Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ateş im Interview

Sie ist direkt und stellt Fragen. Zum Islam. Das macht die deutsch-türkische Anwältin Seyran Ateş zur Zielscheibe. Trotz eines Attentats 1984 setzt sich Ateş weiter für Rechte von muslimischen Frauen ein. Die WIENERIN traf sie in Berlin.


Schwungvoll kommt sie rein, wuschelt mit drei Fingern ihren dunklen Pony in Form, lächelt. Die WIENERIN trifft Seyran Ateş in ihrem „Wohnzimmer“, wie sie sagt, der Trattoria Ossena. Hier in Berlin Mitte, wo sich Touristen tummeln und sich die deutsche Hauptstadt hip und lustig präsentiert, fühlt sich die 51-jährige Menschenrechtsaktivistin, Anwältin und Frauenrechtlerin wohl. Und frei.

Doch die multikulturelle Easy-­going-Stimmung ist nur eine Seite. Seyran Ateş floh mit 17 Jahren aus den Zwängen ihrer türkisch-konservativen Familie und bezahlte ihr Engagement, sich für muslimische Frauen einzusetzen, fast mit dem Leben. Das Schuss-Attentat 1984 überlebte sie wie durch ein Wunder – trotz zerfetzter Halsschlagader. Die schutzsuchende Frau hingegen, die bei dem bis heute ungeklärten Anschlag eine Kugel in den Bauch bekam, starb.

Seyran Ateş weiß auch heute noch genau, was Bedrohung heißt. Jede Stunde stoppt eine ­Polizeistreife vor ihrem Haus, um sie und ihre Familie zu schützen. So gut es eben geht. Aber die eloquente, geradlinige Frau hat sich von den radikalen Männern nicht biegen lassen. Hat wieder begonnen, ihre Stimme zu erheben. Gerade als Frau, gerade als Muslimin. Ein Gespräch über Jungfernwahn, Sexismus und einen Aufschrei, der fehlt.

Ich bin zu frech, gehe zu weit, fordere zu viel für Frauen.
von Seyran Ateş über die Kritiker-Argumente

Sie sind Muslimin, kritisieren den Islam seit Jahrzehnten, werden dafür bedroht. Haben Sie Angst?
Ja, ich kenne diese Angst, dass mir jemand etwas antut, weil ich selbstbestimmt leben möchte. Das habe ich bereits erfahren, als ich von zu Hause weggelaufen bin. Schon da war klar, dass mich meine Eltern verfolgen werden, dass mein Vater mir etwas antun könnte. Diese Angst ist Teil meiner Identität, ich bin eine Deutsche und eine türkisch-kurdische Frau. Ich bin also eine Mischung. Auf deutscher Seite bin ich frei, da empfinde ich diese Angst weniger, doch auf türkischer Seite ist es anders. Weil ich zu frech bin, zu weit gehe, weil ich zu viele Rechte für Frauen fordere.

Sie sind Muslimin, Ihr Glaube ist der Islam. Die radikalen Muslime, die Menschen töten und uns Angst machen, sagen auch, dass ihr Glaube der Islam ist. Wo bleibt der Aufschrei der friedlichen Muslime, deren Gott hier so missbraucht wird?
Seit dem 11. September 2001 wünscht sich die westliche Welt von der muslimischen Community diesen Aufschrei. Und auch ich bin entsetzt, dass sich die muslimischen Autoritäten nicht hinstellen und sich erklären. Sie könnten eine Fatwa aussprechen. Und damit sagen: „Das hat nichts mit unserem Glauben zu tun, denn das Töten eines Menschen ist wie das Töten der Menschheit.“

Und warum passiert das seit fast 14 Jahren nicht? Haben Muslime Angst, sich zu positionieren?
Das hat mehrere Gründe: Einmal gibt es sie in der Masse nicht. Viele sagen: „Es war nicht gut, dass Menschen (Anm. d. Redaktion: Mitglieder von Charlie Hebdo) gestorben sind, aber sie waren auch selbst schuld. Was haben sie erwartet?“ Auch friedliche Muslime haben die Aufklärung nicht mitgemacht, sie halten auch nicht viel von Meinungs- und Presse­freiheit. Und außerdem haben wir es mit teils recht unpolitischen Menschen zu tun. Die betrachten das lieber vom Fernseher aus, als auf die Straße zu gehen. Aber nichtsdestoweniger betrifft es ihre, meine Religion, die immer mehr Ansehen verliert. Boko Haram, Al Kaida, IS, Hamas – es ist unglaublich, was im Namen des Islam derzeit passiert.

Sie haben sich emanzipiert, sind von zu Hause weg. Mir ist ein Wort aufgefallen, das in Ihren Büchern vorkommt: „ayip“ – was bedeutet es?
Ayip sind Dinge, die sich nicht schicken. Das Leben von Mädchen und Frauen ist voll davon.

Seyran Ateş

Ayip kann also vieles sein: So was Banales wie die Beine zu überschlagen, aber es war doch auch ayip, als Sie Ihre erste Regelblutung hatten. Ihre Mutter gab Ihnen dafür eine Ohrfeige. Hat sich seit Ihrer Kindheit da etwas verändert?
In einem aktuellen WHO-Bericht steht, dass 25 Prozent der türkischen Frauen – also jede Vierte – keinen Namen für ihr Geschlecht haben. Es ist nach wie vor ayip, es zu benennen, also überhaupt ein Verhältnis dazu aufzubauen.
Für Burschen gibt es außer Res­pektlosigkeit Älteren gegenüber fast keine „ayips“. Sehen Sie bei diesen „Scham-Strukturen“ überhaupt eine Entwicklung?
Ja, mehr Bildung, mehr Aufklärung, mehr Demokratisierung und mehr Zivilgesellschaft führen auch zu mehr Selbstwertschätzung und auch zu einem anderen Verhältnis zum eigenen Körper.

Ihre Tochter ist zehn Jahre alt. Kennt sie noch ayips?
Für ihr Leben ist das gar kein Thema mehr. Meine Tochter ist hier im Westen groß geworden und hat nur noch die ayips, die diese Gesellschaft kennt. Sie wird etwa langsam ein Teenager und zieht sich in der Öffentlichkeit nicht mehr aus.

Ob man sie auszieht oder unter dem Kopftuch versteckt, ist egal.
von Seyran Ateş über die Frau als Sex-Objekt


Das Thema Kopftuch wird in Österreich teils sehr emotional behandelt. Gerade junge Mädchen sagen oft: „Es ist doch auch meine Freiheit, es zu tragen.“ Wie sehen Sie das?

Für mich ist es egal, ob eine Frau zu Werbezwecken halbnackt auf einem Auto liegt – sie also zum Sexualobjekt wird – oder aus demselben Grund unter das Kopftuch gesteckt wird. Denn: Auch da wird sie zum ­Sexualobjekt gemacht.

Eine verhüllte Frau reizt den Mann, weil sie ihn nicht reizen soll?
Wir fokussieren uns auf den Reiz des Mannes, der Blick ist klar auf dem Mann. In einem Fall nutzen wir den Reiz positiv, indem wir die Frau ausziehen und den Mann für uns gewinnen. Er soll mit sexualisierter Werbung am Ende das Auto kaufen. Im anderen Fall ziehen wir die Frau an, damit der Mann geschützt und nicht von seiner Religion abgelenkt wird. In beiden Fällen geht es um das Patriarchale.

Immer wieder wird von sexuell aufgeladener Atmosphäre gesprochen, Verhüllung sei demnach eine sexuelle Bremse für muslimische Männer. Wie sehen diese Männer denn unverhüllte, westliche Frauen?
Wenn man sich die Radikalislamisten ansieht, ist das einfach: Das sind alles Huren, keine anständigen Frauen. Mit denen kann man machen, was man will: Sie sind „haram“, nicht wertes Leben.

Barbara Haas im Interview mit Seyran Ateş


Spielt auch die Jungfräulichkeit unter Muslimen noch immer so eine große Rolle?

Ja, sie ist sehr wichtig, auch in liberalen muslimischen Familien. In Berlin gibt es eine Beratungs­stelle, zu der pro Jahr ca. 80 Frauen für eine Abtreibung kommen. Und zwar, weil sie als Jungfrau in die Ehe gehen müssen. Sie treiben also ab und zur Hochzeit lassen sie sich ihr Jungfernhäutchen wieder herstellen. Diese Entwicklung ist real, denn immer mehr muslimische Frauen lassen sich auf Geschlechtsverkehr vor der Ehe ein. Das bedeutet, dass immer mehr Jungfernhäutchen im Nachhinein wieder hergestellt werden müssen, damit die Frauen in der Hochzeitsnacht bluten. Was vermieden wird, ist eine offene Diskussion zu führen über diesen Jungfernwahn.

Warum sind Jungfrauen im Paradies für Terroristen ein so starker Anreiz, wenn muslimische Männer doch auch im Diesseits den Jungfrauen-Wahn ausleben können?
Erstens kriegt man mehr Jungfrauen, also eben 72. Und diese sind – so steht es geschrieben – auch nach dem Verkehr immer wieder Jungfrauen, sie stellen sich wieder her. Auch diese Vorstellung ist respektlos uns Frauen gegenüber, denn wir werden als Sexualobjekt gesehen. Und fertig.

Die Jungfrauen im Paradies stellen sich immer neu her.
von Seyran Ateş über die 72 Jungfrauen


Sind Frauen denn im Besitz von muslimischen Männern
?

Ja, sie sind Eigentum. Ein Interviewpartner hat mir mal gesagt: „Uns wurde beigebracht, Frauen sind unser Besitz, wir werden Frauen besitzen.“

Wenn es tatsächlich eine ­sexuelle Revolution im Islam geben würde, woran würde man das merken?
Durch weniger Großfamilienstruktur würde es mehr Privatsphäre und Intimität geben. Frauen hätten das Recht, über ihre eigene Sexualität zu entscheiden. Denn es geht doch niemanden etwas an, ob ich noch Jungfrau bin! Auch niemanden in der Familie. Es ist mein Recht, mein Körper und meine Entscheidung, wem ich meine Jungfräulichkeit gebe. Im Grunde geht es um mehr Rückzug der Sexualität ins Private, nicht um freie Liebe oder Polygamie.

Würde diese Revolution den Männern auch etwas bringen?
Ja, ebenfalls Freiheit. Denn Frauen sind ja lebendige Wesen, die sie jetzt ständig verfolgen müssen, wie beim Geheimdienst. Die sexuelle Revolution würde also nicht nur Frauen Freiheit bringen, sondern auch den Mann von dieser Observationspflicht befreien.

1963 in Istanbul geboren, lebt die Deutsche mit türkisch-kurdischen Wurzeln seit 1969 in Berlin und arbeitet dort als Autorin und Anwältin.

Seyran Ateş kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Für ihr Engagement als Frauenrechtlerin und Anwältin wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden der Stadt Berlin. Ihre Bücher, wie Der Islam braucht eine sexuelle Revolution oder Der Multikulti-Irrtum, sind im Ullstein-Verlag erschienen.

 

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