitere Demonstrationen sind an den folgenden Freitagen geplant. Für die österreichischen SchülerInnen könnte ein Besuch in Zukunft ein bisschen schwieriger werden: In einem Erlass weist das österreichische Bildungsministerium darauf hin, dass "Schule und gesellschaftliches Engagement nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen". Eine Demo-Teilname sei aber keine gerechtfertigte Verhindung des Schulbesuchs. „Im Sinne der Beteiligungsmöglichkeit der Schülerinnen und Schüler an den ‚Welt Klima-Demonstrationen‘ wäre es wünschenswert, dass die Demonstrationen in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden“, heißt es in dem Schreiben.

 

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